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09:24 05.08.2009
Von Simon Benne
Bibliotheksdirektor Jochen Bepler Quelle: Andreas Hartmann

Wer zum Schatz gelangen will, muss durch den klimatisierten Keller der Hildesheimer Dombibliothek gehen. Vorbei an rund 70.000 pittoresken Bänden, die teils aus dem 15. Jahrhundert stammen, zum Tresor des Handschriftenmagazins. Diesen könnte Dan Brown für seinen Thriller „Illuminati“ ersonnen haben: „In der Wand steckt ein Kunststoff, der sich bei Einbruchsversuchen verflüssigt und so den Bohrer verklebt“, sagt Bibliotheksdirektor Jochen Bepler, als er die tonnenschwere Tür aufzieht. Dahinter hütet er eines der kostbarsten Bücher der Welt. Die Seiten des mittelalterlichen Albani-Psalters sind in drei schwarze Kisten verpackt. Jedes Blatt ist in ein eigenes, dickes Passepartout eingebettet, damit sein Gewicht nicht auf den anderen Blättern lastet.

„Der Albani-Psalter ist so viel wert wie das berühmte Evangeliar Heinrichs des Löwen in Wolfenbüttel – nur, dass er älter und schöner ist“, sagt Bepler ohne falsche Bescheidenheit. Unlängst wurden etwa 1100 Faksimiles des Buches angefertigt – im gut sortierten Fachgeschäft sind sie für je 12.000 Euro zu haben, solange der Vorrat reicht. Der Preis des Originals lässt sich kaum bemessen: „Unter 60 Millionen Euro ginge da gar nichts“, sagt Bepler. Schließlich ist der Albani-Psalter mit seinen handgeschriebenen Psalmen und den mehr als 200 farbigen Zeichnungen eines der prachtvollsten Exemplare mittelalterlicher Buchkunst.

Um seine Entstehung rankt sich eine der großen platonischen Liebesgeschichten der Christenheit, eine Beziehung wie jene zwischen Franz und Klara von Assisi oder Heloise und Abaelard. Um 1135 soll Geoffrey von Gorham, Abt des Benediktinerklosters St. Albans bei London, in Zuneigung zur Einsiedlerin Christina von Markyate entbrannt sein. Eine keusche Zweisamkeit, glaubt man der Vita der frommen Frau: „Sie war so erfüllt mit dem Heiligen Geist, dass sie gar nicht fleischlich lieben wollte“, heißt es darin.

Irgendwann entschied sich Geoffrey, den Psalter, der ursprünglich wohl das Renommierstück der eigenen Klosterbibliothek hatte werden sollen, seiner Vertrauten zu verehren. Wohl auch deshalb sind die weiblichen Figuren mit so viel Sympathie gezeichnet, dass Freundinnen feministischer Theologie heute noch ihre Freude an den Illustrationen haben können: So verkündet Maria Magdalena den durchweg männlichen Jüngern die Auferstehung so selbstbewusst wie ein Theologieprofessor, der vor seinen Erstsemestrigen steht. Eine Initiale zeigt die Einsiedlerin Christina, gefolgt von Ordensmännern, vor Jesus: „Ich flehe dich an, errette deine Mönche“, steht darüber. Offenkundig erhoffte sich Geoffrey von seiner Mentorin Fürsprache für sein Seelenheil.

Jede Illustration, von Adam und Eva bis zum Leben Jesu, ist eine Augenweide. In überbordender Farbenpracht zeigt der Psalter Bilder von großer Dynamik; die Figuren sind so sehr in Bewegung, dass ihre Gliedmaßen teils fast expressiv verrenkt wirken. Manches erinnert an einen actionreichen Comic: In einer Miniatur fallen dem Henker, der den heiligen Alban köpft, zur Strafe die Augen aus dem Kopf. Viele Bilder sind von kunstvollen Ornamentrahmen eingefasst, doch immer wieder ragen einzelne Füße, Hände oder Schwerter über diese hinaus: „Es gibt überaus feste Regeln, die aber immer wieder durchbrochen werden – ein wichtiges Thema für die Gesellschaft jener Zeit“, sagt Bibliotheksdirektor Bepler.

