Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Dirigent Iván Fischer startet neuartiges Opernfestival in Vicenza
Nachrichten Kultur Dirigent Iván Fischer startet neuartiges Opernfestival in Vicenza
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:17 12.04.2018
„Ich mag keine klassischen Opernaufführungen“: Iván Fischer, Operndirigent. Quelle: dpa
Berlin

Klein wird hier nicht gedacht: So hochrangig wie Salzburg oder Glyndebourne soll sich das neue Opernfestival positionieren, das der ungarische Dirigent Iván Fischer in diesem Herbst im italienischen Vicenza starten will. Vorbilder sind die etablierten Festspiele in Österreich und England allerdings nur, was ihre Popularität betrifft und die Aufmerksamkeit, die Aufführungen dort regelmäßig erlangen. Denn ansonsten möchte Fischer sich mit seinem neuen Projekt so weit wie irgend möglich von der übrigen Opernwelt entfernen. 

Hier spielt die große Oper

Der 67-Jährige hat sich zuletzt zwar vor allem seinen Aufgaben als Chefirigent beim Berliner Konzerthausorchester und dem von ihm gegründeten Budapest Festival Orchestra konzentriert – seine Opernerfahrung ist dennoch gewaltig. Er hat an den großen Häusern in London und Paris, in Zürich und Brüssel gearbeitet und sein Mozart-Zyklus in der Wiener Staatsoper ist legendär. Die Summe all dieser Erfahrungen erscheint ihm heute aber ernüchternd: „Ich mag traditionelle Opernaufführungen nicht“, gibt er in seiner noblen Villa im Berliner Stadtteil Zehlendorf zu Protokoll, in der er sein Projekt jetzt vorgestellt hat.

Vor allem stört sich Fischer an der Spaltung zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem im Orchestergraben. „Der Versuch, die Oper visuell zu erneuern, akustisch aber konservativ zu behandeln, ist eine erschöpfte Entwicklung, die mich nicht mehr interessiert“, sagt der Dirigent. Aus Furcht, eine Oper könnte altmodisch erscheinen, werde meist die einfachste Möglichkeit der Aktualisierung gesucht: „Ein Regisseur erfindet etwas, das neu aussieht.“ Die musikalischen Bedingungen blieben aber stets die gleichen: „Die Orchestermusiker, die auf immer besseren und damit lauteren Instrumenten spielen, können die Sänger kaum noch hören, deren Stimme oben auf der Bühne zum Großteil vom hohen Schnürböden geschluckt wird.“ Kommunikatives Zusammenspiel sei so vollkommen unmöglich.

Neutrale Kulisse? Die Bühne des Teatro Olimpico in Vicenza. Quelle: Alamy

Fischer möchte das mit einer, wie er sagt, „radikal neuen“ Organisation der Aufführungen ändern. „Ich suche die Integration von Szene und Musik“, sagt er. Den äußeren Rahmen dafür hat er nun in Vicenza gefunden: im Teatro Olimpico, das der Architekt Andrea Palladio Ende des 16. Jahrhunderts nach antiken Vorbildern gebaut hat und das heute in seither kaum veränderten Bauzustand in einer Art Dornröschenschlaf liegt. Fischer hat sich bei der Suche nach einem solchen Spielort auf Anregung seines vor vier Jahren verstorbenen Kollegen Claudio Abbado in Italien umgesehen, der immer bemüht war, neues Bühnenleben in die kostbare Architektur der alten Theater des Landes zu bringen.

Premiere mit „Falstaff“

Das Teatro Olimpico wurde 1580 mit der Aufführung eines Sophokles-Dramas  eröffnet. Seither gibt es dort einen festen Bühnenhintergrund: eine perspektivisch gestaltete Ansicht des Palastes von Theben. Diesen Hintergrund möchte Fischer nun unverändert auch für seine Aufführungen nutzen. Dabei denkt er an Werke aller Epochen:  Zur Premiere im Herbst wird Verdis „Falstaff“ geben und nicht etwa eine Barockoper von Monteverdi. Das antike Theben ist der gleichsam neutrale Hintergrund, vor dem sich alle möglichen Dramen vollziehen sollen. Ab 2019 soll es mehrere Produktion pro Festivalausgabe geben.

Weil die Bühne relativ klein und kein Orchestergraben vorhanden ist, werden sich Musiker und Sänger die Fläche teilen. So erhofft sich Fischer eine kammermusikalische Spielweise aller Beteiligten. Zugleich sollen die Orchestermusiker in das szenische Geschehen einbezogen werden. Denn Fischer sucht nicht die konzertante Aufführung mit weitgehenden Verzicht auf eine Regie: Er hofft vielmehr „auf einen lebendigen Organismus aus Musik und Schauspiel“. 

Statue aus Menschen: Szene aus Iván Fischers New Yorker „Don Giovanni“-Produktion. Quelle: Zsuzsanna Peto

Wie das funktionieren könnte, hat Fischer schon mit Mozart bei Aufführungen in New York probiert. Bei seinem „Don Giovanni“ etwa wurden alle nötigen Orte und Requisiten aus menschlichen Körpern angedeutet. Zusätzlich zu den Sängern waren dafür auch Tänzer auf der Bühne. Das Konzept scheint aufgegangen zu sein: „Bewegender, fantasievoller und theatraler als die meisten vollszenischen Produktionen, die ich gesehen habe“, urteilte der Kritiker der „New York Times“. Und Fischers ähnliche konzentrierte „Figaro“-Afführungen wählte das Blatt zum „Klassik-Event des Jahres“. Gut möglich also, dass das Festival in Vicenza bald nicht nur bei Ivàn Fischer neue Begeisterung für die alte Kunstform Oper weckt.

Das Vincenza Opera Festival (Karten unter www.vicenzaoperafestival.com) startet am 11. Oktober mit einem Gründungskonzert, „Falstaff“ mit Iván Fischer, dem Budapest Festival Orchestra und Ambrogio Maestri in der Titelrolle hat am 12. Oktober Premiere. 

Von Stefan Arndt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Genau 100 Jahre nach dem Tod des Komponisten wird gerade viel Musik von Claude Debussy gespielt. Die hannoversche Pianistin Marina Baranova liefert mit ihrem Album „Unfolding Debussy“ dazu den wohl eigenwilligsten Beitrag.

14.04.2018

„Wir sind das Pack“ riefen die Demonstranten in Heidenau. „Hartz IV bedeutet nicht Armut“, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf der Straße, auf der Bühne, im Bundestag, am Stammtisch und in sozialen Netzwerken – überall wird gepöbelt. Besser wird dadurch nichts.

09.04.2018

Der US-Dirigent Alan Gilbert hat sich mit Gustav Mahlers gigantischer 3. Sinfonie als künftiger Chef des NDR Elbphilharmonieorchesters vorgestellt. Mit dabei auf der Bühne des neuen Konzertsaals: der Knabenchor Hannover.

09.04.2018