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Die Entdeckung der Ostmoderne

Sozialistische Architektur Die Entdeckung der Ostmoderne

Zu viel Science-Fiction geguckt? Den Eindruck kann man gewinnen, wenn man die Bauten der ausklingenden UdSSR betrachtet: Sport- und Kulturpaläste, die wie Raumkapseln aussehen, Forschungsinstitute in Gestalt von Raketenabschussrampen oder die vielen

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Erholungsheim oder Raketenabschussrampe? Das 1985 in Jalta errichtete Zentrum Druschba.

Quelle: Chaubin

Zu viel Science-Fiction geguckt? Den Eindruck kann man gewinnen, wenn man die Bauten der ausklingenden UdSSR betrachtet: Sport- und Kulturpaläste, die wie Raumkapseln aussehen, Forschungsinstitute in Gestalt von Raketenabschussrampen oder die vielen Variationen auf die fliegende Untertasse. Die bizarren Beton­kolosse entstanden vorwiegend in den siebziger und achtziger Jahren in staatlichem Auftrag. Man findet sie vor allem in ehemaligen sowjetischen Randrepubliken, in entlegenen Städten wie dem kasachischen Almaty, dem tadschikischen Duschanbe oder dem armenischen Eriwan. Oder auch in entlegenen Nadelwäldern und im Gebirge. Manche stehen auf Stelzen in Flüssen und erinnern an gestrandete Dampfer.

1991 – vor 20 Jahren also – wurde die Sowjetunion nach 69-jährigem Bestehen aufgelöst. In den Nachfolgestaaten erinnert man sich heute zumeist widerwillig an die Sowjet-Ära. Lenin- und Stalin-Büsten hat man zerstört oder in Themenparks gestellt – als Touristenattraktion, wie etwa im Grutas-Park im Süden Litauens. Repräsentationsbauten wurden abgetragen.

Doch auf einmal wächst das Interesse an den Relikten, die aussehen wie von einem andern Stern. Gleich mehrere neue Bildbände erschließen die Ostmoderne. Der in Deutschland lebende Slowene Roman Bezjak (Jahrgang 1962) hat über einen längeren Zeitraum hinweg zwischen Tirana und Belgrad Reste der sozialistischen Architekturträume aufgespürt. Seine Osteuropabilder sind noch bis 16. Oktober im Sprengel Museum Hannover zu sehen. Dazu ist ein Bildband mit dem Titel „Sozialistische Moderne“ erschienen. Bezjak zeigt Ostrelikte in der verblichenen Farbigkeit alter Postkarten.

Ebenfalls in diesem Jahr herausgekommen ist Frédéric Chaubins großartiger Bildband „CCCP Cosmic Communist Constructions Photographed“. 90 Architekturen zwischen Estland und Tadschikistan hat der 1959 in Phnom Penh geborene Chefredakteur des französischen Magazins „Citizen K.“ aufgesucht. Er zeigt Außen- und Innenansichten, beispielsweise der pompösen Breschnew-Villa „Auska“ in Litauen. Diese wurde erst zwei Jahre vor dem Tod des KPdSU-Parteichefs fertiggestellt.

Chaubin reiste 2003 nach Tiflis, um den Präsidenten Schewardnadse zu interviewen – und stieß unvermutet auf Gebäude von „erschlagenden Dimensionen“. Sein Buch sieht der Journalist und Autor als eine „Hommage an die Maßlosigkeit“. Manche Architekturen erscheinen ihm wie Spiegelungen aus Andrei Tarkovskys Film „Solaris“, andere wie Schauplätze für Science-Fiction-Filme, die nie gedreht wurden.

Zum Beispiel das erdbebensichere Erholungszentrum Druschba. Es wurde 1985 in Jalta erbaut. Das Meisterwerk Igor Wasilewskis besteht aus einem Block mit peripheren wabenförmigen Zellen, die über dem Meer hängen. In der Mitte zwischen Stützpfeilern hängt ein Meerwasserbecken.

Der Bau vermittelt den Eindruck, als müsste er sich von einem feindlichen Umfeld abkapseln. Dabei liegt er in malerischer Gegend. Von der Türkei bis Washington glaubte man damals, die UdSSR errichte eine Raketenabschussrampe.
Die Wiederaufnahme avantgardistisch-konstruktivistischer Formen begegnet einem beim zehn Jahre davor in Tiflis errichteten georgischen Ministe­rium für Autobahnen – einem Paradebeispiel sozialistisch-utopischer Moderne. Es hat die Form gestapelter Autobahnkreuze und ist eine Anknüpfung an die Idee der „Luftstädte“ oder „schwebenden Städte“ der zwanziger Jahre. Sowohl Chaubin als auch Bezjak dokumentieren es in ihren Büchern.

Wladimir Somow erbaute 1987 das gigantische Schauspielhaus Fjodor Dostojewski in Nowgorod mit einer fein gewundenen, gänzlich funktionslosen Säule – eine Seltenheit in der Sowjetunion. Die Säule wurde 2008 abgetragen, weil sich von ihr immer wieder Lebensmüde in den Tod stürzten.

Die sozialistischen Monumentalbauten in dem „CCCP-Band“ sind in dem relativ kurzen Zeitraum von 15 Jahren zwischen dem Ende der Ära Breschnew und dem Zusammenbruch der UdSSR entstanden. In dieser Zeit waren an den Rändern offenbar mehr Freiheiten erlaubt als im russischen Kernland. Chaubin deutet den Formenrausch aus Weltall-Phantasmen und eskapistischen Visionen des Abhebens und Schwebens als Auflösungsphänomen: „Futuristische Science-Fiction und Monumentalismus vereinend, verkörpern diese an der Schnittstelle der Welten konzipierten Bauwerke eine der verstörendsten Manifestationen vom Ende der UdSSR.“

Noch ein weiterer Bildband widmet sich den erstaunlichen Betongestikulationen des Ostens: der „Spomenik“ betitelte Band des Belgiers Jan Kempenaers. „Spomeniks“ heißen Monumente aus der Tito-Zeit, die an Opfer der Partisanenkämpfe und des NS-Terrors erinnern. Tausende solcher Denkmäler hat es in Jugoslawien gegeben. Nach einer Abrisswelle in den neunziger Jahren sind heute nur noch die größten und massivsten erhalten.

Vieles wurde inzwischen abgetragen – auf dem Coffee Table aber existiert es weiter.

Roman Bezjak: „Sozialistische Moderne“. Hatje Cantz Verlag. 160 Seiten, 39,80 Euro. Frédéric Chaubin: „Cosmic Communist Construction Photographed“. Taschen Verlag. 312 Seiten, 39,99 Euro. Jan Kempenaers: „Spomenik“. Roma Publications. 64 Seiten, 28 Euro.

Johanna di Blasi

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