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Ehrenwerte Gesellschaft

Die Staatsoper Hannover zeigt Hans Werner Henzes Oper "Die englische Katze". Ehrenwerte Gesellschaft

Erschreckend menschlich: Die Staatsoper zeigt Hans Werner Henzes satirische Fabel Die englische Katze.

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Stella Motina entdeckt die Katze in sich.

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Die Katze lässt das Mausen nicht, auch wenn sie sich noch so harmlos und anschmiegsam gebärdet. Unter der domestizierten Oberfläche lauert das Raubtier, das sich hemmungslos Bahn bricht, wenn sich das geeignete Opfer findet, um das elementare Fressbedürfnis zu befriedigen. Insofern sind Katzen auch nur Menschen, denen man umso mehr misstrauen muss, je mehr sie sich in die Aura von Wohlanständigkeit hüllen. Und dass die feine Gesellschaft sich hinter den Kulissen oft gar nicht mehr so fein aufführt, wie sie vorgibt zu sein, ist keine neue Erkenntnis.

In Hans Werner Henzes Oper „Die englische Katze“ halten uns also Katzen auf erschreckend menschliche Weise den Spiegel vor. Da gibt es einen ehrwürdigen Katzenverein, die K.G.S.R., die Königliche Gesellschaft zum Schutze der Ratten, die es sich zum Ziel gesetzt hat, der Frömmigkeit ihres Frauchens Mrs. Halifax nachzueifern und die Nagetiere nicht nur künftig vom Speiseplan zu streichen, sondern ihnen auch noch wohltätige Werke angedeihen zu lassen. Dafür hält man sich die arme Maus Louise, die einst von unzivilisiertem Katzenvolk zur Waise gemacht wurde und immer dann geholt wird, wenn es mitleidige Spenden einzutreiben gilt und es eines Beweises für die edle Gesinnung des Vereins bedarf.

Allerdings erweist sich die Gesellschaft sehr bald als recht eigennützige Institution, deren wahrer Zweck der Schutz des eigenen Vermögens ist. Und dafür gehen die ehrenwerten Mitglieder auch über Leichen. Als nämlich der alte und ledige Lord Puff das Präsidentenamt der Gesellschaft anstrebt, dafür zuvor in den Ehestand treten muss und mit Minette, einer jungen naiven Katze vom Land, verheiratet werden soll, ist sein halbseidener Neffe Arnold der Erste, der die Familienbande ignoriert und seinen Onkel gerne vorher ins Jenseits befördern würde. Arnold hat nämlich Spielschulden und fürchtet durch die Hochzeit den Verlust des rettenden Erbes. Zwar kann er die Hochzeit nicht verhindern, aber weil Minette inzwischen ein Techtelmechtel mit dem jungen streunenden Kater Tom beginnt, findet er zumindest einen Scheidungsgrund. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren, in das sich Tom verkleidet als Minettes Anwalt gemischt hat. Dumm nur, dass sich Tom, nachdem seine Maskerade aufgeflogen ist, als der verschollen geglaubte Sohn und damit Erbe eines der steinreichsten Kater von England entpuppt, auf dessen Vermögen die K.G.S.R. spekuliert hatte. Doch weil Tom nicht auf das Geld verzichten will, wird er kurzerhand aus dem Weg geräumt und der Mord als Selbstmord getarnt, wodurch Tom seiner Geliebten Minette folgt, die wegen ihres Liebeskummers auf Befehl von Mrs. Halifax schon vorher barmherzig in der Themse ertränkt wurde. Die Maus Louise kommt nach alldem zu der Erkenntnis, dass es besser ist, sich von Katzen fernzuhalten und als Maus zu leben.

Nach einigen dezidiert politischen Werken für das Musiktheater wandte sich Hans Werner Henze mit diesem seltenen Fall einer modernen Opera buffa Anfang der 80er-Jahre dem Stoff zu, der auf eine Kurzgeschichte von Honoré de Balzac zurückgeht. Als Librettist stand ihm der englische Dramatiker Edward Bond zur Seite. Aber selbstverständlich bedeutete die Hinwendung zu einer Tierfabel für beide Autoren keinen Rückzug aus dem politischen Engagement. Wie jede Fabel - und das gilt bereits für Balzacs Vorlage - ist auch die „Englische Katze“ eine bissige Satire auf die Heuchelei und Bigotterie einer kapitalistisch orientierten bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Skrupellosigkeit hinter einer moralischen Fassade verbirgt. Dabei wird die Maskenhaftigkeit der Figuren nicht nur dadurch ins Absurde gesteigert, dass das Geschehen in eine Katzenwelt verlegt wird, sondern auch durch Henzes Musik, die mit historischen Vorbildern und Klischees auf witzige Weise spielt und die gesamte Palette vom Barock bis zur Zwölftontechnik, von Volks- bis Kunstmusik ausbreitet.

Die Oper hat übrigens auch eine Geschichte im Zusammenhang mit Hannover: Nachdem sie 1983 bei den Schwetzinger Festspielen und in der Regie des Komponisten uraufgeführt wurde, brachte die Oper Hannover nur ein Jahr später eine weitere Inszenierung heraus, die auch beim Festival Warschauer Herbst gezeigt wurde. Bei der aktuellen Neuproduktion der Staatsoper führt nun Dagmar Schlingmann Regie, die derzeitige Generalintendantin des Saarländischen Staatstheaters und zukünftige Generalintendantin des Staatstheaters Braunschweig. Ihre Inszenierung verzichtet auf realistische Tierkostüme; das Katzenhafte der Figuren wird vielmehr durch ihr Verhalten und ihre Bewegungen verdeutlicht, denn Menschen sind eben auch nur Katzen. Ähnlichkeiten mit lebenden Katzen sind dabei natürlich wie immer rein zufällig.

Klaus Angermann

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