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Drei Länder, drei Stücke, drei Autoren

Festival Theaterformen Drei Länder, drei Stücke, drei Autoren

Das Festival Theaterformen präsentiert seit 25 Jahren die Vielfalt zeitgenössischen Theaters mit Gastspielen aus der ganzen Welt. Vom 2. bis 12. Juli feiert es in Hannover Geburtstag. Im Jubiläumsjahr werden auf den Bühnen des Staatstheaters und an vielen Orten in der Stadt rund 130 Veranstaltungen gezeigt.

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Perspektivenwechsel: In „Fantasie für morgen“ werden historische Ereignisse ins Licht der Gegenwart gerückt.

Quelle: LaRe Sentida

Hannover. Mit Stücken aus Argentinien, Chile und Portugal bietet das Festival Theaterformen drei Theaterabende, deren Autoren auch Regie führen und ihren Schauspielern die Stücke gewissermaßen auf den Leib geschrieben haben. Zur Eröffnung am 2. Juli reisen Marco Layera und das Teatro La Re-sentida in Chiles Vergangenheit und leiern in ihrem turbulenten Historiendrama „Fantasie für morgen“ ein Präsidentencoaching an, das die Zukunft des Landes neu schreiben könnte. Tiago Rodrigues, Schauspieler, Autor und Intendant des Lissaboner Nationaltheaters, bringt gleich zwei Shakespeare-Klassiker mit: In „By Heart“, dem geselligen Gedächtnistraining mit Herz, dreht sich alles um das Sonnet Nr. 30, und in „AntÓnio e Cleópatra“ geht es um: die Liebe. Am letzten Festivalwochenende lässt Mariano Pensotti in seiner Verwechslungskomödie „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein anderer“ Gegenstände aus der Vergangenheit auftauchen, die alles ins Wanken bringen. Drei Länder, drei Stücke, drei Autoren, die ihre Stücke selbst in Szene setzen. In der Spielzeit geben sie einen kurzen Einblick in ihre Arbeitsweisen.

Mariano Pensotti: „Konstruierte Persönlichkeit“

Sie behaupten in Ihrem Stück, dass wir nicht davon ausgehen können, über einen längeren Zeitraum ein und dieselbe Person zu sein. Was interessiert Sie an den brüchigen Identitäten Ihrer Figuren?

Durch die Veränderungen, die wir durchleben, ist jeder von uns mehr als nur eine Person – ähnlich einem Schauspieler, der verschiedene Extreme einer Figur durchspielt. Unsere Identität wandelt sich ständig, wir sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ein anderer zu sein, und der Angst, denjenigen aufzugeben, der wir sind. Die Figuren in „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein anderer“ stellen fest, dass sie im Laufe der Jahre ein Abziehbild ihrer selbst geworden sind, eine konstruierte Persönlichkeit auf Basis ihrer Ideen und Vorstellungen von sich selbst. Meine Figuren sind keine Melancholiker, sie idealisieren ihre Vergangenheit nicht, sondern ergreifen die Flucht nach vorn. Sie wollen mit Nachdruck etwas Bestimmtes aus sich machen, wissen jedoch nicht wie. Es fällt ihnen schwer, sich selbst eine Identität zu geben, sie haben das Gefühl, als jemand anderer wären sie glücklicher.

Wie entstand der Stücktext?

Ich habe das Stück vor Probenbeginn fertig gestellt. Im Unterschied zu meinen anderen Stücken basiert diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit, die meinem Vater passiert ist. Ich habe sie natürlich fiktionalisiert und verändert. Während der Proben habe ich viele Szenen umgeschrieben – an vielen Stellen hat das Bühnenbild Einfluss auf den Text genommen. Die Bühnenausstattung soll an ein archäologisches Museum erinnern, in dem Exponate in einer Art Show präsentiert werden.

Gibt es etwas, das Sie dem hannoverschen Publikum vorab erklären möchten?

Ich bin irgendwie besessen von dem, was uns definiert. Was macht uns zu denen, die wir sind? Das spielt auch in meinen früheren Stücken eine wichtige Rolle: Mit „El Pasado es un animal grotesco“ (2010 beim Festival in Braunschweig) wollte ich zeigen, dass wir uns im Erzählen erfinden und dass sich unsere Erinnerung an die Vergangenheit mit der Zeit verändert. In „Cineastas“ (2013 in Hannover zu Gast) geht es darum, dass die Geschichten anderer uns prägen. In „Wenn ich zurückkomme ...“ sind die Legenden wichtig, die innerhalb von Familien weitergegeben werden, und Momente der eigenen Vergangenheit, die zu Wendepunkten stilisiert werden. Wir wollen herausfinden, was passiert, wenn man mit seiner Vergangenheit und der behaupteten „Wirklichkeit“ konfrontiert wird.

