Ehrung
Die Scorpions: Weltstars von nebenan
Sie gehören zu Hannover wie der Maschsee und die Roten: Die Band Scorpions bekommt an diesem Sonnabend den „Echo“ für ihr Lebenswerk verliehen. Eine Annäherung an das Phänomen.
40 Jahre Hardrock: Die Scorpions.
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Frank Wilde
Was fällt uns zu den Scorpions ein, ohne lange zu überlegen? „Rock you like a Hurricane“! „Wind of Change“! Und: „Hannovääääär“! Die ersten beiden sind Welthits, das dritte eine schon legendäre Heimatbekundung von Sänger Klaus Meine. Die Scorpions, das sind mehr als vier Jahrzehnte Hannoväääär und der Rest der Welt. Das sind auch 16 Studio- und eine Handvoll Livealben, 40 Jahre Formationsrocken und lustiges Metalschunkeln an den Bühnenrändern zwischen Rio und Nowosibirsk - und das alles garniert mit der stolzen Bilanz von 75 Millionen verkauften Platten und gut 100 Gold- und Platinalben.
1972, sieben Jahre nach Bandgründung, erschien die erste reguläre Langspielplatte der Scorpions, sie hieß „Lonesome Crow“ und klang mehr nach Led Zeppelin als nach den späteren Scorpions. Bei der anschließenden Deutschlandtour mit Rory Gallagher, Uriah Heep und UFO stieg der jüngere Bruder von Bandgründer Rudolf Schenker, Michael, erst als Ersatzgitarrist bei UFO ein und danach bei den Scorpions aus. Und schon war der erste Stachel gezogen, bis auf Schenker und Meine (der selbst erst 1969 dazugestoßen war) wurde die Band neu besetzt.
Und plötzlich ging es ab. Binnen weniger Jahre wurden alle Karriereweichen gestellt. Mit Dieter Dierks fand die Band den richtigen Produzenten, der den Scorpions-Sound zum Markenzeichen machte. Die Hannoveraner waren jetzt eine Hardrockband, und sie bekamen (wie viele spätere Bands dieses Genres auch) gleich zu spüren, dass diese Mischung aus strengen Posen und engen Hosen eine weltweite Fanschar hat. In Japan verkaufte sich die Platte bestens, das europäische Ausland eroberten die Scorpions als Vorband der Comicrocker von Kiss, und ein kleines, im Genre nicht unvorteilhaftes Skandälchen gab's auch: Ihre Plattenfirma veröffentlichte als Cover des Albums „Virgin Killer“ - angeblich ohne Absprache mit der Band - ein nacktes Mädchen mit gespreizten Beinen hinter einer gesprungenen Glasscheibe. Das Cover wurde entschärft, die Plattenverkäufe nicht - erste Goldene Schallplatte in Japan.
Nach jahrelangem Besetzungs-Hin-und-Her fanden die Scorpions 1978 eine Formation, die 14 Jahre zusammenblieb: Mit Klaus Meine, Rudolf Schenker, Francis Buchholz (Bass), Hermann Rarebell (Schlagzeug) und Matthias Jabs als zweitem Gitarristen schaffte die Gruppe in den Achtzigern den entscheidenden Schritt: Sie knackte den amerikanischen Markt. Zunächst auf Tournee mit AC/DC, später mit Hits wie „Still loving you“ und eben jenem „Rock you like a Hurricane“. Die Hannoveraner spielten als Headliner in US-Footballstadien und füllten dreimal hintereinander den New Yorker Madison Square Garden. Sie waren Superstars und begannen, auch in abgedunkelten Räumen und bei Regenwetter Sonnenbrillen zu tragen.
