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„Der hat sich amüsiert wie Bolle“

60 Jahre Profischauspieler „Der hat sich amüsiert wie Bolle“

Am Sonntag, 6. September, feiert Dieter Hufschmidt mit einer Matinee in der Cumberlandschen Galerie sein Bühnenjubliäum: Vor 60 Jahren, in der Spielzeit 1955/56, hat er als Profischauspieler angefangen. Die Städtischen Bühnen Bonn hatten ihn engagiert. Da war er 20 Jahre alt.

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Gestenreich: Dieter Hufschmidt.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Eigentlich würde er ja nie von der Bühne in den Zuschauerraum schauen, sagt der Schauspieler Dieter Hufschmidt, was er mit den Worten „Ich sehe Sie nicht, und wenn Sie in der ersten Reihe säßen“ noch bekräftigt. An diesem Abend aber, bei dem Wittenbrink-Singstück „Miles & More“ am Schauspiel Hannover, da habe er es doch gemacht. Und da sei ihm dieser Junge in der ersten Reihe aufgefallen, offenbar geistig behindert. Dem Jungen habe das Theater sichtlich Spaß gemacht. „Der hat sich amüsiert wie Bolle“, sagt Dieter Hufschmidt. Und beim Applaus, erzählt Hufschmidt, da habe er sich ganz bewusst in Richtung des behinderten Jungen verneigt. Und das sei ein wunderbarer Moment gewesen, ja, auch eine Art Höhepunkt seines Schauspielerlebens.

Das war bisher durchaus reich an Höhepunkten. Seit 1969 gehört Hufschmidt dem Ensemble des hannoverschen Schauspiels an. Er hat Fernsehfilme gemacht und für den Hörfunk gearbeitet. Und er hat viel Eigenes auf die Bühne gebracht. Vor zwei Jahren wurde am Schauspiel Hannover sein biografisches Stück „Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest“ uraufgeführt, in der jüngsten Spielzeit stand er allein auf der Bühne und hat dem Publikum Goethes „Faust“ erzählt und vorgespielt. Und für die kommende Saison plant er ein Balladenprojekt. Zusammen mit dem Pianisten Markus Becker will er kaum bekannte deutsche Balladen präsentieren. Im Oktober soll Premiere sein.

Dieter Hufschmidt ist Schauspieler und Regisseur, und er ist ein großartiger Vorleser. Am Schauspiel Hannover hat er zuerst Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen, danach kam Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ dran. Mammutwerke, die Jahre brauchten. Eine treue Fangemeinde kam zu jedem Lesungstermin.

Am Sonntag, 6. September, feiert Dieter Hufschmidt mit einer Matinee in der Cumberlandschen Galerie sein Bühnenjubliäum: Vor 60 Jahren, in der Spielzeit 1955/56, hat er als Profischauspieler angefangen. Die Städtischen Bühnen Bonn hatten ihn engagiert. Da war er 20 Jahre alt.

Als er Schauspieler wurde, war er gerade mit der Schule fertig. Parallel zum Gymnasium hat er seine Schauspielausbildung absolviert. Er hat Privatunterricht genommen und dann seine Bühnenreifeprüfung abgelegt. Den Schauspielunterricht hat er selbst bezahlt. „Meinen Vater wollte ich damit nicht behelligen“, sagt er, denn der war kaufmännischer Angestellter und hatte sich für seinen vierten Sohn etwas Seriöseres vorgestellt. Hufschmidts Lehrer war Adolf Dell, der auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses stand, als Gustaf Gründgens dort Intendant war.

Für den Schauspielunterricht ist der junge Hufschmidt während seiner Schulzeit immer nachmittags von Mülheim an der Ruhr nach Düsseldorf gefahren. Eine Stunde war er jeweils unterwegs. Warum dieser Aufwand? „Wenn sie dafür lodern, dann machen sie das eben“, sagt der Schauspieler.

Aber warum loderte er fürs Theater? Der Schauspieler überlegt. Vielleicht hatte es etwas mit seinem älteren Bruder zu tun, der auch eine künstlerische Laufbahn einschlug und Komponist und Musikprofessor wurde. Hufschmidt wuchs in einer Familie mit sechs Brüdern auf. Der Filmemacher Sebastian Winkels hat vor zwölf Jahren den Dokumentarfilm „7 Brüder“ über die Hufschmidts und ihre Lebenswege gedreht, es ist ein guter Film, der lange im Gedächtnis bleibt. Vielleicht hing die Berufsentscheidung aber auch mit Hufschmidts damaligem Griechischlehrer zusammen, der eine besondere Leidenschaft für das Theater hatte und seine Schüler „König Ödipus“ spielen ließ.

