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Biermann erzählt von Früher

Dichter im Kleinen Sendesaal Biermann erzählt von Früher

Am Freitagabend hat Wolf Biermann seine Biografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ im Kleinen Sendesaal in Hannover vorgestellt. Er erzählt davon, wie der Sänger und Dichter zu dem wurde, was er ist, mit dem Kommunismus hadert, wo seine Eltern Kommunisten waren und sein jüdischer Vater in Auschwitz vergast wurde.

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Wolf Biermann im Kleinen Sendesaal in Hannover.

Quelle: Kutter

Hannover. Klein Biermann - so spricht er selbst immer wieder von sich, wenn er von früher erzählt. Und man begreift an diesem Abend, warum: Die charakteristische Lederjacke übergeworfen, hüpft Wolf Biermann auf die Bühne zu seinem Sessel, flott, beherzt, fast ein wenig kindlich. Und dieses Kind im Manne, das noch immer bei diesem engagierten Sänger hervorblitzt, darauf kommt er auch irgendwie immer zurück. Am Freitagabend hat er seine Biografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ (Propyläen, 543 Seiten, 28,80 Euro) im Kleinen Sendesaal des NDR in Hannover vorgestellt.

Das ist ein Buch, das auch davon erzählt, wie der Sänger zu dem wurde, was er ist, und mit seinem „Kinderglauben Kommunismus“ gebrochen hat. Und das, obwohl seine Eltern Kommunisten waren und sein Vater Jude war. Nur ein einziges Mal hat Wolf Biermann ihn selbst gesehen, bei einem Besuch im Arbeitslager, ehe der Vater nur zwei Jahre später in Auschwitz ermordet worden ist. Gerade dieser Verlust wird prägend für Biermann.

Am Freitagabend hat Wolf Biermann seine Biografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ im Kleinen Sendesaal in Hannover vorgestellt. Er erzählt davon, wie der Sänger und Dichter zu dem wurde, was er ist, mit dem Kommunismus hadert, wo seine Eltern Kommunisten waren und sein jüdischer Vater in Auschwitz vergast wurde.

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Und dann beginnt der bald 80-Jährige zu erzählen und zu lesen, von jener Begegnung mit dem Vater, von der Flucht mit der Mutter vor den in Hamburg einschlagenden Bomben. Von seinem von der Mutter verordneten Wechsel in die DDR, von Verliebtheiten in der zehnten Klasse und wieder von der Mutter, die den erwachsenen jungen Mann tageweise im Osten besucht. Er liest von seiner verschmähten und schließlich überflüssigen Arbeit am Berliner Arbeiter-Theater, der Ausbürgerung aus der DDR vor vierzig Jahren und von dem Gedicht „An die alten Genossen“, das ihm schon ab 1962, also lange vor dem Rauswurf, die besondere Aufmerksamkeit der Stasi bescherte - und ein Wiedertreffen mit Margot Honecker. Zwei Originalaufnahmen hört er mit nachdenklichem und manchmal auch süffisantem Blick zu, während das Publikum dem Gedicht und der „Bilanzballade im dreißigsten Jahr“ als einziger Musik am Abend gierig lauscht. „Ich war der kleine Drachentöter mit dem Holzschwert, nur dass da Saiten drauf waren“, erzählt er über diese Zeit. Seine Gitarre als Waffe.

Gleich zu Beginn des Abends fällt NDR-Literaturredakteur Alexander Solloch, den der Sender dem Sänger als Moderator beigesellt hat, auf, dass Biermanns linker Zeigefinger bandagiert ist. Gitarrespielen kann er damit nicht, die Gitarre hat er gar nicht erst mitgebracht. „Das ist aber überhaupt nicht schade, die Lieder klauen der Prosa die Schau“, sagt Biermann dazu. Auch dem üblichen Gesprächspingpong verweigert er sich - manchmal kindlich-trotzig: Sollochs Stichworte nutzt Biermann vielmehr dazu, draufloszuplaudern, erzählt dieses und jenes, einiges aus dem Buch, anderes darüber hinaus. Das ist schon amüsant, diesem kleinen Ziehen und Zerren auf der Bühne zuzusehen. Es wären wohl viele daran gescheitert, mit diesem eigenwilligen Dichter einem roten Faden hinterherzujagen. Gesprächsverläufe bestimmt Biermann weiterhin selbst.

Und auch an diesem Abend erzählt er, was er in den vergangenen Tagen schon in vielen Interviews dargelegt hat - nämlich wie ihn der Schriftsteller Manès Sperber einst dazu überreden wollte, seine Biografie zu schreiben. „Sie sind ja so viel dümmer als Ihre Gedichte und Lieder“, habe er zu Biermann gesagt. Und weiter: „Sie müssen endlich auf das Niveau Ihrer Gedichte kommen.“ Er habe ihm geraten, seine Memoiren zu schreiben, solange man noch aus ihnen lernen könne. Das war 1983. Erst Biermanns Frau Pamela konnte ihn dazu bewegen. Sie ist auch, wie er erzählt, für die Dramaturgie des Textes verantwortlich und für die Auswahl der Passagen, die er an diesem Abend liest.

„Ich bin ein Sprinter, kein Langläufer“, sagt Biermann zur Arbeit an seiner Biografie. Zwei Jahre habe das gedauert. „Aber ich musste mein Leben so aufschreiben, dass das Wichtigste bleibt.“ Und erlebt, was für die Nachwelt bleiben muss, hat er viel.

Als Biermanns Vortragszettel mit den Textpassagen nach zwei Stunden Gespräch, Erzählen und Vorlesen durcheinandergeraten und der Sänger sich vom Moderator helfen lassen muss, den Anschluss zu finden, da platzt es dann wieder ganz bockig aus ihm heraus: „Ich kann so was nicht vortragen - ich will lieber Lieder singen.“ Das Publikum klatscht bekräftigend, die Lieder bleiben aber aus. Schade natürlich. Aber zuhören könnte man dem erzählenden Wolf Biermann noch stundenlang.

Von Katharina Derlin

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