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Erfolgsgeschichte

"Eine Familie" feiert am Schauspiel Hannover Premiere

Von Stefan Arndt

Der Erfolgsautor der Gegenwart heißt Tracy Letts. Sein Stück „Eine Familie“ wurde mit Preisen überhäuft und ist heute auf dem Spielplan vieler europäischer Theater zu finden. Jetzt feierte es auch am Schauspiel Hannover Premiere.
Eine schrecklin gute Familie: Tracy Letts "Eine Familie" im Schauspiel Hannover.

Eine schrecklin gute Familie: Tracy Letts "Eine Familie" im Schauspiel Hannover.

© Katrin Ribbe

Wenn ein Theaterstück, was alle paar Jahre passiert, zum Erfolgsstück avanciert, wird die Bühne zum Wohnzimmer. Statt um tragische Helden oder überzeitlich verrätselte Stellvertreter geht es dann um ganz normale Ehemänner und Ehefrauen, um Eltern, Kinder und Kindeskinder. Wuchtige Tragödien haben gegen solche ungeschminkte Nähe in der Gunst des Publikums keine Chance: In der privaten Hölle schmoren wir am liebsten. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten produzierte die französische Autorin Yasmina Reza gleich mehrere solcher Stücke (wie „Der Gott des Gemetzels“), die plötzlich auf den Bühnen rund um den Globus gespielt wurden. Schnelle, elegante Wortgefechte entlarven darin die Leere hinter familiären oder freundschaftlichen Beziehungen, um sie schließlich in einen schillernden Schwebezustand zu überführen.

Der Erfolgsautor der Gegenwart heißt Tracy Letts. Sein Stück „Eine Familie“ wurde seit der Premiere vor drei Jahren in Amerika mit Preisen überhäuft und ist heute auf dem Spielplan vieler europäischer Theater zu finden. In der Regie von Tina Lanik hatte es nun am Schauspiel Hannover Premiere, und der ausdauernde Jubel am Schluss zeugte davon, dass sich seine Erfolgsgeschichte auch hier fortsetzen wird.

Der 1965 geborene amerikanische ­Autor und Schriftsteller beginnt dort, wo Reza aufhört: in einer zerrütteten Familie. Für die Figuren der Französin ist der Kampf immer auch ein intellektuelles Vergnügen. Bei ihnen bleibt der Liebste am Ende zumindest der liebste Feind. Letts’ Figuren dagegen sehnen sich unverhohlen nach Nähe und werden doch immer nur brutal auf sich selbst zurückgeworfen. Die Hölle sind nicht die anderen. Die Hölle ist man selbst. Stünde sein Stück für ein neues Lebensgefühl, es wäre die Verletzlichkeit.

In „Eine Familie“ spürt das zunächst der Schriftsteller und Hochschullehrer Beverley Weston. Sein Erfolg als Lyriker liegt Jahrzehnte zurück, und seine Ehe ist nur noch eine Schicksalsgemeinschaft von Süchtigen: Seine Frau nimmt Tabletten, er trinkt. „Das Leben ist sehr lang“ seufzt er mit dem Dichter T. S. Eliot, dem Apokalyptiker der Bürgerlichkeit, der hier wie ein Hausgott verehrt wird. Sehr bald zieht Beverley die Konsequenz daraus: Zu Beginn des Stückes verschwindet er, um sich umzubringen. Seine Frau Violet ruft daraufhin die Familie zusammen und beginnt, ihre Angehörigen zu tyrannisieren. Die drei Töchter mit ihren erfolg- oder hoffnungslosen Beziehungen, die Schwester mit mutlosem Mann und Sohn: Alle leiden so lange unter den unbequemen (Halb-)Wahrheiten, mit denen Violet sie quält, bis auch die letzte Beziehung zerbrochen ist.

Trotz der fast dreieinhalb Stunden Spieldauer wird diese Dekonstruktion der Familie nicht langweilig. Der allgemeine Absturz vollzieht sich in wohldosiert kleinen Schritten, und das Personal ist viel zu vielfältig, um je zu langweilen. In der Tradition von Tennessee Williams und Eugene O’Neill belebt Letts das deprimierende Geschehen mit grimmigem Humor und immer neuen überraschenden Wendungen. Das Ergebnis: böse Unterhaltung.

