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22:17 10.01.2009
Dr. Georg Ruppelt, Direktor der Leibniz Bibliothek, mit einer Rechenmaschine. Quelle: Steiner

Zwölf Jahrhunderte trennen uns von dem, der diese Zeilen schrieb. Ein Benediktinermönch brachte um 800 im österreichischen Kloster Mondsee das Matthäusevangelium zu Pergament. Das Kloster gibt es nicht mehr, der unbekannte Mönch ist längst vergessen – doch die Informationen, die er vermitteln wollte, sind noch immer lesbar. Man muss dazu nur in den begehbaren Tresor der hannoverschen Leibniz-Bibliothek hinabsteigen. Die „Monseer Fragmente“ zählen zu den ältesten Schriften, die hier verwahrt werden. Dass sie demnächst öffentlich zu sehen sein werden, ist nur glücklichen Umständen zu verdanken.

Das Gemeinschaftsprojekt von Leibniz-Universität, Kestnergesellschaft und Leibniz-Bibliothek könnte Hannovers ungewöhnlichste Ausstellung des Jahres werden. Es geht um Medientheorie und Kommunikation; bei einer groß angelegten Tour d’Horizon durch die Epochen und ihre Aufzeichnungen stellen die Ausstellungsmacher alte und neue Medien nebeneinander – vom Pergament bis zum Internetportal.

Bibliotheken bewahren Wissen, bilden die reale Welt ab und sammeln zugleich auch all die gedanklichen Alternativwelten, die Menschen ersonnen haben. So gesehen haben sie viele Gemeinsamkeiten mit dem Internet. „Anders als virtuelle Medien bieten sie aber die Möglichkeit, etwas von der Aura des Originals zu erfahren“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Zumindest, wenn die Originale dem Publikum zugänglich sind. Doch viele der 42 teils hochkarätigen Exponate, die die Leibniz-Bibliothek für die „Bookmarks“-Ausstellung beisteuert, sind dort erstmals öffentlich zu sehen.

Gezeigt wird unter anderem die berühmte Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Außerdem werden eine Inkunabel mit einer Dürer-Zeichnung zu sehen sein und eine Handschrift von Luther – schließlich hat die Bibliothek eine der wichtigsten Autografensammlungen weltweit. Prachtvolle Atlanten gehören ebenso zu den Exponaten wie Leibniz’ berühmter Neujahrsbrief von 1697 an den Herzog von Wolfenbüttel, in dem er sein binäres Zahlensystem erklärt. Das vielleicht größte Exponat ist eine 16 Meter lange Zeichnung von 1826, die den Trauerzug von Zar Alexander I. zeigt.

Die Bibliothek öffnet ihre Schatzkammer – allerdings in den Räumen der Kestnergesellschaft. Warum eigentlich dort? „Wir haben schlicht nicht die Möglichkeit, diese Stücke bei uns zu präsentieren“, sagt Ruppelt. Für derart empfindliche Dokumente seien besondere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich – und klimatisierte Räume: „Sie dürfen nur unter speziellem Kaltlicht bei einer bestimmten Luxzahl gezeigt werden“, sagt Ruppelt. Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssten penibel justiert werden: „Pergament ist lebendes Material – wenn es zu trocken wird, reißt es.“ Solche Bedingungen erfüllt die Bibliothek nur in ihrem Tresor, hinter den Kulissen, unzugänglich fürs Publikum. Und so fristen gerade die grandiosesten Schätze des Hauses, Exponate, die in jedem Museum zu den Ikonen der Dauerausstellung zählen würden, ein Schattendasein als Kellerkinder.

„Die Kestnergesellschaft hat, was wir nicht haben – geeignete Räume, um unsere Preziosen auszustellen, noch dazu in zentraler Lage“, sagt Ruppelt. Der Bibliotheksbau in der Waterloostraße galt bei seiner Fertigstellung in den siebziger Jahren als Nonplusultra der Bibliotheksarchitektur. Heute sieht man ihm vor allem an, dass er aus den siebziger Jahren stammt. „Wir brauchen dringend Platz für die Restaurierwerkstatt, für Lesungen und für die angemessene Präsentation von Leibniz-Exponaten“, sagt Ruppelt. „Bei großen Veranstaltungen müssen wir immer unseren Lesesaal räumen.“

Bereits vor einiger Zeit hat er dem Kulturministerium Pläne für einen Neubau skizziert; schließlich ließ man seinerzeit beim Bibliotheksbau in weiser Voraussicht Platz für eine Erweiterung neben dem Hauptgebäude frei. Veit Görner, Chef der Kestnergesellschaft, hat unterdessen angeregt, auf dem Steintorplatz eine Außenstelle der Bibliothek zu errichten. „Ein zweites Standbein in der City könnte den Platz aufwerten“, sagt auch Ruppelt. Andererseits würde der Buchbestand in diesem Fall auf noch einen weiteren Standort verteilt. Denn schon jetzt hat die Bibliothek eine Dépendence. Im Magazin in Rethen lagern unter anderem sechs Regalkilometer mit Zeitungen.

Im Ministerium bestätigt man zwar, dass es Gespräche über Baupläne gibt, hält sich aber ansonsten bedeckt. Ein Neubau dürfte einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingen. Ob sich die Baupläne angesichts der Sparzwänge je realisieren lassen, steht in den Sternen. Und so werden die Prunkstücke der Bibliothek mit dem Ende der „Bookmarks“-Ausstellung am 15. Februar wohl wieder im Tresor verschwinden.

von Simon Benne

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