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Die Documenta 14 war besser als ihr Ruf

Ausstellung Die Documenta 14 war besser als ihr Ruf

Längste Kunstschau, größter Anspruch, höchste Kosten? Die Documenta 14 war besser als ihr Ruf. Eine Bilanz der Ausstellung, die zeitversetzt in Athen und Kassel gestartet ist und damit erstmals 163 Tage lange war.

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Schlangestehen für Kunst: Documenta-Besucher am Sonntag vor dem „Parthenon of Books“ (oben), Hiwa K.s Röhreninstallation „Als wir Bilder ausatmeten“ (Mitte) und „Checkpoint“, Ibrahim Mahamas mit Jute verhülltes Torhaus (unten).

Quelle: Göran Gehlen

Kassel/Athen. "Sufferhead“ prangt in Schnörkellettern neben der großen, schwarzen Bierflasche auf der großen, düsteren Plakatfläche - und ein Kunstschaulustiger in Kassel eignet sich die Botschaft auf eigene Weise an: „Suffkopp“ solle das wohl heißen, ein ebenso harmloses wie symptomatisches Missverständnis für eine Kunstpräsentation, die nicht recht anzukommen scheint. Denn der nigerianische Künstler Emek Ogboh will mit dem Craftbeer, das man für 8 Euro auch kaufen kann, auf düstere Erfahrungen afrikanischer Migranten in Europa anspielen, auf deren Suffering, ihr Leiden also, nicht auf irgendeinen Suff.

Die Szene, die die Autorin Ingrid Mylo in Kassel notiert hat, scheint zur Wahrnehmung einer Kunstschau zu passen, die kurz vor ihrem Finale über medialen Spott hinaus noch den finanziellen Schaden bescheinigt bekommt. Dabei ist der Documenta 14 von Anfang an ein Scheitern attestiert worden. Sie sei „nicht von der Kunst her gedacht, sondern von der Theorie“, urteilt bereits im Juni das Kunstmagazin „Art“. Sie sei „ein Verrat an allem, was die Documenta jemals war“, klagt der Kasseler Kunstprofessor Harald Kimpel. Sie habe „auf der ganzen Bandbreite versagt“, sagt Bazon Brock, und der 81-Jährige, immerhin emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, fügt noch hinzu, die Schau sei „unter aller Sau“.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte die Eröffnung der internationalen Kunstausstellung documenta 14 in Athen.

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Wirklich? Bis zur Halbzeit hatten eine halbe Million Menschen die zeitversetzt in Athen und Kassel gestartete, damit erstmals 163 Tage lange Ausstellung gesehen. Und dabei nicht nur Offenheit, sondern oft auch Sympathie für die politischen Intentionen ihrer Macher gezeigt. Angesichts von Umweltzerstörung, Kriegen und Diktaturen, in einer „lebensbedrohlichen Situation der Menschheit“, so hat es Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der Documenta, zum Auftakt gesagt, wolle man Stellung beziehen: „Die Documenta versucht, sich einer emanzipatorischen Bewegung anzuschließen.“

Kunstdienst an der guten Sache

Doch wird der künstlerischen Qualität Genüge getan, wenn sich Künstler und Kuratoren einer Sache verschreiben, und sei es auch einer guten Sache? Gravierender ist es vielleicht, dass sich sehr viel derart gut Gemeintes an den gezeigten Kunstwerken selbst gar nicht gut erschlossen hat. Die sogenannte „Blutmühle“ etwa vor der Orangerie kann man als Sport- und Spaßgerät verstehen und nutzen - ohne zu wissen, dass der mexikanische Künstler Antonio Vega Macotela damit auf die Fron bolivischer Bergwerkssklaven anspielen wollte. Am Obelisken auf dem Königsplatz mag man sich seiner imperialen Erscheinung erfreuen - dabei versteht der aus Nigeria stammende Olu Oguibe das Werk als Imperialismuskritik. Selbst den „Parthenon of Books“ vor dem Fridericianum kann man wegen seiner majestätischen Ausmaße bewundern - welche Schicksale mit den daran fixierten verbotenen Büchern verknüpft sind, geht aus dem Werk der Argentinierin Marta Minujín selbst nicht hervor.

„Diese Ausstellung war eine große Setzung“, lobt gleichwohl Elke Buhr, die Chefredakteurin des Kunstmagazins „Monopol“. „Sie hat eine andere Perspektive auf Deutschland eröffnet.“ Den Documenta-Besuchern würden „die Traumata von Menschen aus aller Welt kommentarlos vor die Füße geworfen“, kritisiert dagegen Kunstprofessor Kimpel. Ein kleinlicher Einwand? Die meisten Besucher hätten damit kein Problem, hält Adam Szymczyk solcher Kritik entgegen und beklagt „eine kleinbürgerliche Mentalität, nach der alles, was man nicht in wenige, einfache Worte packen kann, bedrohlich ist“. Und es gab ja das Vermittlungskonzept der „Chöre“, die in der Tradition der griechischen Tragödie Geschehenes und Gesehenes einordneten. Wer den Führungen folgte, konnte als „Chorleiter“ meist wohlmeinende Laien erleben, die dem Publikum vorzugsweise davon erzählten, was der jeweilige Künstler wohl meinte - statt die Kunst selbst zum Sprechen zu bringen.

