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Die Magie des Nahbaren

Igor Levit im Literarischen Salon Die Magie des Nahbaren

Pianist Igor Levit war zu Gast im Literarischen Salon – und sprach dort über falsche Bescheidenheit, richtige Haltung und Rache an unhöflichen Zuschauern.

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Kurzweilig und konzentriert: Igor Levit (rechts) und Stefan Arndt.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Mich hat ein Männerschnupfen heimgesucht. Mit anderen Worten: Die Welt geht unter“, gesteht Igor Levit entwaffnend. Zwei Konzerte hat er am Wochenende in Hannover gespielt, am Freitag unter anderem Beethovens „Diabelli-Variationen“, am Sonntag Bachs „Goldberg-Variationen“. Ein Marathon. „Gesund ist der Beruf nicht immer“, wird der Pianist später zugeben. Am Montag sprach er im Literarischen Salon mit dem Musikredakteur der HAZ, Stefan Arndt.

Viel erfährt man über Levit, über seine jugendliche Spielblockade, seinen „spiritus rector“, den Cembalisten Lajos Rovatkay. Über Levits Einstellung zur Gesellschaft, zum politischen Engagement - immer mehr als Bürger denn als Musiker, wenn er sich öffentlich äußert. Die Gretchenfrage klassischer Aufführungspraxis, ob der Pianist nicht hinter dem Komponisten verschwinden müsste, also die Frage danach, wieviel von Levit selbst in den Interpretationen steckt, ist der Leitfaden des Abends. „Ich kaufe einem Musiker die Bescheidenheit nicht ab, hinter das Werk zurücktreten zu wollen“, sagt er und hält es mit Miles Davis: 20 Prozent lägen in den Noten, 80 Prozent in der Haltung eines Pianisten. Ob er den so kühn ausgehaltenen Vorhalt in den „Goldberg-Variationen“ kalkuliert hat? „Ich möchte nicht zu viel Magie nehmen“, sagt er und lässt die Planbarkeit solch mystischer Momente offen.

Dann erzählt er, dass jede Aufführung anders sei - und nicht unbedingt notengetreu. Kleine Improvisationen kämen manchmal vor - und könnten sogar charmant sein. Neulich habe er bei einer Beethoven-Sonate vergessen, eine Seite zu spielen. Ein Freund habe ihm geschrieben: „Toll! Nächstens spielst du einfach eine mehr.“

Ein reichhaltiges Gespräch, kurzweilig und konzentriert. Und immer wieder flackert dieser feine Humor auf, der den ganzen Literarischen Salon erheitert, mal subtil ironisch, mal charmant schlagfertig: „Wie sind Sie zum Klavier gekommen?“, fragt ein Mädchen. „Krabbelnd“, antwortet Levit prompt.

Als seine Geduld in einem Konzert einmal ihre Grenzen erreicht hat - ein Zuschauer ist während des Konzert ans Handy gegangen -, habe er als Zugabe die „Goldberg-Variationen „begonnen, ein immerhin 80-minütiges Stück. „Ah, das war herrlich“, erzählt er, „pure Panik in den Gesichtern“. Inmitten der ersten Variation habe er dann abgebrochen, „ein Witz“ gesagt - und es so charmant vermocht, das Publikum hier wie wohl auch dort für sich zu gewinnen.

Es ist eine besondere Aura, die Levit umgibt, eine charismatische Nahbarkeit, die spürbar wird, wenn er vor und nach dem Gespräch inmitten der Reihen steht und Bekannte innig umarmt. Eine Nahbarkeit, die auch spürbar wird, wenn er von Freunden spricht, von Briefen, aus denen er zitiert. Von dem Verlust eines Freundes, des Künstlers Hannes Malte Mahler, der im Juli starb. Ein Verlust, mit dem Levit „offensiv“ umgeht, wie Arndt feststellt. Der sonst so eloquente Levit ist in diesem Moment der Sprachlosigkeit nahe. „Ich kann damit nicht umgehen.“ Der Verlust ist einschneidend, eine Zäsur in seiner Biografie, so scheint es. Ob man das hören könne, fragt Arndt. „Das weiß ich nicht. Aber ich kann es spüren.“

Von Katharina Derlin

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