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Dirigent Nikolaus Harnoncourt gestorben

Nachruf Dirigent Nikolaus Harnoncourt gestorben

Der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist am Sonnabend im Alter von 86 Jahren gestorben. Das meldeten der Österreichische Rundfunk (ORF) und die Nachrichtenagentur APA am Sonntag übereinstimmend unter Berufung auf die Familie Harnoncourts.

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Starb im Alter von 86 Jahren: Dirigent Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: dpa (Archiv)

Wien. Wie der sich schon hinsetzt, den engagier’ ich“, murmelte der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, als ein Bewerber um die freie Cellostelle sich zum Vorspiel bereit machte, ein 22-Jähriger. Der vergaß den leisen Satz so wenig wie das, was folgte. „Ich hab dann unglaublich lang spielen müssen….also ich hatte den Eindruck, dass der Karajan gern zugehört hat.“ Der junge Mann bekam die Stelle. Sie bildete die finanzielle Basis für das „Experimentierlabor“, das er in Wien gründete, den „Concentus Musicus“, ein Ensemble für historische Aufführungspraxis. Daraus wurde eine der größten Revolutionen, die es in der Geschichte der Musik je gab, und ein Dirigent, dessen Einfluss kaum zu ermessen ist: Nicolaus Harnoncourt.

Mit 86 Jahren ist er am Sonnabend in Wien gestorben. Normalerweise würde man sagen, dass damit eine Ära zu Ende geht, aber tatsächlich hat dieser Mann so viel angerichtet, in Gang gebracht, so viele Musiker und Hörer beeinflusst, dass es in der Welt kaum einen geben dürfte, vom Solisten bis zum Orchester, bei dem seine Arbeit nicht Spuren hinterlassen hätte. 1929 in Berlin zur Welt gekommen als Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, zog er als Zweijähriger mit der Familie nach Graz, bekam beizeiten Cellounterricht und las schon als Schulkind die Schriften von Egon Friedell.

Dessen Widerspruchsgeist und auch der seiner Familie prägte ihn früh. „Wenn auch alle, ich nicht“, das sei sein Motto gewesen, erklärte Harnoncourt bei einem Interview vor elf Jahren: „Was die andern machen, ist mir wurscht, ich mach’ meine Sache.“ Und diese Sache war, neben dem ganz konventionellen Weg ins Orchester, zunächst die Musik des Barock. Dass man Bach & Co. nicht so spielen konnte wie Komponisten des 19. Jahrhunderts, wenn sie neben ihnen bestehen sollten, hatten schon andere festgestellt. Die Bemühungen um die Quellen zur Aufführungspraxis, um die Instrumente, für die die „Alte“ Musik komponiert wurde, begannen schon zu Richard Wagners Lebzeiten.

Und parallel zu Harnoncourt machte sich in Holland der Cembalist Gustav Leonhardt auf einen Weg, von dem heute keiner mehr behaupten würde, er führe ins Museum oder ins „Gaslicht“, wie Karajan gern spottete. Die Grammatik früherer Musiksprachen freizulegen, machte sie lebendig, und dazu gehörten nicht nur Darmsaiten für die Streichinstrumente, „handgebastelt und mißgestimmt“, wie Wolfgang Hildesheimer anfangs spottete. Der spätere Harnoncourt fand sie gar nicht mehr so wichtig: „Ich mag die Spezialisten nicht. Wenn es jetzt heißt, man müsste die Geige so halten, wie man sie früher vielleicht gehalten hat – da geh’ ich nicht mit. Für mich geht es um die Inhalte.“

Sein Interesse an der „Klangrede“ – meistzitierter Begriff des glänzenden Buchautors, der er auch war – meint noch mehr als den Abschied vom bruch- und sprachlosen Schönklang. Musik müsse den Menschen „erschüttern und verändern“. Darum drang er mit allen Mitteln hinter die Noten vor, in den Bereich, aus dem sie hervorkamen, forschend, analysierend, zugleich aber mit größten Charisma – einer Eigenschaft, der er misstraute, die er gerade darum nicht missbrauchte. Weil er nicht der Dogmatiker war, als den ihn die verstörten Mainstreamer gern abgedrängt hätten, grub er ihnen das Wasser ab.

Er dirigierte, seinem „Concentus“ stets treu bleibend, die besten Orchester der Welt, kam von Mozart über Beethoven und Bruckner sogar bis zu Richard Wagner – immer ohne Taktstock und mit aufgerissenen, staunenden, neugierigen Augen, immer sich erneuernd. 1993 dirigierte er in Amsterdam den erotischsten „Figaro“, den man je hörte, 2006 in Salzburg den elegischsten. Es war wohl diese singuläre Mischung aus Autorität und Offenheit, Kompromisslosigkeit und Dogmenferne, die Nicolaus Harnoncourt so glaubwürdig und geradezu zum Inbegriff der Interpretationsrevolution machte, die er ja nicht allein bewirkte.

Und Bescheidenheit. „Man überschätzt die Interpreten, und man unterschätzt die Schaffenden“, sagte er mit fast 80 Jahren beim Gespräch in seiner Wiener Wohnung, in der er, vier Treppen hoch, seit Jahrzehnten mit seiner Frau lebte, der Geigerin Alice – er hat sie im Jahr nach seinem Vorspiel bei Karajan geheiratet. „Die Leute in 30 Jahren werden lachen über das, was wir jetzt machen.“ Was ihn betrifft: Sie werden bedauern, ihn nicht erlebt zu haben. Und sie werden, sofern sie mit Musik zu tun haben, noch von ihm lernen können.

Von Volker Hagedorn

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