„Ich bin von glücklichen Umständen in diesen Beruf getragen worden“, sagt Hufschmidt, „aber: So herzlich ich ins Theater getragen worden bin, so kühl wurde ich dort empfangen.“ Es war kein einfacher Start. In den ersten drei Jahren am Theater sei es ihm gar nicht gut gegangen, sagt er, aber so im Rückblick gesehen, sei die schwierige Anfangszeit vielleicht gar nicht so schlecht gewesen: „Im Grunde habe ich in den ersten Jahren am Theater meine praktische Schauspielausbildung nachgeholt.“

Nach drei Jahren war Schluss in Bonn, Hufschmidt wechselte nach Bremerhaven. „Dort habe ich viel Operette gemacht“, sagt er. Es wurde überhaupt viel gespielt, die Zeit zum Proben war knapp: „Wir sind quasi unvorbereitet in die Hauptproben gegangen.“ Als hätte sich sein Theateragent einen Spaß machen wollen, waren Hufschmidts erste Stationen lauter B-Theater. Nach Bonn und Bremerhaven ging es nach Braunschweig und Baden-Baden. In Baden-Baden hat er seine Frau kennengelernt und auch beim Hörfunk angefangen; die Aufträge vom Südwestfunk waren ein willkommenes Nebeneinkommen.

Doch Sicherheit gibt es im Schauspielerberuf nicht. Wenn ein neuer Intendant kommt, bringt er meist neue Schauspieler mit. Viele von den alten müssen dann gehen. Der neue Intendant, der damals in Baden-Baden anfing, weigerte sich, überhaupt mit dem jungen Schauspieler ein Gespräch zu führen. Das bleibt in Erinnerung, und es empört ihn immer noch.

Rückblickend sagt Hufschmidt: „Es waren 60 tolle Jahre, aber ein paar miese Situationen sind auch dabei gewesen.“ Und: „Mit den meisten Theaterleuten bin ich ganz wunderbar ausgekommen. Schlechte Erfahrungen habe ich immer nur mit Akademikern am Theater gemacht.“ Der neue Intendant in Baden-Baden war einer davon.

Hufschmidt wechselte nach Münster. „Dieser vermeintliche Abstieg war der reinste Glücksfall“, sagt er, „die Stadt hat mich mit offenen Armen empfangen.“ In dieser Zeit wurde Franz Reichert, Schauspielintendant in Hannover, auf den jungen Schauspieler aufmerksam. Er schaute sich einige Stücke an, in denen Hufschmidt mitspielte, und machte ihm ein Angebot.

Dieter Hufschmidt wechselte ans Schauspiel Hannover, das damals im Theater am Aegi residierte. Als er an einem seiner ersten Tage in Hannover vor einer Probe die Bühne betrat und in den riesigen Zuschauerraum mit seinen mehr als 1100 Plätzen blickte, in dem sich nur ein einsamer Techniker befand, fragte er den: „Sagen Sie mal: Ist dieser Saal eigentlich immer voll?“ Die lakonisch vorgetragene Antwort „normaal nüch“ machte ihn dann gleich auch mit einer der üblichen hannöverschen Emotionslagen vertraut.

Ansonsten war der Einstieg in Hannover erfolgreich; er spielte größere und große Rollen, er durfte auch als Regisseur tätig sein, und ein Haus auf dem Dorf für die kleine Familie, zu der jetzt auch Tochter und Sohn gehörten, war auch bald gefunden.

Unter Intendant Ulrich Khuon begann er dann mit seiner ersten Mammutlesung: Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Lesung war als eine Art Protestaktion gedacht. Denn der Ballhof sollte kein Theater mehr sein, sondern in einen Probenraum für das Staatsorchester verwandelt werden. Die Lesung war ein Versuch des Theaters, hier weiter präsent zu sein.

Dann wurden die Umwandlungspläne hinfällig, der Ballhof blieb Spielort des Schauspiels. Der eigentliche Zweck der Lesung war verschwunden, aber die Lesung blieb. Und zwar lange. Acht Jahre lang las Hufschmidt aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, sieben Jahre im Ballhof, das letzte Jahr im Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie. Für diese Lesungen hat er sein eigenes System der Textmarkierungen eingesetzt. Er schreibt keine Pausen- oder Betonungszeichen in die Texte, sondern zieht Verbindungslinien: Was passt zueinander, was steht gegeneinander? Diese Linien strukturierten den Lesefluss.

Vielleicht liegt es an der langen Beschäftigung mit gut geschriebenen Texten, vielleicht ist es auch eine natürliche Begabung, aber auffällig ist, dass Dieter Hufschmidt immer geradezu druckreif formuliert. Er spricht in langen Sätzen, ohne den Atem zu verlieren und ohne sich in abenteuerliche Konstruktionen zu versteigen. Seine Sätze sind lang und klar. Dazu diese sonore, gebildete Stimme, der man die Jahre anhört, die aber nichts Großväterliches an sich hat. Es macht Freude, ihm zuzuhören.
Das empfinden viele so.
Am Sonntag, 6. September, veranstaltet das Schauspiel Hannover um 11 Uhr in der Cumberlandschen Galerie eine Matinee zum 60-jährigen Bühnenjubiläum von Dieter Hufschmidt. Dabei wird Hufschmidt aus seinem Theaterleben erzählen und auch sein neues Balladenprojekt vorstellen.

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