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Auf dem Kunstboulevard

Timm Ullrichs stellt in Niedersachsen aus Auf dem Kunstboulevard

„Des großen Erfolges wegen“: Totalkünstler Timm Ulrichs stellt an fünf Orten in Niedersachsen aus. Wie eine gute Boulevardbühne belohnt auch Timm Ulrichs Kunstboulevard mit geistreicher Unterhaltung und witzigen Ideen.

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Schade, dass Beton nicht glänzt: Timm Ulrichs neben der Sprengel-Museums-Musterfassade in der Kunststätte Bossard.

Quelle: Schacht

Hannover . So, nun ist erst mal Ruhe, bis zum Hundertsten“, hatte er nach dem Gratulationsreigen zum 75. Geburtstag im März gesagt. Ruhe für Timm Ulrichs? Keineswegs: Gleich vier Kunststätten in Niedersachsen präsentieren jetzt Werke des selbsternannten „Totalkünstlers“. Und demonstrieren damit, dass Timm Ulrichs sich nicht zu Unrecht so nennt. Ob Naturschauspiel oder Rauminstallation, Klangkunst, Stein- oder Holzarbeit: Das Repertoire des hannoverschen Künstlers reicht für mehr als vier Ausstellungen – und sein Fundus ebenfalls. „Meine Sprachenarbeiten kommen gar nicht vor“, sagt Ulrichs, „und meine Selbstdarstellungen ebensowenig.“ Doch dafür ist der Mann, der sich vor 50 Jahren als „Das erste lebende Kunstwerk“ in eine Galerienvitrine gesetzt hat, ja bei der Präsentation der Ausstellungen selbst anwesend. Und das gleicht einiges aus.

„Des großen Erfolges wegen“ ist der Titel des Ausstellungsreigens. So wirbt der Wurstmaxe auf dem Markt, aber auch das Boulevardtheater bei der Wiederaufnahme eines Theaterstücks. „Des großen Erfolges wegen“ hieß schon eine „Totaltheaterbilanz“, die der Künstler bereits 1968 gezogen hat. Wie eine gute Boulevardbühne belohnt auch Timm Ulrichs Kunstboulevard mit geistreicher Unterhaltung und witzigen Ideen. Zwar werden auch hier altbekannte Kunstwerke präsentiert, doch der Künstler legt Wert darauf, dass „höchstens fünf von 60 Stücken“ schon in Hannover zu sehen waren. Kein Wunder: Teils sind die Exponate zu sperrig für Museumsräume, teils sind sie unverrückbar an einen Ort gebunden. Und teils müssen sie überhaupt erst heranwachsen.

„Musterfassade“, Kunststätte Bossard: So ist es beispielsweise an der Kunststätte Bossard bei Jesteburg, wo Ulrichs die hundert Bäume des „Statistischen deutschen Waldes“ gerade erst hat pflanzen lassen. Daneben hat er „Aufhebung der Erdrotation“ installiert – zehn Kaskadenblitze, die ihre Lichter binnen 0,36 Sekunden mit Erdrotationsgeschwindigkeit abschießen. „Vom Weltall aus gesehen“, sagt Ulrichs, „steht der Lichtpunkt still.“ „Musterfassade“ heißt dieser Ausstellungsteil. Hier hat Ulrichs nicht nur Reitparcourshindernisse und Winterabdeckungen für hannoversche Kunstwerke aufstellen lassen („Die sind manchmal schöner als die Kunstwerke darunter“) sowie eigene Verschalungen, etwa für einen Hund. Er hat auch die 11,5 Tonnen schwere Musterfassade herbeischaffen lassen, die die hannoversche Öffentlichkeit von der Betonfassade des Sprengel-Museums überzeugen sollte und die nun in der Kunststätte Bossard den Anfang eines „Kunstpfads“ bildet. „Klar, die Sprengel-Fassade wirkt eher schmutzig“, konstatiert  der Künstler. „So schön poliert ist nur die Musterfassade.“

„In alle Winde“, Cuxhavener Kunstverein: Hier werden Experimente des Künstlers mit den vier Elementen gezeigt. „Seegang mit Wind und Wellen“ etwa, ein wippendes Wasserbecken, auf dem zwei Föhne ein Segelschiff in die eine oder andere Richtung blasen – und so die Wippe zur Neigung bringen. Das „Seestück“, ein Waschbrett mit Cuxhavener Wanderwegmarkierung. Oder auch „Das rote Meer“, ein Fotoprojekt zur Natureinfärbung. „Mit Timm Ulrichs sind wir seit den Achtzigerjahren verbunden“, sagt Kunstvereinschef Hans Hochfeld. „Er hat den Impuls zur Gründung des Cuxhavener Kunstvereins gesetzt.“

„Kunst, natürlich“, Kunstverein Springhornhof: Timm Ulrichs hat hier bereits 1977 seinen „Ego-zentrischen Steinkreis“ gestaltet. „100 000 Steine herankarren und dann werfen – es war so langweilig“, sagt Ulrichs heute darüber. „Wir haben das Werk eigens von Moos befreit und fehlende Steine ersetzt“, hebt Kunstvereinschefin Bettina von Dziembowksi hervor. „Die liegen jetzt wahrscheinlich in Hamburg-Pöseldorf“, sagt Timm Ulrichs.

„Ich sehe was, was du nicht hörst“, Kunstverein Buchholz: „Wer bei uns eintritt, gewinnt den Eindruck, was kaputt gemacht zu haben“, sagt Sven Nommensen, der Vorsitzende des Kunstvereins Buchholz in der Nordheide. Denn da wird der Besucher erst einmal mit dem Geräusch dreier zerberstender Scheiben konfrontiert. Ruhiger geht es bei Timm Ulrichs anderen Sound-Art-Werken zu. „Innere Stimmen“ zum Beispiel, ein Hörbild mit eingelassenen Muscheln, kann man an sein Ohr halten. „Still/Life“ zeigt zwölf Polaroid-Bilder und eine Tonbandkassette mit den Kamerageräuschen beim Aufnehmen der  Bilder. Und „Ohne Resonanz“ ist der Betonabguss eines Gitarrenresonanzbodens.
Sven Nommensen hat, inspiriert von der Retrospektive im Sprengel-Museum („Betreten der Ausstellung verboten“, 2010), „Des großen Erfolges wegen“ initiiert. Den Künstler Timm Ulrichs selbst treibt seit der Sprengel-Ausstellung die Frage um, was einmal aus seinen großen Kunstbeständen werden soll. „Je größer die Zahl der Jahre wird, desto dringlicher muss ich mich um den Verbleib des Nachlasses kümmern“, sagt Timm Ulrichs. „Wenn ich was verschenke, kommt der Staat, nennt das Ertrag aus Betriebsvermögen und will noch Steuern von mir – es ist gar nicht so leicht, die ganzen Klamotten loszuwerden.“
Wirklich Ruhe, man ahnt es, wird der Totalkünstler erst finden, wenn auch diese Frage total geklärt ist.
„Des großen Erfolgs wegen“.

Bis 27. September in der Kunststätte Bossard, Bossardweg 95, Jesteburg. Bis 9. August im Cuxhavener Kunstverein, Segelckestraße 25, Cuxhaven. Bis 30. August im Kunstverein Springhornhof, Tiefe Straße 4, Neuenkirchen bei Soltau, Eröffnung Sonnabend, 27. Juni, um 17 Uhr. Bis 16. August im Kunstverein Buchholz, Kirchenstraße 6, Buchholz, Eröffnung Sonntag, 28. Juni, um  11 Uhr.

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