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Das letzte Kleinod im Güterbahnhof Linden

Theater auf der Schiene Das letzte Kleinod im Güterbahnhof Linden

 Die freie Theatergruppe Das letzte Kleinod ist mit einem eigenen Zug unterwegs. Am Güterbahnhof Linden gastiert das Ensemble jetzt mit „Flucht /Ucieczka“, einer Geschichtscollage vom Ende des Zweiten Weltkrieges in Ostpreußen, Polen und Russland. Gespielt wird in Güterwaggons.

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Theater vor und in Güterwaggons: Das letzte Kleinod spielt "Flucht / Ucieczka"

Quelle: MARZENA CHOJNOWSKA

Hannover. Die Ratten, sagt die Frauen, seien ungewöhnlich fett gewesen. Kein Wunder, gegen Kriegsende lagen viele Leichen auf den Straßen und im Fluss.
Ein Mädchen erzählt von den Menschen im Gutshof. Als klar war, dass die Russen bald da sein würden, ging die Bäuerin in den Stall und kam mit Stricken wieder. Alle stiegen die Treppe zum Dachboden hoch, um sich dort zu erhängen. Das Mädchen sah, wie seine Mutter starb.
Geschichten wie diese haben die Mitglieder der freien Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ zusammen mit Kollegen der polnischen Gruppe Theater Gdynia Glowna gesammelt. Regisseur Jens-Erwin Siemssen hat sie zu einer Collage verarbeitet. „Flucht /Ucieczka“ erzählt vom Ende des Zweiten Weltkrieges in Ostpreußen, Polen und Russland. Und zwar vor und in einem Zug.
„Das letzte Kleinod“ ist wohl die einzige Theatergruppe Europas, die mit einem eigenen Zug unterwegs ist. Für die neue Produktion hat man zusätzlich vier alte Güterwaggons aus Tschechien gemietet. Das Spiel beginnt als Open-Air-Theater auf dem Bahnsteig, später werden die Zuschauer in die Waggons gebeten, dort sitzt man auf schmalen Bänken und hört zu, wie eine junge Frau von Vergewaltigungen berichtet. In einem anderen Waggon geht es um Luftangriffe. Es ist stockfinster, es kracht und der ganze Waggon wird durchgeschüttelt.
Die etwa 50 Jahre alten Güterwaggons haben schon mächtig Patina angesetzt, an den Türen blüht der Rost, die Bodenbretter sind aufgequollen oder von Öl getränkt. Ein bisschen funktionieren die Waggons als Zeitmaschinen. Und auch die Schauspieler versuchen mit ihrem Spiel, die Zuschauer auf eine Zeitreise mitzunehmen. Sie tragen historische Kostüme, erzählen von der idyllischen Welt Anfang der vierziger Jahre, singen alte Volksweisen und tanzen einmal sogar einen Holzschuhtanz. Da riecht das Theater ein bisschen nach Heimatmuseum.
Und dann kommen die Erinnerungen an die ersten Bombenangriffe. Die Darsteller lassen große Kabelrollen übers Pflaster bollern und blicken angstvoll nach oben. Eine Schauspielerin saust mit ausgebreiteten Armen über den Bahnsteig und spielt Flugzeug. Bumm, bumm, bumm.
Macht man es sich nicht zu leicht, wenn man Krieg so darstellt? Passt dieser Krieg als Kinderspiel zu den dramatischen Geschichten, die hier erzählt werden? Und warum stellt sich das Gefühl von Geisterbahn ein, wenn man im dunklen Güterwagen sitzt, während von außen jemand mit dem Hammer ans Eisen klopft?
Diese Fragen nach der Verkleinerung des Schreckens durch die Darstellung, durch das So-tun-als-ob stellen sich durchaus, aber vielleicht kann die Antwort darauf einfach mal offen bleiben. Denn im Grunde ist das Geschichtstheater des letzten Kleinods eine grundsympathische Angelegenheit. Interessante, vielversprechende Schauspielerinnen wie die umwerfende Margarita Wiesner oder die sangesstarke Magdalene Rozniakowska sind hier zu entdecken. Und welches Theater bietet seinen Zuschauern sonst schon die Möglichkeit in alten, abgerockten Güterwagen zu sitzen und deutsch-polnische Geschichte zu spüren?
Bis Montag, 15. August, in Hannover am Güterbahnhof Linden (Fischerhof 18), danach in Bremerhaven und Bad Bederkesa. Infos: (047 49) 10 25 64

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