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Remarques "Die Nacht von Lissabon"

Cumberlandsche Bühne Remarques "Die Nacht von Lissabon"

Solo für den Schauspieler Silvester von Hösslin: Schauspielintendant Lars-Ole Walburg inszeniert auf der Cumberlandschen Bühne Erich Maria Remarques Roman "Die Nacht von Lissabon", eine Geschichte über eine Flucht aus Nazideutschland.

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Die Aufführung "Die Nacht von Lissabon" auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover.

Quelle: Behrens

Hannover. Diese Geschichte dauert eine Nacht. Ein Mann erzählt sie einem anderen. Sie wandern dabei durch die Kneipen Lissabons, trinken viel Wein und viel Kaffee und landen am Ende in einem Bordell, dem einzigen Ort in der Stadt, an dem man um diese Zeit noch ungestört erzählen und trinken kann. Der Zuhörer schaut auf die Uhr, aber er muss durchhalten und weiter zuhören. Das hat der Erzähler zur Bedingung gemacht. Jemand muss diese Geschichte hören, sie darf nicht verloren gehen. Sonst hat der Mann schon alles verloren, seine Frau, die Liebe seines Lebens, ist tot; die Flucht hat keinen Sinn mehr für ihn, er will seinem Zuhörer die Fahrkarten für die Schiffsreise in die USA schenken. Es ist das Jahr 1942, die Emigration in die USA ist die einzige Chance für den Zuhörer. Er muss also die Geschichte bis zum Ende anhören. Das ist die Rahmenhandlung, die Erich Maria Remarque für seinen großen Fluchtroman „Die Nacht von Lissabon“ konstruiert hat.

Lars-Ole Walburg, der den Roman jetzt auf der Cumberlandschen Bühne in Szene gesetzt hat, verzichtet auf diese Nacht- und Suffgeschichte. Er erfindet eine andere, ganz eigene Rahmenhandlung: Wir befinden uns im Abendseminar des Fachbereichs Psychologie, das Thema lautet: „Postnomadische Traumatisierung aufgrund von Krieg und Vertreibung“. Der Professor trägt einen braunen Pullover und fragt erstmal ab: Wer hat das Buch gelesen? Nur drei Arme gehen nach oben. Damit hat der Vortragende schon gerechnet. Also zieht er seinen Uni-Pullover aus, und steigt in die Geschichte ein.

Die Aufführung "Die Nacht von Lissabon" auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover.

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Der Schauspieler Silvester von Hösslin – erst Professor, dann Flüchtling - bringt uns den Roman „eines der wichtigsten Werke der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts“ - nah, indem er ihn erzählt und nachspielt. Das bietet sich bei diesem Werk besonders an, denn aus der Binnenerzählung kann man umstandslos eine Spielvorlage machen. Von Hösslin trägt den Abend, eine Stunde vierzig Minuten lang erzählt und spielt er diese Geschichte aus den Jahren 1934 bis 1942. Der Pädagoge, als der er beginnt, ist bald verschwunden, von Hösslin steigt in verschiedene Rollen, streckenweise dient Lars Wittershagen, der auf der Bühne für die musikalische Untermalung und für verschiedene Soundeffekte zuständig ist, als Dialogpartner. Silvester von Hösslin gibt den Flüchtling (der aus politischen Gründen aus Deutschland fliehen musste) als sympathischen und meist recht optimistischen Lebemann.

Intendant Lars-Ole Walburg, der den Monolog inszeniert hat, kennt sich aus mit Erich Maria Remarque. Seine farbenreiche Version von „Im Westen nichts Neues“ gehört zum Besten, was am Schauspiel Hannover in den letzten Jahren zu sehen war. Hier freilich bleibt er näher am Text, er buchstabiert den Roman nach, statt ihn in neue, fremde Bilder zu übersetzen. Obgleich: viele Bilder findet er auch.

Die Cumberlandsche Bühne ist kein ganz leichter Raum. Es gibt keine Neben-, keine Hinterbühne, nur eine Spielfläche nah am Publikum mit einer Tür hinten links an der Wand. Trotzdem bricht hier überall etwas auf, stürzt überall etwas zusammen. Neue Räume entstehen: eine kleine, auf die Seite gekippte Kammer (Bühne: Tine Becker) ist erst die Wohnung des Erzählers und seiner Frau in Osnabrück, später die Straße zum amerikanischen Konsulat und dann ein Folterkeller der Nazis. Und immer passt es. Walburg mach viel Rummel, er hat sich viele spannende szenische Lösungen einfallen lassen, aber er findet kein Gegenbild, nichts Großes, das die Geschichte ins Schleudern bringen oder stocken lassen würde.

Wäre das zu erwarten? Vielleicht. Andererseits muss man nicht jede Geschichte gegen den Strich bürsten. Und diese hier schon mal gar nicht. Es ist eine starke Geschichte vom Schicksal eines Flüchtlings, der Nazi-Deutschland verlässt und erst in der Schweiz, dann in Frankreich, dann in Spanien und schließlich in Portugal landet. Es ist die Geschichte einer großen Liebe und es ist eine wichtige Geschichte, weil sie deutlich macht, dass man Flüchtlinge nicht auf ihre Fluchtgeschichte reduzieren kann. Auch unter Flüchtlingen gibt es – wie bei jedem - Geschichten von Liebe und Begehren und Krankheit und Reichtum und Tod. Vielleicht ist es ja durchaus ausreichend, dass hier eine gute Geschichte einfach nur nachkoloriert wird.

Die Zuschauer immerhin waren begeistert – vor allem von der Leistung des Solodarstellers Silvester von Hösslin. Aber auch vom Regisseur, der bei der Verbeugung am Schluss ein schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift trug: „Refugees are welcome“.

Als ob man das nach dieser Aufführung noch betonen müsste.

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