Ende der achtziger Jahre fuhren die Scorpions nach Russland - und ahnten vermutlich nicht, wie oft sie noch wiederkommen würden. Klaus Meine war so beeindruckt, dass er zu pfeifen begann - „Wind of Change“ wurde der größte Hit. Der Wind des Wandels verhalf der Band in elf Ländern auf Platz eins der Charts und Meine zu einem Gastauftritt im vierten „Otto“-Film. Das dazugehörige Album „Crazy World“ sahnte ebenfalls ab, doch während sich die Rockwelt langsam dem Grunge zuwendete, wurden die Scorpions in der öffentlichen Wahrnehmung eine Schmuseband: „Send me an Angel“, „You and I“ oder „White Dove“ waren Zucker fürs Formatradio, während die „alten“ Fans die Entwicklung der Band skeptisch beobachteten.
Das Album „Eye to Eye“ (1999) mit seinen Drumloop- und Elektronikexperimenten fiel durch und damit auch der erste Versuch der Band seit 1972, sich komplett neu zu erfinden. Der Expo-Song „Moment of Glory“, die kommerziell erfolgreiche Arbeit mit den Berliner Philharmonikern, und große Shows in Südamerika, Asien und Osteuropa konnten den Wunsch der Fans nach gutem, altem Hardrock nicht unterdrücken. Und so kehrte die Band 2004 fast reumütig zu ihrem Stil zurück, auf „Unbreakable“ wurde wieder gerockt. Seit 2003 spielen die Scorpions in ihrer derzeitigen Formation, zu der neben Meine, Schenker und Jabs auch James Kottak am Schlagzeug und Bassist Pawel Maciwoda gehören.
Und jetzt gibt's den Lebenswerk-Preis - für rüstige Altrocker mit 44 Jahren Karriere auf dem Buckel eine schöne Auszeichnung. Die Frage, ob der „Echo“ nun das Karriereende der erfolgreichsten deutschen Rockband einläutet, beantworten Meine und Schenker, beide im vergangenen Jahr 60 geworden, auf ihre Weise: Sie formen mit Zeige- und Mittelfinger ein V und kündigen das nächste Album an. Für Hannovääääär und den Rest der Welt.
von Uwe Janssen
Da sitzt Klaus Meine im Studio eines hannoverschen Radiosenders und wirkt angespannt. Er studiert das Blatt Papier vor sich, streicht durch, stellt um. Der Mann ist ein erfolgreicher Rockstar, hat weltweit in großen Stadien gespielt - und scheint jetzt tatsächlich unter Druck zu stehen, weil er eine Liste seiner Lieblingssongs erstellen soll, die der Sender bringen will. Schließlich startet er einen kleinen Hilferuf: „Rudolf, komm bitte mal!“ Rudolf heißt mit Nachnamen Schenker und rockt seit fast 40 Jahren mit Meine Seite an Seite. Er soll bei der Auswahl helfen. In New York, erzählt Schenker, habe man mal eine ähnliche Aktion mit einem Radiosender gemacht. „Ganz locker“ sei das gewesen. Ja, aber was ist schon New York für einen Klaus Meine im Vergleich zu Hannover?
Der gebürtige Hainhölzer und Frontmann der Scorpions hat zu seiner Heimatstadt eben eine ganz besondere Verbindung. „Hier ist meine Homebase“, hat der heutige Wedemärker einmal mit einem der für ihn typischen englischen Versatzstücke in der Rede gesagt - und mit diesem international formulierten Bekenntnis alles ausgedrückt. In Hannover daheim, in der Welt zu Hause, könnte man in Abwandlung von Beckenbauers Weißbierwerbung sagen. Das gilt auch für Bandgründer Schenker - dass er in Sarstedt geboren ist und in Schwarmstedt seine „Homebase“ im engeren Sinne hat, zählt nicht weiter. Der dritte Dauer-Scorpion des Quintetts, der seit 1978 zur Band gehörende Matthias Jabs, ist wie Meine Wedemärker. Und wo immer die Scorpions hinkommen, erzählen sie, wo sie herkommen.