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Dabei zeugen so unterschiedliche Werke wie Ibrahim Mahamas Juteverhüllung der Torhäuser, die Röhren des Irakers Hiwa K. vor der Documenta-Halle oder der harpunierte Fisch von Costas Tsoclis im Fridericianum sehr poetisch und sehr kunstvoll von der Bedrängnis der Kreatur, von prekären Lagen in Kultur und Natur.

Doch in den „Chören“ wie in vielen Schriften wurde statt primärer Kunsterfahrung oft Sekundärwissen ausgebreitet. „Schuldsuche bei den bösen Ismen“ - vom (Neo-)Kolonialismus, Kapitalismus und Imperialismus über Militarismus und Faschismus bis zu Sexismus, Rassismus und (Neo-)Liberalismus - spottet „Art“ darüber.

All diese Probleme gibt es, und es zeugt von besten Absichten, sich ihnen zu widmen. Doch ist das die primäre Aufgabe der Kunst? Die Documenta hat so getan, als gebe es weder Geistes- noch Gesellschaftswissenschaftler, weder Literaten noch Politiker oder soziale Bewegungen, die sich solchen Fragen widmen - und als müsse man an deren Stelle handeln. Kaum beantwortet wird auf diese Weise, welches spezifische Antworten der Kunst sein können.

Auch das Gesprächsforum „Parlament der Körper“ hat nur traurige Prominenz erlangt. Auf Skandalisierung kalkuliert und dann auch als Skandal erlebt wurde eine von Franco Berardi geplante Performance zur Flüchtlingsnot an Europas Küsten. Weil der italienische Linksaktivist dafür den Titel „Auschwitz on the Beach“ gewählt und in Texten dazu abseitige Vergleiche zwischen dem Sterben von Flüchtlingen und der Tötungsindustrie von Auschwitz angestellt hat, wurde die Performance abgesagt - und statt über Flüchtlinge über die Unvergleichbarkeit des Holocaust diskutiert. Dass bei der ersatzweise veranstalteten Diskussion im „Parlament der Körper“ dann durchaus über Flüchtlinge geredet wurde, haben fast nur die Teilnehmer bemerkt. Die Krise der Documenta ist eben auch eine ihrer medialen Wahrnehmung.

Doch die erfolgreichste Schau?

So macht zuletzt die vom Radiosender FFH „enthüllte“ Nachricht die Runde, dass die Rauch-Installation Daniel Knorrs auf dem Zwehrenturm der Kasseler Feuerwehr viele Anrufe beschert hat - als würde nicht Knorr selbst seit Monaten öffentlich davon erzählen. Und so wird auch die Finanzlücke dieser Schau von der örtlichen Zeitung publiziert, ohne gegenrecherchiert zu sein - was Szymczyk als „unprofessionell“ beklagt. Eine Nachfrage bei ihm hätte ergeben, dass die Unterfinanzierung den Verantwortlichen seit Jahren bekannt ist. Die Pressestelle der Stadt Kassel räumt überdies ein, dass der Bürgschaft für die Documenta gGmbH in Höhe von 7 Millionen Euro wohl Umsätze von 100 Millionen Euro gegenüberstehen werden, die die Kunstschau der Stadt beschert.

Die traditionelle Abschlussveranstaltung der Stadt fiel am Sonntag dennoch aus, Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) kritisierte stattdessen Kurator Szymczyk: „Die Freiheit des künstlerischen Leiters ist ein wertvolles Gut, das ich auch weiter hochhalten werde“, sagte Geselle. Aber diese Freiheit habe ihren Rahmen dort, „wo sie die Documenta selbst in Gefahr bringt“.

Die Publikumsresonanz spricht eine andere Sprache. Noch stehen die offiziellen Zahlen aus, aber wer die schon gesicherten Summen von 850.000 Besuchern in Kassel und 330.000 Besuchen in Athen in Betracht zieht, kommt leicht über jene 905.000 Menschen hinaus, die 2012 die bislang besucherstärkste Documenta 13 gesehen haben. Am Ende könnte damit die jüngste die nach Besucherzahlen erfolgreichste Documenta aller Zeiten sein.

Das wäre dann wohl die Ironie dieser Documenta-Geschichte.     

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