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Was wurde aus Tom Stromberg?

Ehemaliger Kulturchef der Expo 2000 Was wurde aus Tom Stromberg?

Was wurde aus Tom Stromberg? Der Mann der einst Theatermann und Kulturchef der Expo 2000 war, ist jetzt Dozent an verschiedenen Theaterakademien und Impresario. Nachdem er Hannover verlassen hatte arbeitete er fünf Jahre lang als Intendant am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

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Früher wollte er einen „Chaostage“-Wagen in der Expo-Parade mitfahren lassen, heute ist er Karriereberater für Künstler: Tom Stromberg.

Quelle: Stromberg

Hamburg. Ihr seht jetzt nichts, gar nichts.“ Tom Stromberg wirkt merkwürdig aufgeregt, fast dünnhäutig. Eigentlich ist das so gar nicht seine Art. „Macht am besten die Augen zu“, ruft er beschwörend, „ihr seht jetzt nicht, was dahinten passiert.“ Okay, okay, wir sehen nichts. Stromberg, wie immer ganz in Schwarz gekleidet, steht vor der Probebühne 6a, einem rumpeligen Raum unter dem schrägen Dach der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg, und hält einen anderthalb Meter breiten Holzrahmen, der mit schwarzem Stoff bespannt ist, vor seiner Brust. Wie ein Nummerngirl, nur, dass auf der schwarzen Fläche keine Nummer zu sehen ist. Auch tanzt er nicht.

Der stoffbespannte Rahmen soll einen Vorhang darstellen. Rechts steht die Regieassistentin. Auch sie hält so eine schwarze Fläche in der Hand – die andere Hälfte des Vorhangs. Stromberg rückt mit seinem Vorhangersatz ein Stückchen nach links, die Regieassistentin ein wenig nach rechts – der Vorhang öffnet sich –, und dort, in der Lücke zwischen den beiden schwarzen Flächen, ist ein Gitarrenspieler zu sehen.

Er spielt die ersten so wunderbar gedeckelten, so schmerzlich fernen Töne von „Wish You Were Here“. Stromberg und die Assistentin schieben den falschen Vorhang weiter auf, und rechts und links vom Gitarristen erscheinen weitere Gitarristen. Am Ende ist „Wish You Were Here“, der Pink-Floyd-Klassiker, in einer Version für sechs Gitarren zu hören – und Jan Plewka singt dazu. Schön ist das, sehr, sehr schön.

Dieses sanfte Öffnen eines ungeheuren Erinnerungsraums, das sich in der Szene zeigt, ist auch das große Thema des Stückes, das hier geprobt wird. In „Die Macht der Musik“, das am 25. August beim Sommerfestival auf Kampnagel Premiere haben wird, geht es um Lieder, die Leben verändert haben.

Ein Theaterstück ist es nicht, und Tom Stromberg will sich auch nicht Regisseur nennen lassen. „Wirkungsmechaniker würde es besser treffen“, sagt er. Er hat das schon ein paar mal gemacht, immer mit Jan Plewka und dessen Band. Und immer auf Kampnagel. Die Produktionen über Rio Reiser, Simon & Garfunkel oder das Thema „Rausch“ waren erfolgreich, mit ihnen geht das Ensemble immer noch auf Tour. Und Tom Stromberg nimmt das Inszenieren, das kein Inszenieren sein soll, sondern eben nur Arbeit an der Wirkungsmechanik, sehr ernst. Wie er den Vorhang markiert, wie er zu den am Bühnenrand angebrachten Lichtschaltern springt, um notdürftig eine halbwegs richtige Lichtstimmung hinzukriegen, wie er dem ekstatischen Tanzsolo des Schlagzeugers ein atemloses „Das muss man sich natürlich im Schein eines ganz, ganz schmalen Verfolgers vorstellen“ hinzufügt – das alles strahlt eine ganz erstaunliche Begeisterung aus. Beim Proben wirkt Stromberg manchmal wie ein Kind, das stolz erklärt, was es gerade wieder Tolles gebastelt hat.

