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Nachrichten Kultur Ein handfester Streit im Lutherjahr?
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02:15 27.03.2017
Von Michael B. Berger
Zu wenig Distanz für einen Protestanten gegenüber dem Papst? EKD-Ratvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm in Rom mit Papst Franziskus. Quelle: dpa
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Während sich große Teile der evangelischen Kirche auf den Kirchentag in Berlin und Wittenberg vorbereiten, verdunkelt ein handfester Streit die Freude über das nächste Großereignis im Jubiläumsjahr. Denn zur Halbzeit des Luther-Jubiläums, das derzeit mit Hunderten von Veranstaltungen in ganz Deutschland gefeiert wird, hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) selbst einen handfesten Streit beschert. Ausgerechnet der Cheftheologe der EKD, ihr Vizepräsident Thies Gundlach, bescheinigte den deutschen Universitätstheologieprofessoren das Reformationsjubiläum „verstolpert“ zu haben und sich mit „oftmals kleinlichen Kritiken“ in eine „Abseitsposition“ bugsiert zu haben.

Gundlachs in der Märzausgabe der evangelischen Zeitschrift „Zeitzeichen“ publizierte Polemik („Es herrscht eine Art grummelige Meckerstimmung“) blieb nicht ohne Reaktion. In der Aprilausgabe des „Zeitzeichen“ nehmen die Professoren den Fehdehandschuh auf. Der renommierte Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann und sein Fakultätskollege Martin Laube werfen dem EKD-Cheftheologen ihrerseits einen äußerst groben Regelverstoß vor, nämlich die freie Theologie knechten zu wollen. Sie sprechen von „Skandal“ und einer „Fortsetzung der DDR mit anderen Mitteln“, nämlich der „Instrumentalisierung der Wissenschaft zum Zwecke staatlich-ideologischer Nützlichkeit oder kirchlicher Opportunität“.

Das ist ein ziemlich grober Ton in einer Debatte, die zumindest vom Stil sich dem gefeierten Reformator Luther annähert. Aber nicht nur das: Zwischen den Zeilen fordern die Göttinger die EKD sogar auf, ihren Cheftheologen zu maßregeln, der keineswegs „gedeihlich“ wirke.

Ein Provokateur im Kirchenamt

Der 61-jährige Gundlach ist seit 2010 Vizepräsident im EKD-Kirchenamt. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist er kein Freund leiser Töne, sondern provoziert mit Lust. Indes enthält sein Aufsatz, der auch als Beschwerde über mangelnde Anerkennung von seinen akademischen Kollegen gelesen werden kann, auch Wahres. Etwa, dass von der Systematischen Theologie, die eine Übersetzung dogmatischer Überlegungen in die Moderne liefern sollte, derzeit wenig bemerkenswerte Impulse ausgehen. „Nicht jede Generation hat einen Schleiermacher oder einen Barth“, schreibt Gundlach: „Aber jede Generation hat die Aufgabe, neben Kritik auch eine konstruktive Interpretation des Glaubens zu bieten.“

Gundlach wirft seinen Theologenkollegen vor, im Gegensatz zur Zivilgesellschaft, dem Staat und der kulturell interessierten Öffentlichkeit, keine Luther-Interpretation zu liefern, die „die Ängste der Gegenwart begrenzen und die Orientierungslosigkeit einhegen“ könne. So weit, so gut. Doch tut er noch ein Übriges - und hier überspannt er den Bogen. Er wirft der akademischen Theologie gleichsam als Pflichtverletzung vor, nichts Bahnbrechendes zum EKD-Jubelfest beizutragen. Sie lege im Reformationsjahr 2017 stattdessen eine „Art besserwisserische Ignoranz gegenüber den Anliegen von Bund, Ländern und Zivilgesellschaft“ an den Tag. Dabei, argumentiert Gundlach in einem irritierenden Paternalismus, würden die EKD und die Landeskirchen doch die gut ausgestatteten Fakultäten stets in Schutz nehmen, wenn aufgrund der niedrigen Studierendenzahlen „wieder einmal der staatliche Versuch gemacht wird, trotz gültiger Verträge in den Fakultäten zu sparen“. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, den die gescholtenen Professoren zurecht als Foul des Cheftheologen empfunden haben.

Sie schlagen mit Verve zurück und weisen auf viele zur Reformationsgeschichte erschienene Bücher hin (Kaufmann hat selbst Beachtliches dazu beigesteuert). Sie werfen der EKD vor, die Reformation gleichsam im Twitter-Format zu präsentieren. Luther und all das, was ihn elementar von der Moderne trenne (etwa seine Sündenlehre) werde theologisch entkernt. Zudem fahre die EKD einen Schmusekurs mit der katholischen Kirche, der völlig unangebracht sei.

Nichts gegen die Ökumene: „Aber es grenzt allmählich an Verrat gegenüber der evangelischen Sache, wie sehr es die EKD zur Leitmaxime ihrer Reformationsfeierlichkeiten erhebt, die empfindlichen Temperamente der römisch-katholischen Kirchenhierarchie bloß nicht zu verletzen - damit deren Vertreter sich zum gemeinsamen Foto herbeilassen“, schreiben Kaufmann und Laube.

So hätten sich die EKD-Vertreter im Herbst bei einem Besuch des Papstes „wie Konfirmanden aufgereiht“. Vor der Aufgabe, die wesentlichen Unterschiede des Evangelischen gegenüber dem Katholischen herauszustellen, versage Cheftheologe Gundlach völlig - zumindest dies ein unberechtigter Vorwurf, denn gerade Gundlach hat in früheren Zeiten mit unbotmäßigen Papieren auch die katholische Seite provoziert, während EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm die Nähe zu den Katholiken suchte.

Kompetenzen überschritten

Im Rat der EKD, dem Leitungsgremium der Protestanten, ist man überhaupt nicht erfreut über die Provokationen des EKD-Vizepräsidenten, zumal Gundlach sein Provokationspapier offenbar überhaupt nicht abgestimmt hat. Auf seiner Sitzung am Wochenende will sich das Leitungsgremium mit dem provokanten Kirchenamtsbeamten und den Reaktionen befassen. Er habe seine Kompetenzen überschritten, heißt es etwa. Vielen in der EKD ist der Vizepräsident mitunter zu selbstbewusst. Dabei habe das Kirchenamt doch eigentlich eine „dienende Funktion“, heißt es.

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