In Hannover weiß das Ensemble um die beiden Primadonnen des Stücks die dankbare Vorlage gut zu nutzen. Beatrice Frey verleiht Violet eine zerrüttete Klarheit, die der Figur immer neue Facetten eröffnet. Bei ihr ist Violet zerbrechlich und gefährlich zugleich, mit spitzem Mund und brüchiger Burgtheaterstimme klingt manchmal sogar ihr Zynismus unschuldig. Da passt es, dass Bühnenbildnerin Magdalena Gut sie in Watte gepackt hat: Der ganze Boden der Bühne ist von Matratzen bedeckt, die Worte, Schritte und Stürze dämpfen – und die Fortbewegung auf Stöckelschuhen zur Tortur machen.

So sieht man gleich, dass der Druck hier vor allem auf den Frauen lastet. Hanna Scheibe führt das als älteste Tochter Barbara besonders eindringlich vor. Ihr nimmt man auch die Erschütterung ab, die die umsichtige Ehefrau am Ende in ein Spiegelbild ihrer Mutter verwandeln wird. Scheibe darf auch als erste zeigen, was Regisseurin Tina Lanik zum Leitmotiv der Inszenierung bestimmt hat: die falsche Umarmung. Immer wieder flieht eine Figur zu einer anderen – und nie wird sie dort mit offenen Armen aufgenommen. Nur ganz am Schluss gibt es eine Berührung, die fast zärtlich ist: Die indianische Haushaltshilfe (schön fremd: Oscar Olivo), die Beverley noch vor seinem Verschwinden eingestellt hatte, streichelt der allein zurückgebliebenen Violet über den Kopf. Dann geht zum letzten Mal das Licht aus, und durch das Dunkel dringen Trommeln und Indianergeheul. Tröstlich ist diese Rückkehr zur Wildnis nicht. Aber das Leben ist wohl zu lang für ein gutes Ende.

Die nächsten Vorstellungen am 18., 20., 24. und 27. Februar sowie am 1., 12., 27. und 30. März. Karten unter Telefon (05 11) 99 99 11 11.

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  • pausenlos tannhäuser – 15.02.10
    Guten Tag, ich saß in der Premiere, fand´s wunderbar und danke vielmals! Ich muss sagen, ich bevorzuge pausenfreie Inszenierungen. Ein Austausch ist bei mir ohnehin erst am nächsten Tag möglich. Und Pausenrede tönt meist pseudointellektuell - nein danke!
  • Marathon? Jörg Allner – 15.02.10
    Danke Stefan Arndt für die ausführliche Beschreibung der Premiere. Die Neugier ist geweckt. Was fehlt, ist lediglich die nicht ganz unwichtige Information, ob die Spielzeit von annähernd dreieinhalb Stunden durch eine Pause unterbrochen wird.
    Bei den aktuellen Aufführungen "Volksfeind", "Kirschgarten" und "Simplicius" durfte ich miterleben, wie das Schauspiel jeweils auf Pausen verzichtet hat und die mehrstündigen Inszenierungen in einem Stück über die Bühne gebracht hat. Dafür hat mir nämlich das Verständnis gefehlt. Zum einen ist eine Pause eine wunderbare Gelegenheit das eben miterlebte zu diskutieren, sich mit anderen Besuchern auszutauschen und gesellschaftliche Kontakte zu pflegen.
    Zum anderen ist eine Pause eine wunderbare Gelegenheit für ein Theater zusätzliche Geldmittel selbst zu erwirtschaften.
    Im Schauspiel Hannover jedoch scheint man auf die geselligen Aspekte eines Theaterbesuchs wenig zu geben. Die fröhlich sprudelnden öffentlichen Fördermittel reichen den Theatermachern offensichtlich völlig aus.
    Nur, dass das örtliche Blättchen die hiesigen Theateraufführungen als Ganzheit erfasst und kritisch wiedergibt, darauf sollten Theaterfreunde nicht warten. Zu mehr als Lobhudelei ist die HAZ an dieser Stelle nicht in der Lage.

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