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00:15 20.02.2016
Von Uwe Janssen
Sein Bier: Dougie Wallace in der Galerie für Fotografie vor Junggesellen-Fotos. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Schön ist das nicht. Zwei dicke Männer in gelben Blümchenkleidern und Sandalen, lila Lockenwicklerperücken auf dem Kopf. Eine Frau, die extra ihre Handtasche abgestellt hat, lupft eines der Kleider und bringt ein schrumpeliges Gemächt zum Vorschein, der Gelüftete findet es prima, sein Begleiter lacht, Passanten sind interessiert. Wirklich nicht schön. Prollig, billig. Eklig. Und alltäglich. Oder vielmehr allwöchentlich.

Jedenfalls in Blackpool an der Küste Nordwestenglands. Das frühere Besserverdiener-Seebad hat sich zu einem Magneten für Pauschaltouristen entwickelt und ist seit etwa zwei Jahrzehnten auch der Schauplatz von Junggesellenabschieden. „Stags and Hens“ nennt sich die seltsame Prozedur in England, Hirsche und Hennen, Zweck und Ablauf sind der gleiche wie hier: das letzte große Besäufnis vor der Ehe, er mit Kumpels, sie mit Freundinnen, in albernen Kostümen, laut, hemmungslos und so öffentlich wie möglich.

Wild ohne Wedding: Zwei Frauen im Londoner Stadtteil Shoreditch.

Der schottische Fotograf Dougie Wallace war dabei. Oft. Und lange. So lange, bis ihm Alkoholpegel und Kontrollverlust der Beteiligten die absurde und hässliche Seite der Party offenbarten. Dann begann sein Job, dann hat er die Kamera gezückt und draufgehalten. Jahrelang. Von Donnerstag an sind die Ergebnisse in der hannoverschen Galerie für Fotografie zu sehen.

Die Serie hat den Straßenfotografen weltweit bekannt gemacht. Bilder von Frauen, die sichtlich enthemmt aufblasbare Riesenpenisse schwenken. Eine Dame, die beim „Dirty Dancing“-Wettbewerb von mehreren Männern hochgewuchtet wird, in der Mitte ziemlich durchhängt, die Kontrolle über ihr Dekollete verliert und im Gesicht viel mehr nach Dirty als nach Dancing aussieht. Oder der junge Mann, der sich in hohem Bogen am Straßenrand erbricht, während die Umstehenden essen oder in ihr Smartphone vertieft sind.

Dougie Wallace ist bei diesen Anlässen nicht der einzige, der fotografiert. Jeder hat ein Kamerahandy in der Tasche, die sozialen Netzwerke sind voll mit den Eskalationen der Nacht. Doch Wallace’ Bilder spitzen zu, ohne zu verfälschen, sie vereinen Normalität und Absurdität, und sie halten Momente fest, für die Geduld erforderlich ist. Löst man den Blick von den Protagonisten und den grellen Farben der geblitzten Aufnahmen, fällt die strenge Bildkomposition auf. Alles passt, Menschen im Hintergrund, Gesichtsausdrücke, Posen. „Manchmal“, sagt Wallace mit hartem schottischem Akzent, „wartest du auf solche Momente, aber es passiert einfach nichts.“ 

Doch Wallace hatte Geduld. Mit Hirschen und Hennen und den belustigten, neugierigen oder genervten Schaulustigen in Blackpool, wo man sozialgesellschaftlich unter sich ist: „Das ist ein Arbeiterklassending“, sagt der Fotograf. Probleme mit den enthemmten Hauptdarstellern habe er nie gehabt, auch nicht, wenn sie wieder nüchtern waren und sich vielleicht doch unvorteilhaft getroffen fühlten. Eher treibt ihn ein anderer Gedanke um. Er frage sich, warum Hochzeitsfotografie ein so großes Geschäft sei, Junggesellenabschiedsfotografie aber nicht. „Mich hat jedenfalls noch niemand gefragt“, sagt er. 

Das Thema ist für ihn mittlerweile abgeschlossen. Nach Hannover ist er aus Indien angereist, wo er in der Serie „Road Wallah“ Menschen in kleinen Taxis fotografiert hat. Weiter geht es am Donnerstag in seine Wahlheimat London. Dort knöpft er sich seit Jahren die schillernden Figuren im Szeneviertel Shoreditch vor. „Shoreditch wird gerade das neue Soho“, erklärt er. Diese Serie ist neben den Hirschen und Hennen das zweite Projekt, das in der Galerie für Fotografie zu sehen ist. Auch bunt. Auch schräg. Nur ohne Heirat am Ende der Nacht. 

Ausstellungstipp

Bis zum 3. April. Die Ausstellung wird am Mittwoch um 19 Uhr in der Galerie für Fotografie auf dem Eisfabrik-Gelände, Seilerstraße 15d, eröffnet.

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