Eigentlich bastelt er aber an etwas anderem: an Karrieren.  Das Herumschrauben an der Wirkungsmechanik ist eher eine Freizeitbeschäftigung, fast Urlaub. Stromberg, der im Jahr 2000 das Kulturprogramm der Expo in Hannover gemanagt hat, danach für fünf Jahre Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg war, dann eine Akademie für junge Theaterkünstler gründete und das Theaterfestival Impulse leitete, ist jetzt Dozent an verschiedenen Theaterakademien und Impresario.
Die Berufsbezeichnung gefällt ihm. Er wurde auch schon Geheimdramaturg genannt. Das findet er auch nicht schlecht. Auf seiner Visitenkarte steht nichts von Coaching, nichts von Mediation, nicht das Wort Agentur, nicht das Wort Theater, sondern nur Tom Stromberg und eine E-Mail-Adresse sowie eine Anschrift in Berlin, Prenzlauer Berg. Vielleicht ist das Fehlen der Berufsbezeichnung ja auch ganz richtig so, wahrscheinlich ist der Name Tom Stromberg schon Marke genug.

Auf der Rückseite seiner Karte sind die Namen von 28 Künstlern verzeichnet, die er vertritt. Stefan Pucher, Roland Schimmelpfennig, Jette Steckel, Martin Laberenz, Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jan Bosse und Antú Romero Nunes sind darunter. Regisseure, Schauspieler, auch Autoren. Stromberg führt für sie Verhandlungen mit Intendanten, moderiert, gestaltet Verträge. Seine Klienten schätzen ihn. Mit ihm, sagen viele, verdienen sie mehr. Er kann das: Leute zusammenbringen, Verträge aushandeln, bei denen alle ein einigermaßen gutes Gefühl haben. Schließlich war er Kulturmanager der Expo. Da hat er ein großes Rad gedreht. Gerhard Schröder, sagt er, habe ihm damals sehr geholfen, er hat die Entscheidung über 20 Millionen Mark für Kasper Königs Kunstprogramm einfach nonchalant durchgewinkt.

Und dann fallen ihm die Skandale von damals ein. 400 000 Mark hat er für den wenige Sekunden langen Expo-2000-Jingle von Kraftwerk ausgegeben. Skandal! Heute fühlt sich Stromberg im Recht. Ist er wohl auch.
Ärger gab es auch, weil er vorgeschlagen hatte, auf der Expo-Parade einen Festwagen der „Chaostage“ mitfahren zu lassen. Das fällt ihm jetzt, 16 Jahre später, erstaunlich schnell wieder ein.

Und dann die Sache mit der französischen Theatergruppe „Générik Vapeur“, die bei einer Aktion versehentlich das Mahnmal für die ermordeten Juden an der hannoverschen Oper beschädigte. „Ich habe mich danach mit Ignaz Bubis am Frankfurter Flughafen zu einem Versöhnungsgespräch getroffen“, erzählt Stromberg, „aber eigentlich war das ganz unnötig, er musste gar nicht versöhnt werden.“

Stromberg war schon zu Expo-Zeiten ein großer Kommunikator. Damals war das auch an Äußerlichkeiten erkennbar. Er gehörte zu den Ersten, die mit dem backsteingroßen „Nokia-Communicator“ unterwegs waren. Weil es zur Expo-Zeit noch keine Flatrates gab, hatte er eine gigantische Telefonrechnung. „Gut, dass das damals nicht öffentlich geworden ist“, sagt er heute. Seine alte Telefonnummer hat er immer noch. Vodafone hat ihm aus Dank für seine Treue vor Kurzem ein iPad geschenkt.
Stromberg lacht. Das findet er selber komisch. Dann erzählt er von einem Redakteur, der ihn jüngst anrief, weil er für eine Podiumsdiskussion noch einen „alten Theaterhasen“ brauchte. Natürlich hat er abgesagt.

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