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Kultur „Ein ganz und gar einzigartiger Gedanke“
Nachrichten Kultur „Ein ganz und gar einzigartiger Gedanke“
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00:00 28.10.2016
Fortsetzung der Recherche mit anderen Mitteln: Jonas Steglich, Anke Stedingk und Maximilian Grünewald (v. links). Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Zu Beginn des französischen Films „Hass“ von 1995 wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der aus dem 50. Stock eines Hochhauses fällt und sich währenddessen immer wieder sagt: „Bis hierher lief’s noch ganz gut.“ Die Erzählerstimme sagt dann: „Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern der Aufprall.“

Diese kurze Fiktion wird im Film auf die Gesellschaft übertragen - eine Gesellschaft, die fällt und sich dabei immer wieder sagt: „Bis hierher lief’s noch ganz gut.“ Dieser Gedanke ist Ausgangspunkt für ein Rechercheprojekt der jungen Regisseurin Ulrike Günther, das sie für das Junge Schauspiel Hannover entwickelt. Ihr Theaterstück setzt sich konkret mit der Situation von Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten von Hannover auseinander. Dafür hat sie Interviews mit Sozialarbeitern, Lehrern, Jugendlichen und Polizisten geführt. Bei der Recherche ist deutlich geworden, wie Armut, Chancenlosigkeit und das Gefühl des Ausgeschlossenseins dazu führen können, dass Jugendliche in ihrer verzweifelten Identitätssuche beginnen, sich zu radikalisieren.

Durch die Übersetzung der lokalen Verhältnisse in einen Theaterabend lassen sich Phänomene aufzeigen, die über Hannover hinausweisen und eine gesamtdeutsche Situation charakterisieren. Denn die jungen Menschen, deren Eltern vielleicht aus dem Irak, Iran, Libanon oder der Türkei kommen, sind in Deutschland aufgewachsen, sprechen Deutsch, haben deutsche Pässe und werden trotzdem noch immer als „Ausländer“ wahrgenommen: „Wir sind in den Heimatländern unserer Eltern Touristen, und hier sind wir Ausländer.“

Denn wie kann es sein, dass eine junge Frau mit libanesischem Hintergrund, die das Herkunftsland ihrer Eltern noch nie besucht hat, plötzlich anfängt, die Schulkorridore mit Hisbollah-Flaggen zu bekritzeln? Oder dass ein 18-jähriger Halbiraner, der sich lange mit Drogen betäubte, nun die Koranschule besucht und Kampfsport trainiert, weil „man das auf der Straße gebrauchen kann“? Eine Sozialarbeiterin bringt es auf den Punkt: „Was ein Staat von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe hält, zeigt sich immer darin, wie er diese finanziert.“ Ulrike Günther verarbeitet das Material gemeinsam mit den Schauspielern zu einem Stücktext. Jonas Steglich, Maximilian Grünewald und Anke Stedingk sind dann nicht nur Jugendliche, Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten, sie setzen sich immer wieder mit dem Stoff auseinander, bringen eigene Eindrücke ein, sampeln das Originalmaterial live und unterlegen es mit einem eigenen Soundtrack. Die Inszenierung als Fortsetzung der Recherche mit anderen Mitteln. Johannes Kirsten

Bis hierher lief’s noch ganz gut

Rechercheprojekt von Ulrike Günther

Premiere

13. November, 19.30 Uhr

Ballhof Zwei, ab 14

anschl. Premierenfeier

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