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00:20 02.08.2015
Von Stefan Arndt
Der Bayreuther Orchestergraben. Quelle: Archiv
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Berühmt ist die besondere Konstruktion dieses Grabens. Vor allem die Decke, die ihn wie eine Kurmuschel überspannt, ist einmalig: In gewöhnlichen Opernhäusern gibt es so etwas nicht, dort dringt der Schall der Instrumente ungemischt und ungedämpft nach oben. Beispiellos sind auch die Terrassen, in denen sich der „Abgrund“ bis in die Tiefe erstreckt. Ganz oben sitzen die Geigen, auf der zweiten Stufe die übrigen Streicher, an dritter Position folgen Holzbläser, und ganz im Keller dröhnt das Blech.

Wer hier seinen Arbeitsplatz hat, hat es geschafft. Schon Wagner selbst hat die Musiker bei den ersten Festspielen 1896 nur bei den besten Orchestern seiner Zeit - vor allem also denen in Wien, Dresden und Meiningen - abgeworben. Doch bis heute ist das Festspielorchester keine dauerhaft selbstständige Institution; es rekrutiert sich immer nur zeitweise aus Musikern anderer Kulturorchester. Auch aus Hannover waren und sind regelmäßig Musiker in Bayreuth zu Gast, in diesem Jahr sind es insgesamt sechs.

„Das war für mich völlig überraschend“

Einer von ihnen ist Vukan Milin, der Solo-Flötist des Niedersächsischen Staatsorchesters. Der gebürtige Krefelder, der sein Instrument an den Musikhochschulen in München und Tokio studiert hat, ist seit 17 Jahren in Hannover und genießt einen guten Ruf in der Welt der Flötisten. Doch in Bayreuth ist er in diesem Jahr zum ersten Mal mit von der Partie. Wie es dazu gekommen ist? „Um ehrlich zu sein“, sagt Milin, „habe ich keine Ahnung.“ Eines Tages kam ein Anruf aus dem Bayreuther Orchesterbüro. „Das war für mich völlig überraschend.“ Entscheidend waren wohl Empfehlungen von Kollegen. Doch wer genau das war, ob es eine oder mehrere Empfehlungen gab - darüber kann Milin nur mutmaßen. Damit geht es ihm nicht anders als Michael Wild, Konzertmeister in Milins Orchester, der schon zum 13. Mal hier ist. Und auch Katrin Strobelt, Geigerin bei der NDR-Radiophilharmonie und seit 2002 im Festspielorchester, wirkt immer noch erstaunt, dass sie hier einst in den Kreis der Opernexperten aufgenommen wurde. Transparente Entscheidungen gehörten eben noch nie zu den Tugenden der Festspielmacher auf dem Grünen Hügel.

Doch mit dem Glück, ausgewählt zu werden, ist es für die Musiker nicht getan. Man muss auch den festen Willen haben, auf einen Großteil seines Urlaubs zu verzichten - und überdies großzügige Arbeitgeber haben. „Jeder von uns ist mit Proben und Vorstellungen insgesamt rund zehn Wochen lang hier“, sagt Wild. „So lange dauern keine Theaterferien.“ Entweder am Ende oder am Anfang einer Spielzeit müssen die Musiker also freigestellt werden. Katrin Strobelt kann sich dabei der Unterstützung ihres Vorgesetzten Matthias Ilkenhans sicher sein. „Er sagt immer, dass er stolz darauf ist, wenn wir in Bayreuth spielen. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt die Geigerin. Doch immerhin ist sich der Abteilungsleiter der Radiophilharmonie darin einig mit Karen Kamensek, der Generalmusikdirektorin der Oper.

Es geht um Leidenschaft

Was aber macht die Faszination Bayreuth für die Musiker selbst aus? Sicher ist es die Arbeit mit hervorragenden Sängern und Dirigenten. Wer kann schon in einer einzigen Woche sowohl mit Christian Thielemann als auch mit Kirill Petrenko spielen? Und genauso sicher spielen auch die Qualität der Kollegen und die besondere Akustik („irrsinnig laut - aber immer schön“) im Festspielhaus eine Rolle. Von gewisser Bedeutung mag auch die Tradition sein, die in Bayreuth auf allen Ebenen mit besonderer Leidenschaft gepflegt wird. „So etwas lebendig zu halten ist gerade für uns Musiker besonders wichtig“, sagt Milin.

Doch all das kann die Strapazen von vielstündigen Opernaufführungen und die vergleichsweise bescheidene finanzielle Entschädigung nicht vollständig erklären. Wer in Bayreuth spielt, das zeigen gerade auch die Beispiele der hannoverschen Musiker, ist vor allem mit Leidenschaft bei der Sache. Ohne die Begeisterung, ja ohne die Liebe jedes Einzelnen zu dem noch immer außergewöhnlichen Projekt der Bayreuther Festspiele würde im Orchestergraben kein einziger Ton erklingen.

Mit solcher Hingabe aber wird fast jede Aufführung des Festspielorchesters zum Ereignis. Für das Publikum. Und für die Musiker. Darum kommen die meisten von ihnen in jedem Jahr wieder. Und alle anderen hoffen auf einen Anruf aus dem Bayreuther Orchesterbüro.

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