Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Edith Clever liest in Hannover Heinrich von Kleists "Marquise von O..."

Anspruchsvoller Vortrag Edith Clever liest in Hannover Heinrich von Kleists "Marquise von O..."

Im kleinen Sendesaal des NDR in Hannover ist die volle Aufmerksamkeit des Publikums gefragt, denn Kleists "Marquise von O..." hat etwas vertracktes.

Voriger Artikel
Schöpfung nach Terrence Malick in „The Tree of Life“
Nächster Artikel
Russell Crowe will Supermans Vater Jor-El spielen

Edith Clver liest im kleinen Sendesaal in Hannover Heinrich von Kleists "Marquise von O."

Quelle: Insa Hagemann

Hannover. Ach, es ist schon ein arg vertrackter, mit lustvoller Umständlichkeit formulierter Text, den Heinrich von Kleist mit der Novelle „Die Marquise von O...“ vorgelegt hat. Wer – und das gilt gerade für uns Heutige, die wir knallige Werbesprüche und selbst in Kunstwerken schmucklose Sätze gewohnt und komplexen Sprachgebilden entwöhnt, wenn nicht, abhold sind, – wer also das Ende eines Hauptsatzes, von dem immer wieder Nebenbemerkungen wegführen, die zudem durch Einschübe zerteilt sind, endlich erreicht hat, froh denn, aus der verwinkelten Satzbauanlage unfallfrei herausgefunden zu haben, der ist bereit, sich, um künftig angestrengte Lektüre­arbeit zu vermeiden, der klugen Führung einer Textkundigen anzuvertrauen, die hörbar zu machen versteht, was dem Lesenden sich nur mit großer Anspannung des Konzentrationsvermögens erschließt.

Edith Clever, eine der großen Bühnenschauspielerinnen unserer Zeit, war vom NDR in den Kleinen Sendesaal eingeladen worden, um Kleists „Marquise von O...“ vorzutragen. Es gelingt ihr mit präziser Betonung und intelligentem Wechsel der Tempi die auf den ersten Blick ­labyrinthisch anmutende, aber letztlich doch korrekt konstruierte Textarchitektur Kleists durchsichtig zu machen.

Einfach ist das nicht, denn die Geschichte ist nicht nur vertrackt geschrieben, sie ist auch vertrackt angelegt. Die Marquise von O..., Witwe und Mutter zweier Kinder, hat eine Anzeige aufgegeben, in der sie jenen sucht, der sie ohne ihr Wissen geschwängert hat. Ein Skandal! Dabei hätte man ihn verhindern können, wenn man nur dem heftigen, fast dreist wirkenden Werben des Grafen F. um die Marquise schneller willfahren hätte, der sie doch vor einer Vergewaltigung durch russischen Soldatenpöbel bewahrt hatte. So aber wird die unehrenhaft schwangere Marquise von ihren Eltern verstoßen, die freilich „mit dem Stolz der Unschuld“ dem Schicksal die Stirn bietet.

Edith Clever versucht eine Gratwanderung, sie nähert sich der Antiquiertheit des Textes mit Takt, zollt seiner literarischen Qualität einen gemessenen Respekt, der glücklicherweise fern von Ehrfurcht ist, die unfreiwillig komisch wirken könnte. Das Parodistische, das dem Text selbst innewohnt (den gerührten ­Vater hört man „heranschluchzen“), wird eher beiläufig gestreift. Clever nimmt die Figuren und ihre Nöte ernst, auch wenn die immer mal wieder von diversen Ohnmachten heimgesucht werden oder sich, seufzend Verzeihung erheischend, jemandem zu Füßen werfen. Sie parodiert diese Gefühle nicht, zitiert sie zuweilen nur mit feiner Ironie. Sie weiß den cholerischen wie den später reuigen Vater stimmlich ebenso zu markieren wie die Mutter, deren sympathische Fürsorglichkeit skurrile Züge trägt, sie charakterisiert die Marquise mal als Kokette, mal als Verzweifelte, dann als trotzig Stolze und findet auch für die hemdsärmlige Lebenserfahrung der herbeigerufenen Hebamme den richtigen Ton – ohne nun als Stimmenimitatorin glänzen zu wollen.
Das immer gebannt, zuweilen amüsiert zuhörende Publikum schien angerührt, dass Sprache so ernst genommen wird, und zollte der ausgefeilten Sprechkultur Edith Clevers lang anhaltenden, dankbaren Beifall.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Marius Müller-Westernhagen in der Tui-Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 10.000 Menschen in der ausverkauften Tui-Arena.