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Die Eleganz des Übergangs

Deutschlandpremiere von „Tenir le Temps“ Die Eleganz des Übergangs

Menschen, Massen, Magnetismus: Rachid Ouramdanes „Tenir le Temps“ feiert Deutschlandpremiere beim Tanzkongress im Schauspiel.

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Von der Spannung über oszillierende Arme zur Sinuskurve: „Tenir le Temps“ von Rachid Ouramdane.

Hannover. Laut hämmerndes Klavierostinato zerhackt die Luft im Schauspielhaus. Ein Mann steht in der Mitte der leeren Bühne. Erst reglos, dann zusehends mehr von der repetitiven Melodie bewegt. Bis ihn die Akkorde durchzucken, ihn in maschinenhafte Bewegung versetzen. Eine Marionette am Gängelband der Musik.

Mit dieser One-Man-Show beginnt ein Abend, in dessen Verlauf mehrfach derart Solitäre reizvoll schroffe Kontrapunkte zu dem großen tänzerischen Wogen bilden, mit dem Rachid Ouramdane das Publikum des Schauspielhauses fasziniert. Darunter sind zahlreiche Fachgäste des in Hannover tagenden Tanzkongresses, den die Kulturstiftung des Bundes gemeinsam mit der niedersächsischen Landeshauptstadt an diesem Wochenende veranstaltet hat.

Die Inszenierung des 45-jährigen Choreografen, der schon öfter, zuletzt 2013 bei Tanztheater International, in Hannover zu Gast war, heißt „Tenir le Temps“. Und dass in der tänzerischen Bewegung tatsächlich die Zeit angehalten werden kann, demonstriert die Truppe des Centre choréographique national de Grenoble auch bei der Deutschland-Premiere dieser Choreografie zumindest augenblicksweise.

Aufgelöst wird das Marionetten-Solo durch die anderen Akteure, die die Bühne bevölkern, den Marionettenmann mitziehen, zwei Reihen bilden, die sich in zwei Kreise auflösen, woraus ein Kreis wird, aus dem die Tänzer paarweise ausscherend die Bühne queren. Und all diese Konstellationen werden nicht schematisch aneinandergereiht, sondern auseinander entwickelt. Sie werden von Einzelnen oder von Paaren angestoßen, die die anderen anregen. Und diese nehmen die Impulse in neuen, veränderten Positionen auf, ohne sie einfach nachzuahmen. Kein Wunder, dass diese Ästhetik des steten, gleitenden Übergangs die Betrachter in ihren Bann zieht, dass man sich nicht sattsehen kann an den wiederholten, doch in den stets leicht variierten Wiederholungen immer wieder anderen Bewegungen, die die Truppe bisweilen zu einer Art Metakörper verschmelzen lassen und dann wieder in einzelne Tänzer auflösen.

Kein Wunder auch, dass schon bei der Premiere in Frankreich Kategorien aus der Physik als Metaphern der Beschreibung herangezogen worden sind. Ouramdane interessiert sich gleichsam für die Mechanik von Sog und Verdrängung, den Magnetismus von Abstoßung und Anziehung, die Wirbel und Turbulenzen der Strömungsforschung. Er setzt seine Tänzer Kettenreaktionen und Dominoeffekten aus, und nicht selten sehen die eben nicht simultanen, aber umso raffinierter simultan aufeinander bezogenen Bewegungseffekte aus wie die Ausbreitung eine Lawine oder das Muster eines Vogelschwarms. Da nutzen Paare im Aufeinanderzulaufen die Bewegungsenergie zum jähen Richtungswechsel. Da sinkt einer zu Boden und zwei heben ihn, mit den Füße zuerst, auf, rollen ihn über den Rücken, stellen ihn auf die Füße und sinken dabei selbst wie in Trance auf den Boden hinab.

Dass hinter der so tranceartig mühelos scheinenden Eleganz solcher Abläufe körperliche Höchstleistung steckt, kann das Publikum ahnen - und am heftigen Atmen in den kurzen, stillen Pausen zwischen den insgesamt drei Sequenzen dieses knapp einstündigen Abends auch hören. Ein strenger Paar- und ein rasanter Stepptanz sind die Solitäre der beiden folgenden Sequenzen. Aufgelöst werden sie, wie schon im ersten Teil, indem die Truppe die Einzeltänzer integriert. Zwischendurch scheint dann tatsächlich die Zeit stillzustehen - etwa als die ganze 16-köpfige Truppe sich zu einer dichtgedrängten Reihe formt und durch Niederbeugen und Aufrichten eine Sinuswelle mit ihren Körpern bildet, die so stabil ist, wie die Akteure auf die Bewegungen ihrer Mitakteure reagieren, womit dann eine Gleichzeitigkeit von Reiz und Reaktion besteht.

In seinen bisherigen Stücken habe er oft politische Statements inszeniert, erläutert Ouramdane, der 45-jährige Sohn algerischer Zuwanderer, zu „Tenier le Temps“ und fügt hinzu: „Dieses Mal werden nur die sich bewegenden Körper in einer Spirale der Dringlichkeit von dem bestimmten Zustand der Krise zeugen.“

Sicher ist: Derart spannenden Stillstand gibt es bei diesem Choreografen nur in der Bewegung - die hier das Publikum zu lang anhaltendem Applaus bewegt.

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