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„Die Götter sind nicht vom Himmel gefallen“

Religionswissenschaftlerin Ina Wunn: „Die Götter sind nicht vom Himmel gefallen“

Zu Weihnachten steht die Religion im Zeichen des Friedens. Dabei begegnet sie uns im Alltag oft als Hintergrund blutiger Konflikte. Wer das begreifen will, muss in die Steinzeit blicken, sagt die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn.

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Ina Wunn: „Die Götter sind nicht vom Himmel gefallen, die Religion ist nicht von irgendwelchen spirituellen Sehern empfangen worden.“

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Frau Wunn, Weihnachten ist das Fest einer religiösen Friedensbotschaft. Doch uns begegnet Religion oft eher im Zusammenhang mit blutigen Konflikten ...

Das hat auch mit dem Ursprung der Religion zu tun. Religion entstand aus der Absicherung eines Territoriums gegen fremde Eindringlinge. In der Steinzeit errichteten Menschen imposante Gräber, oder sie postierten die Schädel ihrer Toten gut sichtbar - als Hinweis darauf, dass sie einen bestimmten Fleck schon lange in Beschlag genommen hatten. Das sollte Eindringlinge abschrecken und die Legitimität des Besitzes bezeugen, wie heute ein Grundbucheintrag oder ein Erbschein.

Was ist an so einem Grundbuch-Schädel denn religiös?

Anfangs hatte das noch nichts Religiöses. Doch allmählich schrieb man den Toten nicht nur die Fähigkeit zu, vor Eindringlingen und dann auch vor Feinden zu schützen. Man glaubte, dass sie aus ihrer Grabstätte - aus der Unterwelt - generell für das Wohl der Lebenden sorgten. So entstand ein religiöser Totenkult.

Das von Ihnen mitherausgegebene Buch „Götter, Gene, Genesis“ beschäftigt sich interdisziplinär mit der Entstehung der Religion - aus ethnologischer und psychologischer, aus archäologischer und biologischer Sicht. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Die Götter sind nicht vom Himmel gefallen, die Religion ist nicht von irgendwelchen spirituellen Sehern empfangen worden. Sie hat sich aus dem biologischen Verhaltensrepertoire des Menschen entwickelt. Bei der Sicherung eines Territoriums nutzen schon Primaten ebenso wie Menschen bestimmte Abwehrgesten wie Zähneblecken oder sexuelles Drohen durch das Zeigen der Genitalien. Vor mehr als 20 000 Jahren entstanden Darstellungen von Frauenfiguren, die ihre Scham präsentieren. Diese Figuren schreckten Feinde offenbar so erfolgreich ab, dass man bald nicht mehr das eigentliche Signal, sondern die Figur selbst für wirkmächtig hielt. So entstand der Kult um die göttliche Urmutter, die für viele Religionen prägend wurde.

Galilei hat den Menschen aus dem Zentrum des Alls verbannt. Darwin hat ihm seinen Ehrenplatz im Schöpfungswerk genommen. Freud hat ihm gar abgesprochen, Herr der eigenen Seele zu sein. Fromme Kritiker sagen, dass Sie nun die nächste Kränkung liefern, wenn Sie behaupten, dass die Götter der Menschheit nur Produkte schnöder Verhaltensbiologie sind.

Über die Wahrheit einer Religion kann ich keine Aussage treffen: Die Natur- oder Gesellschaftswissenschaften können nicht klären, ob es Gott gibt oder nicht - da würden sie ihre Möglichkeiten überschätzen. Doch es ist beweisbar, dass Religionen sich nach einer Art Evolutionsmodell entwickeln. Sie passen sich an die Lebensverhältnisse der Menschen an, die wiederum von Umwelteinflüssen oder ökonomischen und politischen Verhältnissen abhängen. Der christliche Gott trug im Mittelalter noch die Züge eines Potentaten - heute trägt er eher präsidiale Züge.

Nach dem Hamburger Gelehrten Aby Warburg ist der Ursprung der Religion die Angst.

Ja, und am Anfang war das ganz konkret die Angst vor Feinden und Konkurrenten. Außerdem diente Religion früh zur Lösung sozialer Konflikte in der eigenen Gruppe. Beides wird besonders wichtig, als Jäger und Sammler in der Jungsteinzeit zu Ackerbauern werden. Die sesshaften Gruppen mussten ihr Land verteidigen - und sie konnten bei Streit nicht mehr einfach auseinander gehen. Sie schufen also Rituale, um bei Konflikten gemeinsame Werte zu beschwören und um auf höhere Autoritäten zu verweisen. Die Bedeutung der Religion bekommt einen gewaltigen Schub, als die Menschen sesshaft werden.

Wenn Religion hilft, Konflikte zu bewältigen, hat sie doch durchaus auch ein friedenstiftendes Potenzial.

Das gibt es durchaus. Religionen entwickeln sich ja weiter; das Christentum beispielsweise hat jüdische und griechische Wurzeln. Jesus sprach von Gott als einem liebenden Vater, und mit der antiken Philosophie hielt das Streben nach dem Guten, Wahren und Schönen Einzug in die Religion. In den großen Weltreligionen verbindet der gemeinsame Glaube Menschen über die Grenzen der Ethnien hinweg. Und doch werden bis heute Gebietsansprüche oft religiös legitimiert. Und religiöse Konflikte sind von Nordirland bis zum Irak oft zugleich Territorialkonflikte. Da zeigt sich das aggressive Potenzial, das seit ihren Anfängen zur Religion gehörte.

Interview: Simon Benne

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