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Nachrichten Kultur Filmpremiere startet im Apollo-Kino
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02:16 03.06.2018
„Gepflastert mit guten Absichten“ – das „Glossary of Broken Dreams“ von Johannes Grenzfurthner. Quelle: Monochrom
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Hannover

„Ein Mensch ist ein politisches Wesen“ - das ist die nicht ganz neue Ausgangsthese eines Films, der tatsächlich das „Zoon politikon“, den ganzen Menschen fordert. Der Mensch erschließt sich die Welt bekanntlich durch Geschichten - neudeutsch „Narrative“, oder, auf englisch, „narratives“ - und kommt bei altbekannten Geschichten, also „stories“, auch mit andeutenden Abkürzungen, pardon: „shortcuts“ aus.

Schon mehrfach ausgezeichnet

Diese wenigen Vokabeln reichen indes nicht, um den Film „Glossary of Broken Dreams“ zu verstehen. Denn dieser Film ist komplett englischsprachig, was von einigem Selbstvertrauen seines österreichischen Urhebers Johannes Grenzfurthner zeugt. Immerhin, das Werk ist schon mit mehreren Dokumentarfilmpreisen ausgezeichnet worden. Und am Sonntag schreitet mit der Deutschlandpremiere im Apollo-Kino die weltweite Vermarktung des Films fort, der mit seinen 98 Minuten Länge zwar Spielfilmdimensionen hat, aber alles andere als ein Spielfilm ist.

Denn dieses „Glossar der unerfüllten Träume“ ist ein Filmessay über gescheiterte Hoffnungen, über die uneingelösten Glücks- und Freiheitsversprechen der jüngeren Menschheitsgeschichte – von Aufklärung und Liberalismus über Kapitalismus und Kommunismus bis hin zu Kunst, Aktivismus und Punk. Er habe damit, erläutert Grenzfurthner, der nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch zentraler Darsteller dieses irgendwo zwischen Low- und No-Budget finanzierten Streifens ist, einen „politischen Frühjahrsputz der Begriffe“ bewerkstelligen wollen. Eine Kritik der Begriffswelten aus dem Glauben heraus, „dass wir es besser machen können“, obwohl er auch selbst „Teil des Problems sei“, wie der Kopf des Wiener Künstlerkollektivs Monochrom im Interview mit der Online-Plattform Zebrabutter einräumt. Wozu er noch ein „Harharhar!“ anfügt.

Die Sprechblasenphrase passt zum ästhetischen Vokabular des Films. Der mischt in einer wilden Collagentechnik Comic- und Computerspielformen mit Wackelkamera in Fast Forward und Slow Motion, mit Gothic-, Underground- und Science-Fiction-Elementen sowie Zitaten von Philosophen aus Geschichte und Gegenwart. Grenzfurthner und seine Kombattanten sind freilich oft zu Fensterreden und Monologen genötigt, um den geballten intellektuellen „Input“ ins Werk zu pressen, und bisweilen werden dazu Abstrakta kurzerhand zu Personen gemacht. Da tritt dann ein Herr namens „Politics“ in Dialog mit einer Therapeutin, die ihm erläutert, dass die Aufgabe von Politik nur noch der Abgleich von Partikularinteressen sei. „Politik will das Universum einschließen“, erläutert sie ihrem „Politics“-Patienten, „aber da die Arbeiterklasse gestorben ist … tut mir leid, da gibt es keine Therapie.“

Totgesagte leben länger

Sind alle Träume von Freiheit und Selbstbestimmung historisch widerlegte Utopien, nichts als Zukunftsentwürfe von gestern? Totgesagte leben länger, und so durchzieht Kapitalismus- und Entfremdungskritik allenfalls unterschwellig ironisch gebrochen auch diesen Filmessay. Mehrfach tritt dazu das Wiener Satire- und Gesangsduo Duscher & Gratzer vor die Kamera, bietet eine Klampfenversion von Heinrich Heines „Schlesischen Webern“ dar oder bringt Erich Mühsams „Revoluzzer“ zu Gehör.

Doch lässt sich derart linken „Politics“ wieder Leben einhauchen? Auch unter Bedingungen des Datenkapitalismus, der Arbeitswissen digitalisiert und so, wo immer er eindringt, lebendige Arbeit ersetzt? Am Ende will Grenzfurthner noch vom „ultimativen zerbrochene Traum“ der Linken selbst künden. Doch die Begründung dafür scheitert am Produktionsetat, und die letzten Minuten zeigen den Künstler beim Betteln um „noch a bissl a Geld für an Abspann“. Harharhar.

„Glossary of Broken Dreams“. Deutschlandpremiere in Anwesenheit von Johannes Grenzfurthner, Apollo-Kino, Limmerstraße 50, am Sonntag, 3. Juni, um 13 Uhr. Nach dem Film gibt es ein Gespräch Grenzfurthners mit dem Kulturwissenschaftler und HAZ-Autoren Thomas Kaestle. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Von Daniel Alexander Schacht

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