Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Steven Spielberg sucht nach der Kinozukunft

Filmfestival in Cannes Steven Spielberg sucht nach der Kinozukunft

"Wenn der Film gut ist, vergisst der Zuschauer alles andere um sich herum": Steven Spielberg, der Geschichtenerzähler Hollywoods, ist in Cannes. Und nicht zuletzt, weil er seinen neuen Film vorstellt – er kommt in ganz persönlicher Mission: Die Branche vor Fantasielosigkeit zu warnen.

Voriger Artikel
Wertschätzung für die Fotografie
Nächster Artikel
Wird Tom Hiddleston der neue James Bond?

Steven Spielberg, der Geschichtenerzähler Hollywoods, warnt vor der Fantasielosigkeit seiner Branche.

Quelle: imago

Cannes. Carlton Hotel, Sean Connery Suite: ein würdiger Ort für die Begegnung mit einem der größten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Im Carlton drehte schon Alfred Hitchcock "Über den Dächern von Nizza", die schönsten Zimmer sind nach Kino-Heroen benannt. Das Carlton ist gewissermaßen das Wahrzeichen des Festivals von Cannes. Im obersten Stockwerk empfängt Steven Spielberg zum Interview.

Hollywood ist in seinen Allüren gefangen

Auf die Minute pünktlich taucht dieser König aus Hollywood auf – in Jeans und Turnschuhen. Seinen Kaffee hat er sich selbst mitgebracht, in einem Pappbecher – als gäbe es all das edle Porzellangeschirr im Carlton gar nicht. Der 69-Jährige hat ganz offenkundig nicht vor, sich auf diesem Ruhm auszuruhen. Spielberg ist hier, in Cannes, weil er einen neuen Film präsentieren will, schon klar, das wollen sie alle. Aber er ist auch hier, weil ihn etwas umtreibt: die Sorge, dass gerade etwas grundsätzlich schiefläuft mit dem Kino im Allgemeinen und seinem Hollywood im Speziellen. Dass da eine Masche zu Tode geritten wird, die kurzfristig viel Geld bringt – und langfristig die Menschen aus den Kinos treibt.

Spielberg beginnt gleich mal mit einem kleinen Vortrag. Nicht dass jemand denkt, Kino sei reine Unterhaltung. Der Mann klingt, als wolle er gleich damit loslegen, die Kinoindustrie zu revolutionieren. Dabei hat er das doch schon längst getan. Spielberg zählt zu den Erfindern des heutigen Hollywood. Nach Cannes hat er den Fantasyfilm "BFG – Big Friendly Giant" mitgebracht, ein Märchen über ein zehnjähriges Mädchen und einen Riesen, der ihm beisteht.

Bleibt nur eine Frage: Repräsentieren seine Werke nun eher die Vergangenheit des bewegten Bildes – oder doch eher seine Zukunft? Ist das Kino noch attraktiv genug, wenn sich Filme genauso auf Computern und Smartphones abspielen lassen?

Cannes ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Das US-Kino liefert die Stars, das Festival revanchiert sich mit Prestige. Autorenfilmer wie Jim Jarmusch verfügen über jene Originalität, nach der sich Hollywood sehnt – und die sich immer seltener in den Mega-Produktionen widerspiegelt. Hollywood hat den Größenwahn zum Prinzip erhoben. Es ist diese Einseitigkeit, die Spielberg kritisiert. Man könnte auch sagen: diese Fantasielosigkeit.

"Virtual Reality" und "Screeningrooms" auf dem Vormarsch

Noch funktioniert die Blockbuster-Fabrik. Aber man muss nur mal in die Katakomben des Filmpalastes in Cannes hinabsteigen, um zu erahnen, dass die Zeit des Umbruchs begonnen hat. Im Kellergeschoss findet die größte Filmmesse weltweit statt. Zombie-Thriller, Kinderabenteuer, Kampfkunst-Action aus Fernost wollen hier unters Filmvolk gebracht werden. Es gibt aber auch eine ganz neue Sektion mit dem Titel "Virtual Reality", kurz: VR. Die Zuschauer haben riesige Datenbrillen vor den Augen und sehen in die mögliche 360-Grad-Kinozukunft. Eine Leinwand braucht es nicht mehr.

Im Palaiskeller haben auch die Akquiseteams von Netflix und Amazon ihr Jagdrevier. Amazon ist gleich an fünf Titeln im offiziellen Festivalprogramm beteiligt. Sogar der Eröffnungsfilm ist darunter, Woody Allens "Café Society". Die Komödie wird zuerst auf der Leinwand gezeigt. Doch das nächste große Ding heißt "Screening Room", ein Start-Up, das Kinobetreibern das Recht auf Erstausstrahlung streitig macht. Sogar Blockbuster sollen dann auf der Leinwand und im Wohnzimmer gleichzeitig anlaufen. Da könnte das Kino plötzlich ganz alt aussehen.

Und wie sieht Spielberg die Entwicklung? "Ich bin fasziniert von all diesen neuen Technologien. Wir dürfen aber nie vergessen, dass sie nur ein Werkzeug sind, um zu unterhalten." Irgendwann würden Filme gleichzeitig auf der ganzen Welt starten und zwar auf verschiedenen Plattformen. Das Kino sei nur eine davon, möglicherweise eine exklusive. Das Geheimnis aber bleibt nach Spielbergs Worten unangetastet: "Wenn der Film gut ist, vergisst der Zuschauer alles andere um sich herum."

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol