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00:23 09.10.2015
Von Stefan Arndt
Sieben Kostbarkeiten: Geigen von Stradivari, ein neues Instrument (rechts) und Joachim-Preisträgerin Suyoen Kim.  Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Es ist die hervorstechende Eigenheit von Geheimnissen und Mythen, dass sie geheimnisvoll und mythisch sind. Insofern erscheint es ein hoffnungsloses Unterfangen, den Mythos einer Stradivari-Geige erklären oder das Geheimnis ihres Zauberklangs lüften zu wollen. Umso erstaunlicher ist es, wie gut es dem Londoner Geigenbauer und -händler Florian Leonhard nun beim Joseph-Joachim-Violinwettbewerb gelungen ist, selbst unbeteiligten Zuhörern zumindest die Faszination von solchen alten Violinen nahezubringen. Schließlich sind die Instrumente, die Antonio Stradivari vor rund 300 Jahren in Cremona hergestellt hat, eigentlich nur aus einem banalen Grund berühmt: Sie sind exorbitant teuer.

Wer Leonhard zuhört, versteht schnell, dass es nicht nur um einen besonderen Klang geht, den die Instrumente hervorbringen können, um ihre ausgewogene Form oder die handwerkliche Perfektion ihrer Verarbeitung. Wenn der Geigenbauer eine Violine in die Hand nimmt, die Stradivari 1734 mit dem für damalige Verhältnisse biblischen Alter von über 90 Jahren gebaut hat, gerät er ins Schwärmen. Er begeistert sich für viele Details, an denen dieses Instrument von der Idealform abweicht und die doch so, wie sie sind, perfekt sind.

Leonhard fasziniert hier die Mischung aus vollkommener Beherrschung der Regeln und Gesetze des Geigenbaus und der Freiheit, sie nicht sklavisch zu befolgen. Stradivari sei fast blind gewesen, als er die Geige gebaut habe: „Es ist wie beim tauben Beethoven: Ein Triumph der Imagination.“ Eine solche Violine ist demnach viel mehr als ein Instrument, mit dem man Musik erklingen lassen kann. Sie ist selbst eine Sinfonie. Stradivari habe den Geigenbau betrieben wie ein guter Musiker. „Es ist genauso wie hier im Wettbewerb“, so der Geigenspezialist, „wir wollen hören, wie die Musiker auf der Klippe balancieren und doch nicht abstürzen.“

Suyoen Kim ist das mindestens einmal gelungen: Sie war die Siegerin des Joachim-Wettbewerbs vor neun Jahren und demonstrierte nun die Unterschiede zwischen Instrumenten aus unterschiedlichen Schaffensphasen Stradivaris. Dabei ließ sie die Zuhörer doch zumeist ratlos zurück. Klingt die frühe Stradivari nun besser als die aus seiner goldenen Periode oder als das Spätwerk des Greises? Und kann nicht sogar die Stradivari-Kopie, die Leonhard vor drei Jahren gebaut hat, mit ihren berühmten Vorbildern mithalten? Auch hier sorgte Leonhard für Aufklärung: Die Musikerin hat so viel Einfluss auf den Klang, dass sie eventuelle Defizite eines Instrumentes gleichsam überspielen kann. Auch Kim bestätigte, wie wichtig es sei, dass Musiker und Violine zusammenpassen. „Eine Stradivari ist nicht automatisch das beste Instrument für jeden Geiger“, sagte sie.

Darum war es erhellend, dass sich der von dem Journalisten Harald Eggebrecht sachkundig moderierte Vortrag auch allgemeinen Fragen des Geigenbaus zuwandte. Man erfuhr, wie unersetzlich der Rohstoff Holz hier noch immer ist. Wie vor Jahrhunderten sucht man besondere Fichten für die Geigendecken am Nordrand von Alpentälern und findet den besten Ahorn für die Böden der Violinen in den Karpaten. Und wie zu Stradivaris Zeiten gelangt dieser sorgfältig ausgewählte Rohstoff über spezialisierte Händler zu den Geigenbauern. Allein in Deutschland gibt es derzeit sechs Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben.

Die Nachfrage ist größer denn je: In den vergangenen 30 Jahren hat es laut Leonhard einen gewaltigen Aufschwung des Geigenbaus gegeben, der bald nach Stradivaris Tod die Ansprüche an sich selbst über sehr lange Zeit stark zurückgeschraubt hatte. Auch ein gutes neues Instrument hat heute seinen Preis: Ab 10 000 Euro ist man dabei. Wirklich beeindrucken können aber doch nur Stradivaris: Jedes der Instrumente, die auf dem Tisch aufgestellt waren, hat einen Wert von rund 10 Millionen Euro.

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