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Carl Haenlein fördert junge Ausstellungsmacher

Was wurde aus? Carl Haenlein fördert junge Ausstellungsmacher

Carl Haenlein, Jahrgang 1933, wurde 1974 Chef der Kestnergesellschaft. Er gehört zu den Initiatoren ihres Umzugs ins Goseriede-Bad 1997 und leitete sie bis 2002. In der Kestnergesellschaft spricht er am Donnerstag (11. August) um 19 Uhr mit Direktorin Christina Végh.

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Was wurde aus Carl Haenlein? Der ehemalige Direktor der Kestnergesellschaft blickt auf sein Leben mit der Kunst zurück.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Nun schon über mehr als ein halbes Jahrhundert hat er sich im Norden die warme Sprachmelodie seiner süddeutschen Kindheit bewahrt. Er wirkt weiterhin so hellwach, wie man ihn als Direktor der Kestnergesellschaft erlebt hat. Das war er fast drei Jahrzehnte und damit länger als jeder andere in der hundertjährigen Geschichte von Hannovers Avantgarde-Kunstverein. Und er kleidet seine Urteile immer noch häufig in spontan herausplatzende Ein-Wort-Sätze – was einen guten Teil des Charmes von Carl Haenlein ausmacht.

„Wunderbar!“, sagt der gebürtigen Münchner auf die Frage, wie ihm 1974 die Idee gefiel, aus der im damaligen Westdeutschland oft „heimliche Hauptstadt“ genannten bayrischen Metropole in Niedersachsens Hauptstadt zu wechseln. „Es war ja der Ort der Kestnergesellschaft, deretwegen ich sowieso ständig hier war.“ Und die Stadt als solche? Sie habe ihn „immer wieder angenehm überrascht“, sagt Haenlein. „Brüderlich!“, antwortet er, wenn es darum geht, wie man mit seinen Kuratoren zusammenarbeiten sollte. „Prima“, lautet sein Urteil über den Fotokünstler Umbo. So nannte sich jener Otto Maximilian Umbehr, der am Bauhaus in Weimar studiert, im Berlin der Vorkriegsjahre und im Hannover der Nachkriegszeit gelebt, fotografiert und collagiert hat. Der erst nach seinem Tod 1980 öffentliche Anerkennung fand. Und bis dahin in der Kestnergesellschaft als Kassierer arbeitete.

Haenlein hat für die Kulturstiftung der Länder gerade einen Aufsatz über Umbo geschrieben, dessen Nachlass kürzlich zwischen der Berlinischen Galerie, dem Bauhaus Dessau und dem Sprengel-Museum Hannover aufgeteilt wurde. Zum Nachlassvolumen hat Haenlein selbst beigetragen: Er ist einem Hinweis des Künstlers Paul Citroen nachgegangen und hat so ein großes Konvolut beim New Yorker Kunsthändler Julien Levy entdeckt – lauter Umbo-Arbeiten, die Umbo selbst für kriegsbedingt verloren hielt.

Ein Hort von Wissen, Erfahrungen und Anekdoten rund um Kunst und Leben

Man merkt: Haenlein ist ein Hort von Wissen, Erfahrungen und nicht zuletzt Anekdoten rund um Kunst und Leben. Und er hat dabei einen besonderen Sinn für Signifikantes. Etwa wie Joseph Beuys bei einer Signierstunde in der Kestnergesellschaft seine Westentasche aufklappte und drei Füllfederhalter präsentierte. „Ja, fürchten Sie, dass einer kaputtgeht?“, fragte Haenlein. „Ach was, die schreibe ich alle leer“, konterte Beuys.
Oder wie Haenlein als Gast des Künstlers Larry Rivers in New York feststellte, dass dieser nicht nur für Pop Art stand, sondern auch ein exzellenter Zeichner und Jazzsaxophonist war. Weshalb er ihm in Hannover einen Bühnenauftritt sowie eine Doppelausstellung in der Kestnergesellschaft und dem Kubus organisierte. „Das war die erste Kunstschau, zu der die Kestnergesellschaft einen zweibändigen Katalog publizierte.“

