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Die Motive von Attentätern

Die Motive von Attentätern

Zwischen Schuld und Sühne: Lena Kußmann inszeniert am Theater an der Glocksee "Raskolnikow - humanity is overrated". Im Interview mit Thomas Kaestle spricht sie über Terror und Menschlichkeit. 

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Portrait von Lena Kußmann.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Rodion Raskolnikow ist die Hauptfigur in Fjodor Dostojewskis 1866 erschienenem Roman „Schuld und Sühne“. Aus einer selbst entwickelten Ideologie heraus wird er zum Mörder. Warum inszenieren Sie diese Geschichte im Jahr 2017?

Ich suchte lange nach einem Rahmen, um mich auf der Bühne mit der Motivation von Attentätern auseinandersetzen zu können. In der Schilderung der Hintergründe von Raskolnikows Tat fand ich einen möglichen roten Faden. Das Manifest, das er zur Rechtfertigung veröffentlicht, hat viele Gemeinsamkeiten mit den ideologischen Konstrukten heutiger Täter, egal ob es um Amok oder Terror geht.

Woher nehmen Sie Ihren Untertitel, „humanity is overrated“?

Wir beziehen uns auch auf das Buch „Helden“ des italienischen Philosophen Franco Berardi. Der hat sich mit Motiven von Attentätern befasst und zitiert aus deren Manifesten. Die Ähnlichkeiten zu Dostojewskis Mörder sind verblüffend. Die Worte „humanity is overrated“ ließ sich der Finne Pekka-Eric Auvinen auf ein T-Shirt drucken, das er bei seinem Amoklauf im Jahr 2007 trug.

Meinte er mit „humanity“ eigentlich Menschlichkeit oder die Menschheit?

Das frage ich mich auch ständig. Aber auch Raskolnikows große Frage an sich selbst ist ja: Bin ich eine Laus, ein Ungeziefer - oder ein Mensch? Er dreht sich ständig um Vorstellungen von Über- und Unterlegenheit. Daher auch die Schabe als unser Hauptmotiv auf Plakaten und Postkarten.

Arbeiten Sie mit konkreten Szenen und Texten aus „Schuld und Sühne“?

Aber ja. Dennoch versuchen wir, damit für ein heutiges Publikum zu erzählen. Unser Raskolnikow ist zwar ebenfalls ein mittelloser Jurastudent, er lebt aber mit zwei anderen Romanfiguren in einer Wohngemeinschaft: seinem Freund Rasumichin und der Prostituierten Sonja. Dostojewskis Geschichte ist noch da, nur eben anders. Die Befragung durch den Ermittlungsrichter Porfirij wird zum Beispiel zur Talkshow als WG-Spiel - die anderen nehmen Raskolnikow in die Mangel, weil sie das Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt.

Zur Person

Lena Kußmann ist seit 2012 Mitglied des Leitungsteams im Theater an der Glocksee und konzipiert dessen Spielzeitschwerpunkte und Produktionsideen mit. Im Jahresthema „Kein Mensch ist eine Insel“ hat sie die künstlerische Leitung des Projekts „Raskolnikow – humanity is overrated“ übernommen, das sie anhand von Versatzstücken aus Fjodor Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ und Franco Berardis „Helden“ gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt hat. Auf der Bühne werden Achmed Ole Bielfeldt, Rebecca Junghans und Jonas Vietzke agieren. Premiere ist am Freitag, 21. April, um 20 Uhr, weitere Aufführungen gibt es am 22., 26., 28. und 29. April sowie am 3., 5., 6., 10., 12., 13., 17., 19., 24. und 26. Mai.

Den Jahresschwerpunkt des Theaters an der Glocksee „Kein Mensch ist eine Insel“ begannen Sie im Februar mit dem Monolog „Jack in the Box“. Auch Jack war ein Gefangener seiner Gedankenströme. War das eine Vorstudie?

Jack und Raskolnikow verbinden Rückzug, Abschottung und das Eintauchen in eine Welt - der Versuch, einen Umgang mit Gefühlen und Erlebnissen zu finden.

Da ist der Weg in die Gedankenschleifen von Attentätern nicht mehr weit.

Wir versuchen, solche Eskalationen im Spiel greifbar zu machen. Raskolnikows Welt ist bei uns oft surreal, eine wahnhafte Fieberwelt. Mich beschäftigen dabei verpasste Schnittstellen, zum Beispiel in Begegnungen zwischen Menschen. Ein Gespräch, bei dem jemand die richtigen Worte nicht findet oder jemand anders nicht zuhört. Die Menschen rund um Raskolnikow sind da, auch alle Situationen, in denen er sich öffnen könnte. Er verweigert aber den entscheidenden Schritt, findet keine Worte, flüchtet sich in Zitate anderer.

Geht es Ihnen auch um Raskolnikows Sühne nach der Tat?

Bei Dostojewski dreht sich die Figur tatsächlich erst auf den letzten Seiten des Epilogs. Eigentlich hört der Autor da schon auf zu erzählen, sagt, das sei eine andere Geschichte, ein neues Leben, eine Auferstehung. Wir folgen zwar Dostojewskis Dramaturgie: Die Tat geschieht in der ersten Hälfte des Stückes. Danach geht es um Konsequenzen. Wir müssen ja auch entscheiden, was wir unserem Attentäter zugestehen, wie weit wir eine glaubhafte Wandlung erzählen können.

Interview: Thomas Kaestle

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