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Die Kestnergesellschaft wird 100

Worum es sich dreht Die Kestnergesellschaft wird 100

100-jähriges Bestehen der Kestnergesellschaft: Denn gleich in der ersten Halle gibt es dort „First“, das täglich neu entstehende Videokunstwerk des dänischen Künstlers Christian Falsnaes, vor dessen Kamera der jeweils erste Besucher sich vorstellen, vortanzen, ein Geheimnis verraten, eine Forderung erheben muss – eben Stellung nehmen.

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„Stellung nehmen“ und „100 Jahre Kestnergesellschaft“ – die Jubiliäumssausstellungen in der Goseriede

Quelle: dpa

Hannover. Genau so heißt die neue Ausstellung der Kestnergesellschaft, die Falsnaes als einen von acht Künstlern präsentiert. Alle eint ein Blickwinkel – und fast alle auch eine künstlerische Strategie: Sie fokussieren das Verhältnis zwischen der Kunst und ihren Konsumenten, und fast alle zielen dabei ziemlich direkt auf die Aktivierung des Betrachters. Die Gruppenschau zeigt also nicht nur Stellungnahmen von Künstlern, sie zielt auch auf Stellungnahmen des Publikums zu Kunst und Leben ab. „Es geht darum, wie Kunst uns abholt“, sagt Christina Végh, die Direktorin der Kestnergesellschaft.

Die Kestnergesellschaft an der Goseriede feiert 100-jähriges Bestehen.

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„Stellung nehmen“ soll aber nicht nur der Ausstellungstitel sein. „Das ist für uns auch ein Leitsatz, denn das hat die Kestnergesellschaft stets getan“, sagt Végh unter Hinweis darauf, dass sich die Kestnergesellschaft nicht von den Nazis hat gleichschalten lassen und dass schon ihre Gründung im Jahr 1916 eine Stellungnahme gegen das damals antimodernistisch konservative Kunstverständnis des hannoverschen Kunstvereins war.

Ihrem hundertjährigen Bestehen widmet die Kestnergesellschaft eine kleine Rückschau im oberen Foyer. Aber auch eine eigens für diese Ausstellung geschaffene Installation reflektiert Geschichte und Gegenwart von Hannovers Avantgarde-Kunstverein. „It’s not just a matter of black and white“ heißt die raumgreifende Arbeit des aus der Schweiz stammenden und in Berlin lebenden Christian Philipp Müller, die den Betrachter dem suggestiven Sog einer Schwarz-Weiß-Spirale aussetzt, in deren Mitte ein ausgestopfter Zebrakopf mit verbundenen Augen prangt. Für diese Arbeit hat Müller zahlreiche Mitglieder der Kestnergesellschaft befragt. Ihre Antworten nebst selbstinszenierten Fotos prangen auf den Spirallinien, und die Betrachter können mit Klebepunkten gegebenenfalls ihre Zustimmung signalisieren.

Auch hier also geht es um Partizipation des Publikums. Fast scheint es, als würde „Der Betrachter als Akteur“, die späte Doktorarbeit des Végh-Vorgängers Veit Görner, hier noch spätere Früchte tragen. Bei Müllers Kunstwerk kann man sich überdies nicht sicher sein, dass wirklich alle Betrachter wirklich nur Publikum sind. Bei der Präsentation seines Werkes erwähnt er eine täglich kommende „besonders treue Besucherin“, wenig später entfernt sich eine Dame im Leopardenpelz, die bis dahin dem Zebrakopf gegenübergesessen hat …

Zur Aktion kommt hier also noch die Performation, und um Performances geht es auch ein Stockwerk höher. Da hängen die nach unten geöffneten Textilkisten an den Wänden, die Franz Erhard Walther schon seit Jahrzehnten als Einladung zur Selbstinszenierung an Wände hängt, da ruhen Walthers eiserne „Schreitsockel“ als ebensolche Einladung auf dem Boden – Werke also, deren Vollendung erst in ihrer Nutzung durchs Publikum liegen soll. Da steht der „Anti-Debt Monolith“ des türkischen Künstlers Ahmet Ögüt, eine schwarze Säule, die US-Radioberichte über Studienkreditschulden zu Gehör bringt, wenn man sie mit einem 2-Euro-Stück füttert. Das Geld, versichert Christina Végh, geht an einen Hilfsfonds für überschuldete US-Jungakademiker. Man merkt: Der Weg vom bloßen Posieren zu politischem Engagement ist in der Kestnergesellschaft derzeit nur ein paar Meter weit.

Engagierte Kunst in bestem Sinne sind auch die expressiven Ölmalereien von Marlene Dumas. Herzergreifend wirkt der leere Blick eines Holocaustüberlebenden auf dem Gemälde „Liberation“. Und mit „Indifference“, dem Bild einer Gruppe weißer Frauen, in deren Mitte eine Schwarze hockt, wirft die gebürtige Südafrikanerin die Frage auf, ob die laszive Haltung der Weißen darauf Toleranz ist – oder Ignoranz. Und wer sich zwischen Unter- und Obergeschoss nicht entscheiden kann, mag sich an der Entscheidungsparalyse zweier Tonkammern trösten: Unten läuft das 64 Minuten und 53 Sekunden lange Joseph-Beuys-Tonkunstwerk „Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee“ (1968), oben die schon im Titel deutlich kürzere Variante „Ja Ja Ja Ne Ne Ne“ von Martin Kippenberger (1995). Letztere ist deutlich besser hörbar, denn Beuys wird von der nebenstehenden Videoinstallation „Transatlantics“ von Britta Thie übertönt, von der noch weitere Fotos und Filmstills zu sehen sind.

Gegenüber hängt übrigens noch „Punch this Painting“, ein Selbstporträt von Ahmet Ögüt, dessen Titel auch auf dem Bild prangt und ganz ernst zu nehmen ist: Denn auf dieses Gemälde darf man einschlagen. Ögüt hat sich vom Käufer das schriftliche Einverständnis dafür geben lassen, auch auf die Gefahr hin, dass dies zu Kunstzerstörung führt. Einstweilen scheint es noch unversehrt zu sein, ein Boxhieb lässt die Leinwand nur sanft zurückweichen. „Mal sehen“, sagt Christina Végh, „wie das hannoversche Publikum so agiert.“

Nun, wem Stellungnahmen mit der Faust zu grob erscheinen, der kann in der Galerie im Obergeschoss Revue passieren lassen, wie die Kestnergesellschaft in düstereren Zeit Position bezogen hat. Als es riskanter war – und nicht weniger wichtig – Stellung zu nehmen.

„Stellung nehmen“ bis 21. August in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. „100 Jahre Kestnergesellschaft“ bis 13. November, Eröffnung heute um 19 Uhr.

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