Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Dieter Hufschmidt im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Dieter Hufschmidt im Schauspielhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 24.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Trichter für Dichter: Dieter Hufschmidt rezitiert die Texte seines Lebens, Stephan Froleyks macht den Klang dazu. Quelle: Ribbe
Hannover

Ein Mensch ist immer mehr als nur eine einzige Geschichte. Er ist viele Erzählungen, er ist Klang, Geräusch, Wort und Bild und das alles sehr vielfältig zusammengesetzt. Die Biografie eines Menschen müsste immer mehr als nur eine einzige Erzählung, sie müsste Vielklang sein. Der Schauspieler Dieter Hufschmidt, der seit 1969 zum Ensemble des Staatstheaters Hannover gehört (und auch viel auf anderen Bühnen steht), der auch auf der Leinwand oder im Fernsehen zu sehen ist und sich als Rezitator bedeutender Werke seine eigene (nicht ganz kleine) Fangemeinde aufgebaut hat, weiß das. Deshalb hat er dem Programm, mit dem er seinem Publikum die Klänge und Worte seines Lebens präsentiert, den merkwürdigen, aber durchaus schlüssigen Titel „Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest“ gegeben. Schließlich besteht ein Nest aus vielen Fäden, Halmen, Fetzen - alles kunstvoll miteinander verwoben.

Zweieinhalb Jahre lang hat Hufschmidt Geschichten aus seinem Leben gesammelt. Er sagt, er sei „in die tiefsten Tiefen“ seines Gedächtnisses hinabgestiegen und habe herausgeholt, was ihm erzählenswert schien. Aus diesen Fragmenten und Erzählsträngen, aus diesen „einzelnen Halmen“, hat er sein Vogelnest zusammengefügt.

Auf der Cumberlandschen Bühne kann man den Schauspieler beim Nestbau zuschauen. Er erzählt von seiner Kindheit in Mülheim an der Ruhr, von seiner Mutter, die ihm die Liebe zur Sprache geschenkt hat, von seinem Vater, der sich einen Spaß daraus machte, Verse zu verdrehen und Pointen ins Leere laufen zu lassen. Hufschmidt erzählt auch von Wilhelm, dem Freund der Familie, dem im Ersten Weltkrieg ein Bein weggeschossen wurde, der als „selbst geschnitzter Intellektueller“ durchs Leben humpelte und dessen Söhne stotterten. Dieses Stottern, dieses „Stolpern in der Sprache“, findet er dann auch bei Kleist wieder. Von ihm zitiert er aus der „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“. Der Kunstgriff des Rezitators: Er liest die Satzzeichen mit. Mit einer kurzen Passage (auf 126 Wörter kommen 26 Kommata, zwei Semikola, sieben Ausrufezeichen, zwei Gedankenstriche und ein Punkt) macht er die Sprachlust und -leidenschaft Kleists deutlich. Und zeigt, wie vibrierend lebendig Sprache sein kann.

Hufschmidt ist ein unglaublich guter Rezitator. Er weiß genau, wo er wirkungsvolle Pausen setzen muss, er hat ein angenehmes Drängen in der Stimme, und er ist stets mit dem ganzen Körper dabei. Oft hält er beide Hände an seine Schläfen, dann wirkt es, als presse er die Worte aus seinem Kopf heraus. Sein Kleist inklusive Satzzeichen ist großartig, aber stärker noch ist Hufschmidt, wenn er sich zurücknimmt. Celans „Todesfuge“ etwa spricht er fast ohne Pausen und fast ohne Betonungen - die große Schauspielkunst, alles Schauspielerische wegzulassen. Er ist ganz bei dem Text - und der Text ist ganz bei den Zuschauern.

Hufschmidt rezitiert und rekapituliert sein Leben in literarischen Texten; Brecht kommt vor und Goethe und Schwitters, aber er bringt auch Lieder und Reime. Und wenn er „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ ruft, antworten vor allem die Damen im Publikum: „Keiner!“

„Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest“ wäre im Grunde ein eher kleines Theaterformat, etwas fürs Foyer oder die Theaterbar, aber jemand wie Hufschmidt schafft es natürlich auch, auf größerer Bühne das Publikum zu fesseln. Insofern ist es kein Problem, dass er sein Lebensstück auf der Cumberlandschen Bühne erzählt. Die allerdings gehört ihm kaum. Den größten Platz nehmen hier die Klangerzeugungsapparaturen des Komponisten und Musikhochschulprofessors Stephan Froleyks ein. Vier große Podien nutzt er für seine Instrumente. In der Mitte thront - die meiste Zeit unbenutzt - eine Tuba, an der vier gigantische Schalltrichter angeschlossen sind. Froleyks erzeugt schöne fremde Klänge, aber Hufschmidts literarische Erinnerungen wären auch ein wenig zurückhaltender zu instrumentieren gewesen. Der Schauspieler braucht eigentlich kein Getöse.

Wieder am 31. Oktober, am 7. und am 20. November. Karten: (0511) 99991111.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Klangvoller Pessimismus - Heinz Rudolf Kunze im Expo-Wal

„Mein Lebensmittel ist der schwere Mut“, singt Heinz Rudolf Kunze in einem seiner Lieder. Ein lebensfroher Optimist ist der Sänger jedenfalls sicherlich nicht; und dass viele seiner Songs seine eigenen Ansichten und Gefühle widerspiegeln, merken die Zuhörer ganz schnell am innigen und überzeugten Gesang.

21.10.2012

Der Regisseur Rosa von Praunheim wird Ende November 70 Jahre alt. Und schon jetzt feiern ihn die Hofer Filmtage - 70 Filme bringt er mit zum Festival, das am Dienstag beginnt.

21.10.2012
Kultur Bühne für krude Gedanken - „Breiviks Erklärung“ in Weimar

Dieses Projekt des Schweizer Autors und Regisseurs Milo Rau hat schon vorab Diskussionen ausgelöst: Eine junge Frau verliest in Weimar die Rechtfertigung eines Massenmörders.

20.10.2012