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Domfestspiele Bad Gandersheim wollen der Finanznot trotzen

Knappe Kassen Domfestspiele Bad Gandersheim wollen der Finanznot trotzen

Der Domplatz von Bad Gandersheim ist mal wieder zur Freilichtbühne geworden. Doch die Stadt ist pleite, verliert Jahr für Jahr Einwohner. Das Theater aber geht weiter, die Domfestspiele wollen der Finanznot trotzen.

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Quelle: dpa (Archiv)

Bad Gandersheim. Auf dem Domplatz von Bad Gandersheim geht es wieder hoch her. Vor dem ehrwürdigen Gotteshaus tummeln sich Schauspieler und singen die Wendehymne „Wind of Change“. Der Domplatz ist mal wieder zur Freilichtbühne geworden.

Die Stadt ist pleite und verliert Jahr für Jahr Einwohner. Das Theater aber geht weiter. Wie in den 52 Jahren zuvor wurden am Wochenende wieder die Domfestspiele feierlich eröffnet. Die erste Premiere war eine „Schlagerette“. In Hilke Bultmanns Revue „Sprüh’s auf jede Wand“ sind – eingepackt in eine eher schlichte Rahmenhandlung – Hits aus den Achtzigern zu hören. In den vergangenen Jahren wurden die Jahrzehnte davor musikalisch abgehandelt. Das Publikum war wieder mal begeistert – und auch die fast 45 Minuten dauernde Unterbrechung wegen anhaltenden Regens, der die Bühne vor dem historischen Dom unter Wasser setzte, störte nicht weiter.

Der Regen ist ein alter Bekannter in Bad Gandersheim, aber sonst gibt es viel Neues. Neben der Schlagerette stehen drei neue Inszenierungen auf dem Programm: die Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“, das Kinderstück „Pinocchio“, das Elton-John-Musical „Aida“.

Auch hinter den Kulissen ist einiges neu. Erstmals kommt die Stadt Bad Gandersheim nicht mehr für das sommerlichen Kulturereignis auf, sondern eine gemeinnützige GmbH. Da die hochverschuldete Stadt im Vorharz so gut wie alle freiwilligen Ausgaben einstellen musste, war für die Festspiele kein Geld mehr. Den Etat von 1,35 Millionen Euro finanzieren jetzt die Kreissparkasse Northeim und die Kultur- und Denkmalstiftung des Kreises Northeim, die gemeinsam mit der Stadt die neue Trägerschaft übernahmen.

Gleichzeitig übernimmt ein neuer Intendant die Regie. Der freie Regisseur Christian Doll wird im kommenden Jahr die Nachfolge des bisherigen Intendanten Johannes Klaus antreten, der neben seiner Tätigkeit als Leiter der Schauspielschule in Essen und Bochum acht Jahre lang das Freilichttheater in Bad Gandersheim dirigierte.

Am Publikum, heißt es, habe es nicht gefehlt. 53.000 Besucher – mehr als im Vorjahr – wurden 2010 gezählt, und der Vorverkauf deutet darauf hin, dass es in diesem Jahr nicht weniger werden. Vor allem „Aida“ erweist sich als Renner. Dennoch kann sich der designierte Intendant nicht zurücklehnen. „Der Kampf geht weiter“, sagt Doll, der in diesem Jahr „Pinocchio“ inszenierte und bereits Erfolge mit den Schlageretten in Bad Gandersheim feierte. „Man kann nicht sagen, dass die finanzielle Situation für immer gesichert ist. Aber wir fangen einfach an.“ Knapp 70 Prozent seines Etats muss der 40 Jahre alte Theaterchef selbst einspielen. Das hat natürlich Auswirkungen auf den Spielplan.

Diese Erfahrung musste auch der bald scheidende Intendant Johannes Klaus machen, der gleich zu Beginn seiner Intendanz mit einer ambitionierten, aber nicht sehr erfolgreichen Schauspielversion von „Parzifal“ Lehrgeld zahlte, aber großen Anklang fand, als er die sogenannte Schlagerette als zweite Musiktheaterproduktion ins Progamm nahm, „Man darf nicht im Kunstraum bleiben, sondern muss immer das Publikum im Blick haben“, sagt Nachfolger Doll. „Das ist Volkstheater im positiven Sinne.“ Das sei mehr als nur seichte Unterhaltung. „Wir werden auch weiterhin einen literarischen Klassiker im Programm haben.“ Gleichwohl kann Doll nicht darüber hinwegsehen, dass die meisten Besucher unterhaltsames Musiktheater bevorzugen. Der scheidende Intendant Klaus lässt daher in diesem Jahr seine Shakespeare-Inszenierung auch nur zehnmal spielen, während für Musical und Schlagerette insgesamt 30 Vorstellungen eingeplant sind.

Auch der Neue hat bereits erfahren, dass Freilichttheater etwas ganz Spezielles ist. „Wir müssen uns gegen Wind und Wetter behaupten, können nicht so viel mit Lichtwirkungen und Bühnentechnik arbeiten, haben immer den Dom als Kulisse und keine vierte Wand“, sagt Doll. „Aber dafür sind wir den Leuten näher, und unser Publikum ist sehr viel begeisterungsfähiger als in einem Stadttheater.“ Die schwierige Lage der Stadt erhöhe den Reiz des Bühnenspektakels. „Das Theater trägt sehr dazu bei, dass hier noch was los ist“, sagt der neue Intendant. „Und die Gandersheimer sind stolz darauf. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“

Dies sieht auch Bürgermeister Heinz-Gerhard Ehmen so. „Die Stadt lebt davon, dass Schauspieler und andere Theaterleute drei Monate im Sommer die Stadt bevölkern“, sagt Ehmen. „Das macht das Flair unseres Ortes aus.“ Auch als Kurort sei Bad Gandersheim mit seinen Domfestspielen verbunden. „Wir müssen unseren Kurgästen ein Unterhaltungsangebot machen, sonst kommen die nicht.“ Überhaupt sei das sommerliche Freilufttheater nicht nur ein Imagefaktor, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Zum Beweis verweist der Bürgermeister auf eine Studie der Nord/LB, wonach die Domfestspiele einen Wertschöpfungseffekt von 5,5 Millionen Euro nach sich ziehen. Kurz: „Für Bad Gandersheim ist die Kultur unverzichtbar.“

Ulrich Klötzner fällt die heikle Aufgabe zu, den künftigen Intendanten daran zu erinnern, dass seine finanziellen Mittel begrenzt sind. Der 65-Jährige, der 30 Jahre Verwaltungsdirektor des Deutschen Theaters in Göttingen war, hat seinen Ruhestand unterbrochen, um als kaufmännischer Geschäftsführer den „Übergang zu begleiten“, wie er sagt. Auch für Klötzner steht fest, dass die Domfestspiele für Bad Gandersheim unverzichtbar sind. „Für die Identität der Menschen hier ist dieses Theater ungeheuer wichtig“, sagt der Kulturmanager. „Undenkbar, wenn dieser Glanzpunkt auch noch wegfiele.“

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