„Das ist kostenlose Standortwerbung“, sagt Hannovers Marketingchef Hans Nolte. Der Gegenwert? „In Geld nicht auszudrücken.“ Kein Wunder, dass die rockenden Söhne Hannovers schon die Stadtplakette und den Stadtkulturpreis bekommen haben - beides im Expo-Jahr 2000, als die Scorpions Botschafter der Weltausstellung waren und mit „Moment of Glory“ deren Hymne lieferten. Im Goldenen Buch stehen sie sogar zweimal. 1985 gab es den ersten Eintrag, den nächsten dann, als sie sich die Plakette abholten. Und auch den beiden wichtigsten Sportvereinen der Stadt würde ohne die Scorpions etwas fehlen: der DEL-Eishockeytruppe schlicht der Name und Hannover 96 ein Stadionsong. Immer, wenn die Mannschaft zum Warmmachen auf den Rasen kommt, legt der leider oft einzige Wirbelsturm bei 96 los. „Rock you like a Hurricane.“
Die Eishockey-Scorpions, die früher ESC Wedemark hießen, hatten die Namensrechte 1996 beim DEL-Aufstieg mit den heimatverbundenen Rockern klargemacht. Dass man sieben Jahre später meinte, Uneinigkeiten um die Nutzung des Logos und die Einnahmen aus dem Verkauf von Fanartikeln juristisch klären zu müssen, ist heute wieder vergessen. Gern zeigen sich vor allem Meine und Schenker auch beim Fußball in der AWD-Arena. Dort treffen sie ihre Kumpel aus der Stadtgesellschaft: AWD-Chef Carsten Maschmeyer etwa, der vor Jahrzehnten als unbekannter Hardrockfan in Sarstedt Scorpions-Plakate klebte, Anwalt Götz von Fromberg oder Altkanzler Gerhard Schröder.
In der Fußballarena war man aber stets nur Zuschauer. Die Scorpions, die dieses Jahr eine Stadiontour in Russland vor sich haben und schon vor 40 000 Fans im Nehru-Stadion in Indien am Himalaja aufgetreten sind, haben noch nie im hannoverschen Rund gespielt. Generell macht man sich rar, was Liveauftritte in Deutschland angeht. Die internationale Nachfrage ist größer als die nationale. Dabei kann keiner mit so langem Atem „Hannovääääär“ rufen wie Meine, wenn er mal zu Hause auf der Bühne steht. Zuletzt war das 2006 beim WM-Fest auf dem Waterlooplatz. 2001 gab es einen Auftritt beim Expo-Revival auf der Plaza, und im Jahr 2000 spielten die Expo-Botschafter bei der Weltausstellung - zusammen mit den Berliner Philharmonikern. 1998 waren die Scorpions beim Konzert zum Tag der Deutschen Einheit in der Messehalle 2 dabei. Zwei Jahre davor spielten sie in der Eilenriedehalle, nachdem mal wieder fünf Jahre ohne Scorpions in Hannover vergangen waren. Es sind seltene Heimspiele, die sie geben, seit 1978 ihr erstes amtliches Rockkonzert vor 3000 Fans in der Niedersachsenhalle über die Bühne ging.
Doch dafür sind sie an ihrer „Homebase“ eben anderweitig präsent. Sie sind die netten Rocker von nebenan geblieben, die man auch mal im Kaufhaus an der Kasse trifft. Und als Meine 2008 seinen 60. Geburtstag mit viel Prominenz im Capitol feierte, war nicht nur die bundesweite Klatschpresse dabei, sondern auch seine inzwischen 88-jährige Mutter Erna mit ihren Freundinnen. Wie uncool für einen Rocker! Aber irgendwie hannöversch.
von Stefanie Kaune
Die Scorpions in New York.