 „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein anderer” am 10. und 11. Juli im Schauspielhaus.

Tiago Rodrigues: „Lesender Räuber“

Die beiden Stücke, die Sie in Hannover zeigen, setzen sich mit vielfältigen literarischen Vorlagen auseinander, von Plutarch über Shakespeare bis Ray Bradbury. Was bedeuten Ihnen diese Werke?

Diese Bücher haben meine Sicht auf die Dinge geprägt. Meine Theaterarbeit fußt eigentlich auf meinem Dasein als Leser. Ich möchte die Worte anderer in Ideen übersetzen, die für uns heute wichtig und aktuell sind. Zuerst war ich Schauspieler, habe Texte anderer gelesen und sie zu meinen eigenen gemacht. Aber auch wenn ich schreibe oder Regie führe, kommt vieles aus Büchern. Ich bin ein lesender Räuber, der Wörter und Gedanken erbeutet. Und obwohl das Leben immer in meine Arbeit einbricht, sind Bücher meine Quellen, aus denen ich schöpfe.

Wie entstand der Stücktext?

Shakespeares „AntÓnio e Cleópatra“ basiert auf Plutarch; Shakespeare hat in großem Stil Werke anderer adaptiert und umgeschrieben. Ich fand es deshalb naheliegend, wiederum seinen Text umzuschreiben. „AntÓnio e Cleópatra“ ist mir unter seinen Tragödien die liebste. Im Grunde waren aber Sofia Dias und Vítor Roriz, die beiden Darsteller, die eigentlich Choreografen und Tänzer sind, Anlass, mich an die Arbeit zu machen. Den Stücktext habe ich im Verlauf der Proben geschrieben, während wir gemeinsam Shakespeares Tragödie lasen. Das Stück ist Sofia und Vítor auf den Leib geschrieben, es passt exakt zu ihrer Spielhaltung. Plutarch sagte über Antonius und Kleopatra, dass ihre Liebe bedeutete, die Welt mit den Augen des anderen sehen zu können. Ich glaube, dass ich dieses Stück aus der Perspektive von Sofia und Vítor geschrieben habe.

Gibt es etwas, das Sie dem hannoverschen Publikum vorab sagen möchten?

Ich bin zum ersten Mal in Hannover. Seien Sie nett. Kommen Sie vorbei!

„António e Cleópatra“ am 3. Juli um 17 Uhr und am 4. Juli um 19 Uhr im Ballhof Zwei „By Heart“ am 5. Juli um 18 Uhr, am 6. Juli um 20 Uhr und am 7. Juli um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne.

Marco Layera: „Dreiste Erfindungen“

Woher kam die Idee, ein Stück über den Militärputsch 1973 zu machen, und wie stehen die Ereignisse von damals in Zusammenhang mit der Gegenwart?

Kritische und widersprüchliche Themen sind die Grundlage unserer Stücke, wir nehmen uns Fragen vor, auf die Chile und meine Generation noch keine Antworten gefunden haben. Unser Blick richtet sich auf den historischen Moment, der unsere politische Identität bestimmt hat und dessen Folgen wir heute noch spüren. Chiles Gesellschaft spaltet sich in zwei Lager: Auf der einen Seite stehen die Nutznießer der Diktatur, die den aktuellen Zustand von Politik, Wirtschaft und Wertesystem verteidigen. Und andererseits gibt es die vielen Tausend Chilenen, die in den letzten Jahren ihre Unzufriedenheit und ihre Forderung nach grundlegenden Änderungen auf die Straße getragen haben.

Wie entstand der Stücktext? Den Proben geht meine persönliche Recherche voraus.

Dabei konkretisiert sich die Idee des Stücks, es entsteht Textmaterial mit fertigen und halb fertigen Szenen, Bildern, dramatischen Situationen und einzelnen Sätzen. Am ersten Probentag bringe ich dieses Material als eine Art Wegweiser mit. Dann beginnt der Recherche-, Improvisations- und Schreibprozess aufseiten der Schauspieler, und das Ergebnis dieser beiden Vorgänge führe ich zum Stücktext zusammen, der sich im Laufe der Zeit noch verändern kann.

Gibt es etwas, das Sie dem hannoverschen Publikum vorab erklären möchten?

Wir wollen mit der „Fantasie für morgen“ nicht historische Ereignisse wiedererzählen. Im Gegenteil! Wir zeigen eine freie und ziemlich dreiste „Erfindung“, die auf Tatsachen basiert. Das Stück spielt in einer undefinierten Epoche, in der sich die Vergangenheit mit der Gegenwart mischt.

„Fantasie für morgen“ am 2. und 3. Juli jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus.

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