Sie residierte damals noch, vergleichsweise beengt, in der Warmbüchenstraße, in dem Gebäude, das bis vor kurzem die Stiftung Ahlers für Ausstellungen nutzte. Immerhin, auch dort reichte der Platz für Kunstpräsentationen, die das ganze künstlerische Spektrum umfassten – außer Malerei und Skulptur gab es Film, Fotografie und Theater. „Auch Schauspieler wie Marianne Hoppe, Bruno Ganz oder Bernhard Minetti traten auf unserer Bühne auf.“ Eine Bühne? „Gut, das war ein Bretterpodest, das wir nach Bedarf zusammenzimmerten.“

Klar, es waren andere Zeiten. Es gab zunächst noch kein Sprengel-Museum, der Kunstverein Hannover war nach Haenleins Worten stärker regional ausgerichtet, anders als die Kestnergesellschaft. „Ich bin immer lieber nach New York gefahren.“ Nicht nur räumlich, auch zeitlich hat die Kestnergesellschaft weit ausgegriffen, hat Nolde und Klee, Picasso und Schiele ausgestellt. Um das ganze 20. Jahrhundert zu zeigen? „Warum nur das? Auch das 19., 18., 17. Jahrhundert gehören zum Verständnis der Gegenwart dazu – ich will das alles zeigen“, sagt Haenlein und fügt unter Hinweis auf die Besucherströme, die heute Michelangelo Buonarroti oder Hieronymus Bosch auslösen, hinzu: „Michelangelo, das hätte ich sofort gemacht.“

Der Umzug in die Hallen des Goseriede-Bades

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte die Kestnergesellschaft nicht nur einen Förderkreis und regelmäßige Editionen aufgebaut, sondern auch eine Sammlung. „Man hätte jeden Künstler bewegen können, von der jeweiligen Ausstellung etwas dazulassen.“ Aber in der klassischen Trias von Museumsaufgaben – Sammeln, Bewahren, Ausstellen – habe der Akzent der Kestnergesellschaft eben stets klar beim Ausstellen gelegen. Den größten Publikumserfolg hatte er dabei 1985 mit einer Chagall-Ausstellung. „Da sind wir wirklich an unsere Grenzen gestoßen, da hatten wir 81 000 Besucher, und der Katalog wurde 60 000 mal verkauft.“ Zwei Jahre später hatte er die Gelegenheit, eine Doppelausstellung mit Dix und Groz zu machen und sei dafür systematisch auf die Suche nach größeren Ausstellungsflächen gegangen. „Herrgottsakra!“, habe er gedacht. „Das muss doch möglich sein.“ Und dann habe er zum ersten Mal die leeren Hallen des Goseriede-Bades gesehen. „Danach hat mich die Idee nicht mehr losgelassen.“

Seither ist aus dem Kunstvermittler ein Lobbyist für größere Kunsträume geworden, Haenlein ist bei Politikern und Unternehmern vorstellig geworden, hat Rückhalt etwa bei der Verlagsgesellschaft Madsack, aber auch bei Förderern wie der Stiftung Niedersachsen gefunden. „Wir haben unser Modell des für die Kestnergesellschaft umgebauten Goseriedebades in die Staatskanzlei gestellt – da musste der Schröder immer vorbei.“ Einem Manager hat er auf die Frage, wie viel Geld er denn von ihm wolle, eine seiner kurzen Antworten gegeben: „Eine Million!“ „Das geht gar nicht“, habe der geantwortet. „Aber wie wär’s mit 999 999 Mark?“ Dieser Manager war Carl Hahn, damals VW-Chef. Es waren wirklich andere Zeiten.

Was macht Haenlein heute?

Heute kümmert sich Haenlein um aktuelle und künftige Kunstpräsentationen. Er hat Museumsneubauten mit Ratschlägen begleitet. Und er hat bei der Helga-Pape-Stiftung den Justus-Bier-Preis für Kuratoren angeregt. Justus Bier, das war der letzte Chef der Kestnergesellschaft vor ihrer Selbstauflösung 1936, mit der sie einer Gleichschaltung durch die Nazis entging. „Es gibt ja tausend Preise für junge Künstler – aber wenig für junge Kuratoren, die oft Leistungen vollbringen, für die ein mitunter nicht so guter Direktor die Meriten einstreicht.“

Im Namen des jüdischstämmigen Bier, der später Karriere in den USA machte, sind schon rund ein Dutzend Kuratoren ausgezeichnet worden. Darunter etwa Markus Heinzelmann, früher am Sprengel-Museum und heute Chef des Museums Morsbroich. Oder auch Ralf Beil, seit 2015 Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Haenlein weiß auch sein Urteil über Beil in ein Wort zu fassen: „Klasse!“

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