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Frank Wilde
Natürlich haben sich weder Drehbuchautor noch Produzent des aktuellen Kinohits mit Brad Pitt und Cate Blanchett von einer Rockgruppe inspirieren lassen. Aber am Ende scheint der Fall dieses Benjamin Button, der mit zunehmendem Lebensalter immer jünger wird, doch nur auf die Spitze zu treiben, was uns vor allem die beiden Vordermänner der Scorpions im Lauf ihrer vergangenen rund 40 Rockerjahre vorgelebt haben. Da haben Klaus Meine und Rudolf Schenker im Jahr 2008 jeweils ihr sechstes Lebensjahrzehnt abgeschlossen, doch sie denken einfach nicht daran zu altern, mit ihrem Rock rund um die Welt mal etwas kürzer zu treten oder sogar aufzuhören.
„Begriffe wie Pension oder Altersruhe sind für uns so weit weg wie der Mond“, hat Meine in einem Interview zu seinem 60. Geburtstag gesagt. „Unser Bassist ist Anfang 40, der kommt sportlich oft mit uns nicht mit“, ergänzte damals Schenker, der jede Menge Erfahrung mit Laufband, Fitnessstudio und seit neuestem auch mit Ayurveda hat. Er fühle sich jünger und körperlich besser als mit 30 Jahren, erzählt der Lebensgefährte einer 24-jährigen ehemaligen Miss Nowosibirsk gern unaufgefordert weiter. Wenn es hier noch eines Beweises bedarf, sei auf die aktuelle Kampagne einer Unterwäschefirma verwiesen, bei der Schenker zu den prominenten Models gehört. Unter Endvierzigern wie Sönke Wortmann oder Ralph Herforth und Frauen von Anfang bis Ende 30 wie Annett Louisan und Esther Schweins ist Schenker selbstredend der Stubenälteste in der Wäschekabine. Mitrocker Meine verweist statt auf zu viel bewusste Fitness lieber auf die Gene und darauf, dass das ewige Touren um den Globus und der Kontakt zu den Fans aller Generationen jung halte.
Wie auch immer: Die Hardrocker aus Hannover scheinen einen guten Teil dessen wahr zu machen, was Softrockkollege Brian Adams Mitte der Neunziger per Plattentitel angekündigt hatte: „18 til I die“ (18 bis ich sterbe). Erwachsen zwar, doch niemals alt. Und diese Haltung zeigen die Scorpions-Frontmänner auch durchgängig, wenn sie mehr anhaben als eine Unterhose: Lederröhren, schrille T-Shirts und Sonnenbrillen in geschlossenen Räumen gehören bei den Jungs – wie man bei diesen 60-Jährigen stets zu sagen geneigt ist – unerbittlich zur Garderobe. Bei Meine kommt natürlich noch die Mütze dazu, die eigentlich ein altersloses Attribut ist, ihn aber letztlich wohl doch jünger macht, weil sie eine fehlende Haarpracht kaschiert. Schenker dagegen mag es gern oben ohne und blondiert. Und man könnte das alles etwas befremdlich bis skurril finden, wenn die Jungs es nicht wirklich ernst meinten mit ihrer Rockerattitüde. Sie sind, was sie leben, und sie leben, was sie sind.
„Wenn du als Musiker die Möglichkeit hast, deinen Traum zu leben, bleibst du im Herzen jung“, hat Meine selbst es einmal ausgedrückt. Schenker sagt es etwas konkreter: „Wir haben wie die Rolling Stones das Glück gehabt, einen neuen Lebensstil mit zu kreieren, der das Lebensgefühl, unserer Eltern ersetzt hat.“ Stimmt! Und welche Rockband, die auf sich und ein cooles Image hält, hätte sich nicht schon an dem Maßnahmenkatalog für rockertaugliches Verhalten orientiert, an dem die Scorpions eifrig mitgeschrieben haben. Ausfallschritt und das obligatorische Victory-Zeichen auf Zuruf gehören da neben der Garderobe ebenso zum Repertoire wie ein munteres „Keep on rocking“ oder „Let’s rock“ in ansonsten deutscher Rede. „Hannover, seid ihr gut drauf“, ruft Meine gern, wenn er mal in der Heimat auftritt. Die Scorpions sind’s mit Sicherheit.
von Stefanie Kaune