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Die kreative Wucht medialer Bilder

Ausstellung in Hamburg Die kreative Wucht medialer Bilder

Der kreative Druck: Ein Preis und eine Ausstellung zeigen, was Medien können. Im Haus der Photografie in Hamburg sind die prämierten Arbeiten des Visual Lead Award zu sehen: Eine kreative Wucht, die Besucher geradezu erschlägt.

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Posthum wird der getötete Fotograf Tim Hetherington für seine Reportage über Soldaten in Afghanistan geehrt.

Quelle: Tim Hetherington

Man muss sich das schon trauen: Beim Visual Lead Award bestimmt eine Jury einfach mal so, was in Zeitschrift und Internet optisch der Stand der Dinge, was zeitgemäß und cool ist. Und bei der Präsentation der dazugehörigen Ausstellung in Hamburg sitzen dann die Präsentatoren in den Deichtorhallen, sind mit ihren Hornbrillen auch irgendwie cool und sagen „Stilllifer“, wenn sie Fotografen unbeweglicher Dinge meinen.

Ausgezeichnet werden von der Lead Academy so unterschiedliche Arbeiten wie Zeitschriftencover, Titelstorys, Mode-, Architektur-, Porträt- und Reportagefotografie, Werbekampagnen und Internetauftritte. Zu sehen sind die prämierten Arbeiten nun im Haus der Photographie. Mediale Selbstbespiegelung? Natürlich. Eine eitle Branche feiert sich. Aber das mit einer kreativen Wucht, die einen fast erschlägt.

Wenn der Sensenmann mit Kindern spielt

Und dabei bestens unterhält. Auch, wenn es nicht immer nur um unterhaltsame Themen geht. Zum Beispiel die Kampagne der Deutschen Krebshilfe und der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention von Guido Heffels und seiner Agentur „Heimat“. Da spielt der Sensenmann mit fröhlichen Kindern auf dem Spielplatz, und drüber steht: „Holen Sie Ihr Kind aus der Sonne. Bevor es jemand anderes tut.“ Diese und andere prämierte Kampagnen zeigen, wie Sprache lebt und was sie alles kann. Sprüche und Parolen bekommen in gekonnten Text-Bild-Kombinationen erstaunliche Kraft. Die „Welt am Sonntag“-Kampagne von Oliver Voss wirbt für eine Zeitung, aber auch für den Sonntag: „Nein, Ihr Terminkalender ist nicht zu voll. Ihr Leben ist zu leer.“

In der Kategorie der Reportagefotografie hat ein Bildjournalist gewonnen, der seinen Preis nicht mehr entgegennehmen kann: Kriegsfotograf Tim Hetherington wurde im April in Libyen bei der Arbeit getötet. Ausgezeichnet wurde nun eine Serie, in der er Soldaten in Afghanistan begleitet hatte. Geehrt wurden auch drei Fotoreihen, die bereits in Hannover zu sehen waren – beim letztjährigen Lumix-Festival für junge Fotografie auf dem Expo-Gelände. Vor allem die zu Tränen rührenden Bilder des ­Dänen Thomas Lekfeldt sind in Erinnerung. Er begleitete zwei Jahre den Kampf des fünfjährigen Zwillingsmädchens Vibe gegen einen Gehirntumor, den es schließlich mit sieben Jahren verlor.

Medienstandort Hamburg reich mit Preisen bedacht

Ähnlich intim sind die Fotos der iranischen Fotografin Pouran Esrafily. Sie hat 2001 die damals 90-jährige Bildhauerin Louise Bourgeois porträtiert und diese Fotos voller Alterswürde erst kurz vor dem Tod der Künstlerin 2010 in der Zeitschrift „Monopol“ veröffentlicht. „Monopol“ gewann zudem in der Kategorie „Magazin des Jahres“ Bronze hinter „Vibe“ – und dem großen Absahner der diesjährigen Preisverleihung: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde insgesamt fünfmal ausgezeichnet, viermal für ihr Magazin, einmal für ihren Onlineauftritt.

Auch sonst wurde der Medienstandort Hamburg von der Jury reich mit Preisen bedacht: Gruner + Jahr für das Foto des Jahres (eine Reportage von Joel van Haudt über marokkanische Flüchtlinge in Italien, erschienen im „stern“) und die neuen Zeitschriften „Nido“ (für Eltern) und „Beef“ (für kochende Männer). Springer gewinnt mit der „Bild“-Prominenten-Werbekampagne von Veronica Illmer, und der „Spiegel“ darf sich über das Cover des Jahres freuen. Es zeigt Angela Merkel und Guido Westerwelle mit ratlosen Gesichtern auf der Regierungsbank, darüber steht ohne weitere Erklärungen „Aufhören!“. Vielleicht ist diese Demonstration Hamburger Medienkreativität eine standorterhaltende Maßnahme. Wie man hört, hat Berlin bereits Interesse an dem Trendsetter-Preis bekundet, der dieses Jahr zum 19. Mal vergeben wurde. Und die Stadt Hamburg zeigt sich nicht so engagiert, wie es die Veranstalter gern hätten. Der Etat fiel diesmal um 5000 Euro kleiner aus, ein Begleitkongress wurde gestrichen. Doch Academy-Chef Markus Peichl will gern in Hamburg bleiben.

Dass Webinhalte bei diesem Preis fast gleichbereichtigt neben Printinhalte rücken, entspricht der Medienrealität, bei Trendthemen ohnehin. Wer zum Beispiel Blog-Vorreiter ansehen will, geht also zu www.ignant.de, www.augengeradeaus.de und www.mitvergnuegen.com. Und wer sich trotz solch guter Inter-Haltung mit Vergnügen von den vielen Vorzügen gedruckter Medien überzeugen will, kann das im Haus der Photographie noch bis zum 14. August tun.

Weitere Infos: www.deichtorhallen.de.

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