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„Ab da habe ich dann fotografiert“

Andrea Gjestvang fotografiert Utøya-Opfer „Ab da habe ich dann fotografiert“

Mit ihrer Reportage über überlebende Opfer des Amoklaufs von Utøya hat Andrea Gjestvang den HAZ-Publikumspreis beim Lumix-Festival gewonnen. Im Interview spricht die Fotografin über ihre Arbeit.

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Andrea Gjestvang hat überlebende Opfer des Amoklaufs von Utøya begleitet. Ihre Reportage ist beim Lumix-Festival in Hannover zu sehen

Quelle: Andrea Gjestvang

Frau Gjestvang, wo waren Sie am Nachmittag des 22. Juli 2011, als eine Explosion in Oslo acht Menschen tötete?
Ich habe als Urlaubsvertretung bei der  Zeitung „Verdens Gang“ gearbeitet. Das Gebäude ist neben dem Regierungsviertel von Oslo, wo der Anschlag passierte. Wir hörten diesen wahnsinnigen Lärm, das ganze Haus wackelte. Wir haben aus dem Fenster geguckt, und dann haben wir uns versteckt. Kurz darauf wurde das Haus evakuiert.

Haben Sie realisiert, was passiert war?
Die ganze Szene war surrealistisch. Ich dachte zuerst an ein Erdbeben. Aber eigentlich habe ich gar nichts gedacht, ich hatte einfach Angst. Später bin ich rausgegangen, aber ich hatte an dem Tag keine Kamera dabei. Also bin ich nach Hause gerannt, um meine Kamera zu holen. Ab da habe ich dann fotografiert.

Zur Person

Zur Person: Andrea Gjestvang, Jahrgang 1981, hat Fotojournalismus in Oslo studiert und lebt in der norwegischen Hauptstadt und Berlin. Sie hat weltweit für Magazine und Zeitungen gearbeitet und für ihre Bilder zahlreiche Preise bekommen. Mit der Reportage „One Day in History“, die auch als Buch erschienen ist, nimmt sie am Wettbewerb des 4. Lumix-Festivals teil, bei dem vom 18. Bis 22. Juni 60 junge Fotografen ihre Arbeiten zeigen. Alle Infos zum Festival finden Sie hier.

Zwei Stunden später richtete der Täter Anders Behring Breivik auf der Ferieninsel Utøya ein Blutbad an, bei dem weitere 69 Menschen, zumeist Jugendliche, starben. Warum wollten Sie die überlebenden Opfer fotografieren?
Ich habe für norwegische Zeitungen und den „stern“ über das Ereignis berichtet. So kam ich zuerst mit Opfern in Kontakt. Und ich wusste: Alle haben eine Geschichte zu erzählen, nicht nur die, die vor den Fernsehkameras zu sehen waren.

Wie schmal war für Sie dabei der Grat zwischen Journalismus und Sensationsgier?
Zuerst dachte ich: Das kann ich nicht machen. Aber ich wusste auch, dass irgendjemand diese Geschichten aufnehmen und sammeln muss. Ich bin keine Sensationsjournalistin. Ich habe sehr lange mit mir gerungen. Es hat mehrere Monate gedauert, bis ich den Entschluss gefasst habe, dass ich diese Geschichten erzählen will, und es respektvoll machen kann.

Haben viele der Jugendlichen, die Sie angesprochen haben, abgelehnt?
Ich war überrascht, wie viele zugestimmt haben. Es waren natürlich auch einige dabei, die nicht darüber sprechen wollten.

Wie haben Sie die Jugendlichen ausgesucht?
Ich wollte ein möglichst breites Spektrum zeigen. Jugendliche aus allen Teilen Norwegens, Jungen, Mädchen, unterschiedliche ethnische Herkunft. Es waren Opfer mit ganz unterschiedlichen Verletzungen. Es war eine Mischung aus journalistischem Empfinden und meinem Bauchgefühl, nach der ich die Auswahl getroffen habe.

Konnten alle Jugendlichen über das Attentat selbst und über den Attentäter sprechen?
Ja, das konnten alle. Das war nicht der Fokus meiner Arbeit, ich interessierte mich vor allem für die Monate danach. Mein Eindruck war, dass Menschen, die nicht dabei waren, größere Schwierigkeiten hatten, über den Tag zu sprechen als die Jugendlichen selbst. Denn die Geschichte von der Insel selbst hatten sie immer wieder erzählt. Für die Opfer war es wiederum schwerer, über die Zeit danach und ihre Gefühle zu sprechen. Insgesamt waren die meisten aber sehr offen.

Hatten die Opfer Schwierigkeiten, ihre körperlichen Verstümmelungen zu zeigen?
Nein. Die meisten hatten keine Angst davor. Manche gingen sehr offensiv damit und mit der Bewältigung um und haben sich sogar eine Tätowierung stechen lassen, die an diesen Tag erinnert.

Wie haben die Jugendlichen in den Alltag zurückgefunden?
Es kommt darauf an, wie stark jeder Einzelne ist, wie stark der familiäre Hintergrund, wie die psychologische Unterstützung war. Viele mussten das Schuljahr wiederholen. Andere haben mit ganz anderen Herausforderungen und Problemen zu kämpfen. Für einen Jungen, dem jetzt das Bein fehlt, hat sich alles geändert. Manche Jugendliche, zu denen ich noch Kontakt habe, sagen, dass sie es hinter sich haben. Andere sind damit noch nicht durch.

Haben alle, die auf der Insel waren, die Stunde des Attentats ähnlich erlebt?
Nein, sehr unterschiedlich. Einige haben sich versteckt, andere waren in vorderster Linie. Viele haben nicht verstanden, was da gerade überhaupt passiert.

Mussten einige danach wegziehen, um Abstand zu bekommen?
Ein Junge, der seinen besten Freund verloren hat, sagte: „Alles, was ich hier mache, erinnert mich an meinen Freund.“ Er glaubt nicht, dass er geheilt werden kann, bevor er wegzieht. Ein Mädchen aus Georgien, das als Gast von eingeladen war, und auf der Insel ihre beste Freundin verloren hat, ist zuerst wieder nach Hause gefahren. Aber die junge Frau hat es dort nicht ausgehalten und ist zurück nach Oslo gekommen, weil sie Teil der kollektiven Trauer sein wollte.

Wie denken die Opfer über den Täter? Sind sie beunruhigt weil er noch lebt?
Manche haben immer noch Angst. Viele, die ihn vor Gericht gesehen haben, fanden ihn erbärmlich. Das hat ihnen geholfen.

Was hat dieser Tag mit Norwegen gemacht. Hat sich das Land verändert?
Schwierige Frage. Zuerst dachte ich, nach diesem Tag wird nichts mehr so sein wie es bislang war. Die Trauer war stark, und die Trauer war lang. Mittlerweile ist es eher so, dass man nicht viel darüber redet. Aber ob sich das Land wirklich verändert hat, ist schwer zu sagen.

Interview: Uwe Janssen

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