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Kultur Die Damen rotieren
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15:52 18.01.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Akten ausgraben: Lisa Natalie Arnold wühlt im Beet. Quelle: Isabel Machado Rios

Der kleine Körper wies 21 Knochenbrüche auf. Die Leiche wurde im unteren Fach eines Kühlschranks entdeckt. Sie war in einen Müllbeutel gewickelt. Kevin wurde zwei Jahre und neun Monate alt. Sein kurzes Leben muss ein Martyrium gewesen sein. Kevins Stiefvater war drogenabhängig. Seine Mutter, ebenfalls drogenabhängig, war gestorben. Kevin stand unter der Vormundschaft des Jugendamts.

Im Herbst 2006 schockierte der Fall Kevin die Öffentlichkeit. Einen Moment lang bekamen viele eine Ahnung davon, womit sich Mitarbeiter von Jugendämtern beschäftigen müssen, und wie überfordert sie sein können. Damit der Fall mit dem Abflauen der Medienerregung nicht gleich in Vergessenheit gerät, hat das Theater Freiburg einen Stückauftrag erteilt. Autorin Felicia Zeller sollte aus dem Fall ein Theaterstück machen. So entstand „Kaspar Häuser Meer“, eine furiose, energiegeladene, wirklichkeitssatte, sprachverrückte Wortkaskade. Die Personen: drei Sozialarbeiterinnen, der Spielort: das Jugendamt. Peter Handkes Sprechstück „Kaspar“ (uraufgeführt 1968) bildet eine Art Vorlage. Handke zeigt, wie jemand durch Sprache in die Wirklichkeit hineingeprügelt wird, Zeller zeigt, wie die Wirklichkeit Worte aus den Figuren herausprügelt. Die drei Frauen sprechen mehr füreinander als miteinander. Jede fällt sich selbst ins Wort, alles ist abgehackt, verkürzt, unfertig, aber doch verständlich. Die Zeit arbeitet gegen die Frauen. „DIE DAMEN ROTIEREN VON ANFANG AN. Die Sprechgeschwindigkeit ist schneller als normal“, heißt es in einer Anmerkung der Autorin.

Sprache quält und wird gequält. So macht das Sprechen Wirklichkeit kenntlich. Zellers Stück traf einen Nerv. 2008 wurde das Stück bei den Mülheimer Theatertagen mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Es wurde an vielen anderen Theatern nachgespielt.

Und nun auch in Hannover. Hier fiel das fulminante Bürokratietheater der Regisseurin Heike M. Goetze und dem Bühnenbildner Dirk Thiele in die Hände. Sie griffen beherzt zu und verlegten das albtraumhafte Bürostück in einen Albtraum von Büro. Grünlich schimmeln die Aktenschränke. Aus einem Regal wachsen Mädchenbeine. Auf dem Boden liegen Paletten und Aktenstapel, und hinten links ist ein Blumenbeet aufgebaut. Das kommt fürs breite Ausspielen eines Wortspiels zum Einsatz: Sozialarbeiterin Anika hat eine Akte vergraben. Also versucht sie, sie wieder auszugraben. Energisch wühlt sie durch das ausschließlich zu diesem einen Zweck angelegte Blumenbeet. Weit fliegt der Dreck. Natürlich fehlt auch der Einsatz von Kunstnebel nicht.

Im Mittelteil müssen die drei Darstellerinnen aus unerfindlichen Gründen die Bühne umbauen. Aus den Paletten basteln sie sich drei Podeste, auf denen sie dann herumturnen. Ja, es ist schwer, einen Turm aus Paletten zu bauen. Ja, die Damen schuften. Ja, sie sind überfordert. Aber das haben wir doch schon gehört. Die Autorin hat das längst sprachlich ganz deutlich gemacht. Es ist nicht zwingend, das alles körperlich zu wiederholen. Aber so geht es eben zu im zeitgenössischen Regietheater, das am liebsten wohl Tanztheater wäre. Das Wort gilt hier wenig, wahr ist nur, was die Körper sprechen. Leider haben die hier nichts zu sagen, was über die Vorlage hinausginge.
Regisseurin Heike M. Goetze scheut die Plattheit nicht: Vorn auf der Bühne stehen die Zeiger einer Uhr permanent auf Fünf vor Zwölf, die drei Sozialarbeiterinnen wirken in ihren derben, leicht zerfetzten Röcken, als kämen sie gerade aus dem Krieg. Und will eine mal hoch hinaus, klettert sie auf einen Aktenschrank.

Aber vielleicht sind das alles auch nur Kleinigkeiten. Denn der Text bleibt ja stark. Zellers Sprachwerk behauptet sich gegen die Albtraumumgebung, gegen Erdgewühl, Nebelschwaden und Schrankkletterei. Denn die Schauspielerinnen Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra und Elisabeth Hoppe bewältigen den schwierigen Textfluss souverän. Ein großartiges Wortkunstwerk ist hier zu hören.

Wieder am 25 und 31. Januar, sowie am 12., 23. und 25. Februar. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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