Der 58-Jährige beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Albani-Psalter. Er liest in dem Buch auch Dinge, die dort nicht geschrieben stehen. Etwa, dass das Werk wohl auch als Lehrbuch gedacht war. Denn einige Texte sind in Altfranzösisch verfasst – offenbar, um Christina die Sprache der neuen normannischen Herren beizubringen, die 1066 England erobert hatten. Der Heiligenkalender des Psalters nennt am 3. September den Gedenktag für Gregor den Großen. Dessen Titel „papa“, Papst, ist jedoch ausradiert: „Zur Reformationszeit muss der Psalter also noch in England gewesen sein“, folgert Bepler. Schließlich hatte sich König Heinrich VIII. 1534 von Rom losgesagt, Papstkult war nicht mehr opportun.

„Die Geschichte eines Buches hört nicht mit seiner Produktion auf“, sagt Bepler, „und in diesem Fall ist sie spannend wie ein Krimi.“ Zur Zeit der Katholikenverfolgung flohen Benediktiner aus England. Asyl bot ihnen unter anderem der Bischof von Hildesheim in einem früheren Nonnenkloster in Lamspringe. Der englische Abt Clemens Reyer nahm das marode Gebäude 1643 in Besitz – mit dem Versprechen, es zurückzugeben, sobald England wieder katholisch sei und St. Albans wieder in den Händen der Benediktiner. Auf dem ersten Blatt des Buches steht „Lambspring 1657“ – zu dieser Zeit muss es also bereits dort gewesen sein.

Als das Kloster bei der Säkularisation 1803 aufgehoben wurde, versuchte einer der Patres, die Bibliothek in einer Nacht- und-Nebel-Aktion zurück nach England zu retten. Der Hamburger Zoll verhinderte den Kulturgutexport. Den Psalter jedoch hatten die englischen Mönche wohl schon vorher ihren deutschen Brüdern im Hildesheimer St.-Godehardi-Kloster übergeben: Die Mönche in Lamspringe litten unter Nachwuchsmangel, sie waren zerstritten und finanziell klamm. St. Godehard gehörte zu ihren Gläubigern – vielleicht landete das Buch auf diese Weise in Hildesheim, im Besitz der heutigen Innenstadtgemeinde Heilig Kreuz, die noch immer als Eigentümerin firmiert.

Dort schlummerte das Prachtstück Jahrzehnte lang den Dornröschenschlaf im Tresor, für Forscher nur schwer zugänglich. Das soll sich jetzt ändern: Im September wird der Psalter im Mittelpunkt einer großen Ausstellung stehen. Die Gelegenheit ist günstig, denn derzeit ist er in seine Einzelblätter zerlegt. Um das Buch restaurieren und faksimilieren zu können, haben Restauratoren den Einband, den ein Buchbinder 1939 angefertigt hatte, in tagelanger Millimeterarbeit mit Skalpellen aufgetrennt: „Das war wie eine Autopsie“, erinnert sich Bibliotheksdirektor Bepler schaudernd, „ein intimer, fast indiskreter Vorgang.“ Immerhin können so nun fast alle Blätter gleichzeitig gezeigt werden – zunächst in Hildesheim, weitere Ausstellungen in England oder den USA sind angedacht.

Es wird die letzte große Ausstellung im Dommuseum sein, ehe das Haus für Umbauarbeiten bis zur 1200-Jahr-Feier des Bistums im Jahr 2015 schließt. Die kostspielige Domsanierung ist unter den Katholiken nicht unumstritten, zumal andernorts Kirchen profaniert werden. Unstrittig ist dagegen der Wert des berühmten Psalters, der die Widrigkeiten der Jahrhunderte überdauert hat. So dient bei der großen Ausstellung des Buches die Vergangenheit der Gegenwart: Die Erinnerung an ihren Glanz ist auch ein Stück Selbstvergewisserung.

Vom 12. September an ist der Albani-Psalter im Hildesheimer Dommuseum, Domhof 4, zu sehen.

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