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17:31 18.08.2011
9/11 in der Kunst: Die grausame Schönheit des 11. September Quelle: dpa
Berlin

Es war noch keine Woche seit dem 11. September 2001 vergangen, da bezeichnete der Komponist Karlheinz Stockhausen die Anschläge als „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos“. Ein Aufschrei ging durchs Land - Stockhausen wurde vorgeworfen, den Terroranschlag zu verherrlichen, obwohl er seine Äußerungen umgehend zurücknahm und bedauerte.

Doch der 2007 gestorbene Komponist war nicht der einzige, der die Anschläge als ein zwar teuflisches, aber doch künstlerisches Werk von überragender Bedeutung herausstellte. Anselm Kiefer wurde von der „FAZ“ im Februar 2011 mit den Worten zitiert, Osama bin Laden habe „das perfekteste Bild geschaffen, das wir seit den Schritten des ersten Mannes auf dem Mond gesehen haben“. Ähnlich äußerte sich 2002 der Brit-Art-Künstler Damien Hirst - weltberühmt für sein präpariertes Schaf - in der BBC: „Die Sache mit 9/11 ist die, dass es im Grunde schon für sich genommen ein Kunstwerk ist.“ Es sei zwar „böse“, aber gleichzeitig „atemberaubend“ und in seiner visuellen Wirkung genauestens kalkuliert. „Auf einer bestimmten Ebene muss man ihnen deshalb fast gratulieren.“ Für diese Wortwahl entschuldigte er sich später.

Sowohl Hirst als auch Stockhausen bezogen sich in ihren Äußerungen darauf, dass die Attentäter ihren „Auftritt“ über Jahre hinweg einstudiert hatten. Im Mittelpunkt stand dabei von Anfang an die Idee, die ganze Welt durch beispiellos apokalyptische Bilder zu erschüttern. Wenn man die Anschläge isoliert betrachtet, verbinden sich darin zwei Strömungen, die die Kunst seit den 80er Jahren entscheidend geprägt haben: Konzeptualität - die Idee für ein Werk, seine Vorbereitung - und Emotionalisierung.

Dazu kommt die ästhetische Komponente. Es klingt menschenverachtend, aber es lässt sich kaum bestreiten, dass die rotgelben Feuerwolken vor dem tiefblauen Himmel von einer grausamen Schönheit waren. Dies galt allerdings nur, wenn man die Katastrophe über die Medien verfolgte. Viele Menschen, die sich an jenem Tag in Manhattan selbst aufhielten, sahen nur riesige Staubwolken und erzählten später von höllischem Lärm und Gestank. Es bedurfte der Vermittlung durch die Medien, damit der Schrecken seine Faszination entfalten konnte.

Mit den Jahren schränkten die Medien die Zahl der Motive aus der riesigen Bilderflut immer weiter ein. „Heute werden immer nur dieselben fünf oder sechs Bilder gezeigt“, sagt der Kurator Felix Hoffmann, der in Berlin eine Fotoausstellung zum 11. September vorbereitet hat. „Nur sehr wenige Fotografien bleiben, aber die sind die absoluten Bild-Ikonen, die jeder kennt. Diese unglaublich strikte Auswahl ist meines Erachtens schon ein künstlerischer Prozess, allerdings einer, an dem nicht nur Fotografen und Fotokünstler beteiligt sind, sondern weltweit zahllose Bildredakteure und andere Medienvertreter.“

Kann man nun aber wirklich so weit gehen, die Anschläge selbst als Kunst zu bezeichnen? Thomas Heinzelmann, Direktor des auf Gegenwartskunst spezialisierten Museums Morsbroich in Leverkusen, hält dies für grotesk. „Damit würde man ja Menschen, die so abseitig denken wie zum Beispiel der Täter von Oslo, bestätigen. Man muss das nur mit der Aussage von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ kombinieren, und schon hat man das totale Chaos auf dieser Welt. Das hat mit Kunst nichts zu tun. Man merkt es ja auch daran, dass die Künstler nur sehr vorsichtig und nach Jahren dieses Thema aufgegriffen haben.“

Zu ihnen gehören der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff, der Bilder der Anschläge verpixelte und dadurch auf eine abstraktere, weniger gefühlsbetonte Ebene hob, und Gerhard Richter. Der Maler und Bildhauer war am 11. September selbst auf dem Weg nach New York, um dort eine Ausstellung zu eröffnen, der Flug wurde umgeleitet.

Richters Bild „September“ zeigt ein abgemaltes Foto der brennenden Türme, das mit wilden Pinselstrichen übermalt ist, so als hätte es dem Künstler nicht mehr gefallen. Dadurch wirkt das Bild einerseits selbst wie zerstört, zum anderen vermeidet es jede Stilisierung der Anschläge. Auch das kleine Format steht der Monumentalität des Ereignisses entgegen. So gelingt Richter ein Werk, in dem er den 11. September auf seinen Kern reduziert - Vernichtung, Zerstörung - und sich gleichzeitig klar von dem Verbrechen distanziert.

dpa

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