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22:44 03.07.2012
Ärzte-Drummer Bela B. hat Spaß, weil er Schlagzeuger ist. Quelle: Steiner
Hannover

Bei einer sogenannten Wall of ­Death bilden Menschen einen Kreis. Setzt die Musik ein, laufen sie sehr schnell aufeinander zu, prallen aneinander, verhaken sich ineinander und kommen sich untereinander näher. Bei Gefallen wiederholen sie den Vorgang beliebig oft. Ja, auch das ist Popkultur und mittlerweile ein massentauglicher Konzertsport. Und nein, einen tieferen Sinn hat es nicht. Macht aber Spaß. Herzlich Willkommen, in der Welt der Ärzte.

Pünktlich um 20.35 Uhr beginnt das Trio am Dienstagabend in der ausverkauften TUI Arena in Hannover mit der Behandlung von 11.500 angereisten Patienten – und verabreicht zunächst die übliche Dosis Punkrock für Spätpubertierende. Die verzerrte Gitarre samt Totenkopf von Farin Urlaub trifft auf den groovenden Bass von Rodrigo González, der vor einer ganzen Wand von Verstärkern steht. Dazu spielt Bela B. noch immer so agil Schlagzeug im Stehen, als müsste er Grass’ Blechtrommler Oskar Matzerath an Eindringlichkeit ausbooten.

Die „beste Band der Welt“ hat am Dienstag ein Konzert in Hannover gegeben.

Es brodelt, es rumpelt, es kesselt. Punk für Pogogeschulte. Rock für Rhythmantiker. Und melodische Poprefrains für die Anhänger alternativer Volkssingfeste. Ein tanzbarer Hymnenreigen in mehr als 35 Akten von „Westerland“ über „Deine Schuld“ bis „Schundersong“, bei dem errungene blaue Flecken bei der so beliebten Mauer des Todes dazugehören wie Liedansagen aus der Fips-Asmussen-Gedächtnis-Bibliothek. „Was gesagt werden muss: da ist gerade ein BH auf die Bühne geflogen.“

Entsprechend fallen die Songtexte aus. Die Ärzte prägen und pflegen seit Jahren jenen ironisch-garstigen Humor, als würden Rainald Grebe, Martin Sonneborn und Georg Schramm das Programm von Mario Barth überarbeiten und es anschließend von den Toten Hosen vertonen lassen. Bessere Songschreiber als die Düsseldorfer waren die Ärzte schon immer. Selbst schlechtere Lieder vom neuen Album „auch“ sind textlich jeder Zeile vom neuen Hosen-Hit „Tage wie diese“ überlegen. Da wundert es nicht, dass die Hosen auf ihrem neuen Album „Die Geister, die wir riefen“ nun auch den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“ interpretieren.

Vielleicht ist es aber auch ein Akt der Zuneigung. Beide Bands durften sich lang vorhalten lassen, die Werte des Punks gegen kommerziellen Erfolg und Massentauglichkeit einzutauschen. Die Ärzte antworten am Abend mit dem Song „Ist das noch Punkrock?“, eine wunderbar ironische Abrechnung mit dem so verteufelten richtige Leben im falschen: „Früher warst du dabei, wenn eine Wanne brannte / Dies’ Jahr am 1. Mai, besuchst du ihre Tante / Seit es Andrea gibt, kommst du nicht mehr saufen / Ihr geht zu Ikea, um für eure Bude eine neue Küche zu kaufen.“

Die Fans feiern diese überlegen daherkommende Selbstironie mit Laola-Choreographien, Gruppenhüpfen und brüllen auf Kommando sinnfreie Sätze wie „Ich bin ein Kranich”. Dazu beklatschen sie die Ärzte-Pyramide und lachen über Scorpions-Sprüche: „Ich habe mir die Haare schön gemacht, die Schuhe geputzt, aber keiner von den ,Scorps’ ist gekommen”, sagt Urlaub, während Bela B. beklagt, keine in Hannover nicht einen Spezialkredit angeboten bekommen zu haben, so unter Freunden. Der Adoleszenzsoundtrack von „1/2 Lovesong“ bis „Grace Kelly“ wird bei der erstklassigen Entertainmentshow samt Paartanz und Klamotten-Wedeleinlagen fast zur Nebensache.

Dazu schnalzt Farin Urlaub Songs von Jon Bon Jovi, auch wenn er langsam auf die 50 zugeht. Aber auch das scheint kein Alter für punkafine Berufsjugendliche zu sein. Das wissen die Experten für Musik gewordenen Schulhofhumor nur zu gut. In den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trug das Trio noch Rasierpinselfrisuren zum Nietenhalsband und spielte mit „Geschwisterliebe“ Lieder für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ein.

Man gab sich rebellisch, widmete sich eher unterrepräsentierten Themen der Popkultur wie Sodomie („Claudia hat ‘nen Schäferhund), häusliche Gewalt bei Spitzenpolitikern („Helmut K. schlägt seine Frau“) und radikalfeministischen Ansätzen („Schwanz ab“) – und wurde über die Jahre zum erfolgreichen Organspender für ganze Generationen von Pickelpunks und welche, die es werden wollten, aber sich nicht so recht trauten.

Mittlerweile trägt die Band auf den Titelbildern von Festivalplanern Anzüge samt Einstecktuch, setzt auf Musikvideos mit lustigen Trickfilmfiguren statt Dominas mit Peitschen („Bitte, Bitte“) und sagt in der „Kulturzeit“ auf 3sat Sätze wie: „In den achtziger Jahren waren wir sehr damit beschäftigt, Rollen zu spielen.“ Klingt nach Läuterung, Reihenhaus und „Business Punk“-Abo.

Der 30. Bandgeburtstag kommt trotzdem noch ohne Vorstellungsrunden, Heizdecken und Aschenbecher auf dem Balkon aus. Im Gegenteil. Nach fast drei Stunden in der Großraumsauna stehen die Musiker auf der Bühne, als könnten sie von vorn beginnen – entsprechend folgt nach der „Das Ende ist noch nicht vorbei“-Tour im Oktober eine weitere Gastspielreihe namens „Die Ärzte – das Comeback“. Zur Vorbereitung sei das zweite Konzert heute Abend empfohlen. Selten machen Klinikaufenthalte so abhängig.

Jan Sedelies

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