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00:28 27.08.2014
Von Alexander Dahl
Das Gemälde „Dame mit Papagei am Fenster“ von Caspar Netscher (1639-1684). Zweimal wurde das Gemälde von den Nazis geraubt, zuletzt hing es in einem Wuppertaler Museum. Quelle: dpa
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Irgendwann mochten sie es nicht mehr sehen. Zu altmodisch, zu düster, irgendwie so gar nicht mehr zeitgemäß. Jahrzehntelang hatte das Bild in einem niederländischen Wohnzimmer gehangen, nun sollte es weg. Im Frühjahr dieses Jahres brachten die Besitzer die alte Leinwand zum Kölner Auktionshaus Lempertz. Dort löste das unsignierte Werk aus dem 17. Jahrhundert nicht gerade Begeisterung aus. Immerhin, die Experten taxierten seinen Wert auf 15 000 Euro und nahmen es in die Auktion auf. Dort löste die Offerte eine kleine Sensation aus. Einen bisher unbekannten Rembrandt meinten einige zu entdecken. Nach heftigem Bietergefecht fiel der Hammer bei 1,15 Millionen Euro.

Viel Geld, doch nicht das letzte Wort. Sollten wissenschaftliche Untersuchungen den Pinselstrich des niederländischen Großmeisters bestätigen, dürften die neuen Besitzer ein Vielfaches des Kaufpreises erlösen. „Hochgesteckte Hoffnungen und traumhafte Renditen - in der Kunst ist das nichts ungewöhnliches“, sagt Karl-Sax Feddersen, Mitglied der Geschäftführung bei Lempertz. In einer Zeit, in der traditionelle Bankgeschäfte wie Sparbuch, Bundesanleihen oder Festgeld nur traurige Mini-Renditen abwerfen, kommen immer mehr Menschen in die Auktionshäuser, um lukrative Anlagemöglichkeiten für ihr Geld zu finden. Dieses Motiv höre man seit einiger Zeit von Kunstkäufern öfter, sagt Feddersen - „verbunden mit der von uns verlangten Zusicherung, dass Kapital möge sich wenigstens nicht in Nichts auflösen“.

Die Kunst ist dem Wahren, Schönen und Guten gewidmet - viele sind schon zufrieden, wenn sie eine schöne, gute Ware ist. Nach Einschätzung der amerikanischen Wirtschaftszeitung CNNmoney investierten Anleger allein im vergangenen Jahr weltweit rund 66 Milliarden Dollar in Kunstwerke. Vor allem in das, was gerade angesagt ist, Künstler der Moderne und zeitgenössische Kunst. Das Kalkül: Günstig einkaufen, einige Jahre sicher im Depot verwahren und dann mit satter Rendite veräußern. Auch Banken weltweit haben Kunst als Spekulationsobjekt wiederentdeckt. 2010 steckten global etwa 760 Millionen Dollar in sogenannten Kunstfonds, 2011 waren es bereits 960 Millionen, und in diesem Jahr lagerte nach Einschätzung von CNNmoney bereits Schönes und Teures im Wert von etwa zwei Milliarden Euro in den Tresoren der Banken. Auch die Deutsche Bank investiert in Kunst; eigene Experten des Geldhauses sollen garantieren, dass nur Werke mit gutem Wertsteigerungspotenzial in den Fundus aufgenommen werden. Die meisten Fonds werden in China gegründet, so legt das Riesenreich einen Teil seiner Außenhandelsüberschüsse an.

Auch der seit 2012 in Luxemburg ansässige Fonds „Art Collection Fund“ verspricht viel. Für rund 60 Millionen Euro pro Jahr sollen zeitgenössische Kunst, ausgefallene Unikate und außereuropäische Stammeskunst angekauft werden. Die Ankaufsphase ist auf vier Jahre angelegt, nach weiteren sechs Jahren startet der Wiederverkauf der Preziosen - mit Gewinnerwartungen, die im zweistelligen Bereich pro Jahr liegen. Einen besonderen Köder gibt es für die Anleger auch noch: Wer will, kann sich die im Fonds gelagerten Kunstwerke ausleihen und zu Hause präsentieren. Für Kleinanleger ist das Geschäftsmodell allerdings nicht gedacht: Die Mindesteinlage beträgt 500 000 Euro.

Vorreiter der modernen Renditejäger am Kunstmarkt ist der British Rail Pension Fund, ein Rentenfonds der britischen Eisenbahn. Zwischen 1974 und 1989 investierte er mehr als 40 Millionen Pfund in rund 2400 Kunstwerke - in zeitgenössische Kunst, Alte Meister, Impressionisten, chinesische Keramik. Während der Verkaufsphase wurde, die Inflation schon abgezogen, eine Rendite von 11,3 Prozent pro Jahr erzielt. Der Haken: Hätten die Anleger ihr Geld damals an der Börse investiert, wäre die Wertschöpfung viel üppiger ausgefallen.

Sind Kunstobjekte als Anlage also nur bedingt geeignet? Oder nur für Menschen, die über genügend „Spielgeld“ verfügen? Die laienhafte Annahme, dass der Preis mit dem Alter steigt, ist jedenfalls ein Irrtum. „Vieles von dem, was sich ein Zahnarzt in den 1970er Jahren für viel Geld gekauft hat, können sie heute fast in den Müll werfen“, sagt Kunstexperte Feddersen. Das gilt vor allem für Gegenwartskunst, die sich nicht durchgesetzt hat.

Auch Möbel, Silber, Porzellan oder Teppiche erleben einen Wertverfall. Experten beziffern die Verluste im Vergleich zur Jahrtausendwende mit rund 40 Prozent, weil Meissner Porzellan, persische Teppiche oder Biedermeiermöbel nicht mehr dem Geschmack einer Generation entsprechen, die mit der Schlichtheit schwedischer Möbelhäuser aufgewachsen ist und deshalb das von den Eltern Geerbte derzeit in großer Zahl verkauft. Feddersen spricht denn auch im Hinblick auf das Kunstinvestment von einem „Risiko wie bei Pferdewetten“. Und: Der Kunstmarkt mit seinen sehr speziellen Qualitätskriterien ist schwer durchschaubar. Hinzu kommt, dass geraubte und gefälschte Werke im Umlauf sind. Auktionshäuser, darunter auch Lempertz, gerieten in der Vergangenheit immer wieder in die Kritik, weil sie oft nicht genau genug hinsahen, was unter den Hammer kam.

Dennoch ist die Sehnsucht in Deutschland beachtlich, mit seltenen Sammelobjekten eine Wertanlage aufzubauen. Nach einer aktuellen Studie der privaten Steinbeis-Universität in Berlin sammeln rund 23 Millionen Menschen in der Bundesrepublik irgendetwas, Bücher, Briefmarken, Uhren, Wein und eben Kunst - immerhin ein Viertel davon denkt dabei an die Rendite. Rigmor Stüssel vom renommierten Berliner Kunstauktionshaus Villa Grisebach sieht den Trend kritisch: „Kunst sollte nach persönlichem Geschmack erworben werden. Nur wer Freude an den Dingen an sich hat, wird zum glücklichen Wiederholungstäter.“

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