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Eine Generation trauert um ihre Helden

Tod von Schauspiellegenden Eine Generation trauert um ihre Helden

Kurz nachdem Götz George verstab, hat nun auch Bud Spencer die Lebenden verlassen: Eine Generation trauert um die prägenden Figuren ihrer Kindheit.

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Vorbilder einer Jugend: Bud Spencer und Terence Hill.

Quelle: dpa

In den vergangenen zwei Wochen ist ein guter Teil meiner Kindheit gestorben. Zunächst starb Michu Meszaros und mit ihm irgendwie Alf, jene außerirdische Figur, in deren Inneren der kleinwüchsige Schauspieler in den Achtzigerjahren gesteckt hatte. Und dann gingen innerhalb von zwei Tagen mit Götz George und Bud Spencer auch noch Schimanski und Plattfuß von uns. Drei Helden, allesamt Zausel, Nonkonformisten und mitunter Arschlöcher. Wie gemacht für ihre Zeit.

So wie ich das mitbekommen habe, gab es in den Achtzigern nicht so arg viele Rituale zwischen Vätern und Söhnen. Das war nicht wie heute, wo beide zusammen im Langnese-Familienblock des Stadions sitzen und danach ins Schnellrestaurant gehen, womöglich das neueste virale Ereignis auf Facebook diskutierend. Das Fußballstadion war damals ein gefährlicher Ort, in Hannover zudem einer des Zweitligafußballs, und das einzige Schnellrestaurant am Ort war sonnabends zu. Facebook gab es nicht, es gab den „Bericht aus Bonn“ und „Hallo Spencer“. Jeder guckte seins. Außer der „Sportschau“. Und Bud Spencer am Sonntagnachmittag. 

Bud Spencer ist tot. Das berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf seinen Sohn Guiseppe Pedersoli.

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Mein Vater würde erst sehr viel später, vielleicht nie, von der Existenz sogenannter Privatsender erfahren haben, wären sich die öffentlich-rechtlichen nicht eines Tages zu fein für Bud Spencer und Terence Hill geworden, um stattdessen lahme deutsche Vorabendserien zu zeigen. Sicher, einige der Filme der beiden Raubeine waren schon recht alt, ihr gemeinsamer Urfilm „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ von 1970 etwa. Aber so alt und immergleich die Streifen auch waren, sie waren in ihrer Funktion nicht zu überbieten: die Männer der Familie ein paarmal im Monat an einen Tisch zu bringen.

Der Kniff, mit dem das gelang, war so einfach wie genial: Die Filme versammelten alle erstrebenswerten männlichen Eigenschaften – aber nicht in einer Person, wie beim perfekten Eiskaltsensibelchen James Bond, sondern in zweien: Im mutigen, starken, bis beinahe zur Teilnahmslosigkeit gelassenen Bud Spencer. Und im schlauen, flinken, gutaussehenden Terence Hill. Diese beiden Charaktere waren in ihrer Plattheit so perfekt, dass die Drehbuchautoren selten den Fehler machten, sie zu verändern.

David Bowie, Roger Willemsen, Guido Westerwelle, Prince, Muhammad Ali, Bud Spencer: 2016 mussten bereits sehr viele prominente Menschen gehen. Ein Überblick.

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So spielten die immergleichen Figuren nur unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Umgebungen: Bud Spencer blieb Bud Spencer, ob als Kommissar Plattfuß in Italien, Afrika oder Hong Kong, als ehemaliger Fischer und Footballspieler in „Sie nannten ihn Mücke“ oder als der „Kleine“ in jenen Filmen, die als „Prügelwestern“ sogar ein eigenes Genre etablierten. Man setzte sich sonntags hin, Buddy schlüpfte in irgendein Kostüm und verpasste Gangstern, Schurken oder Cowboys seine berühmte beidhändige Doppelbackpfeife oder den „Dampfhammer“, den senkrechten Schlag mit der Faust auf den Kopf. Der Sonntagnachmittag auf der Couch war weder Zeit noch Ort für Differenzierungen und Nuancen. Es war die Zeit der Kloppe. Bei uns in der Familie hielt das Ritual lange, hinein auch in jene Zeiten, in denen man sich über fast jeden anderen Programminhalt unweigerlich uneins gewesen wäre. Aber was sollte es bei Plattfuß für zwei Meinungen geben?

Wie wäre die Welt gewesen ohne Buddy und Schimmi und Alf?

Gleichzeitig pöbelte sich Kommissar Schimanski durch Duisburg, was mich unwillkürlich zu meiner Mutter aufblicken ließ. Die hatte ihrer Kindheit und Jugend in Duisburg-Ruhrort verbracht, und wenn man das so sah, dann musste das ein verdammter Dschungel sein. Weil Schimmi Duisburger war und nicht Hamburger oder Münchner durfte er „Scheiße“ sagen und Schwächen haben. Das war so wunderbar anders als der ewig in sein Golf Cabrio hüpfende Sascha Hehn, dass man es sich schon aus Protest anguckte. Ich bekam auch eine Jacke wie Schimmi, beige mit tiefen Taschen, aber irgendwie sah sie an mir nie so cool aus wie an ihm. Vielleicht lag das auch daran, dass ich in diesen Taschen statt einer Knarre, wie Schimi es tat, Nutella-Pausenbrote und Panini-Bilder transportierte.

Und während es bei Buddy und Schimmi noch krachte und knallte, kam Alf und erschloss mir die Welt des kleinen Mannes. Denn am Ende war Alf ja nichts anderes als die emotionale Bad Bank des einfachen Beamten Willie Tanner, der stets gescheitelt und in grauen Anzügen durch das Bühnenbild lief. Ein guter Mann, das zweifelsohne, aber einer, den die Welt klein zu kriegen drohte mit ihren Hypothekenzinsen und verweigerten Beförderungen und streitlustigen Nachbarn. Bis Alf kam und den Tanners zeigte, dass es der Welt nicht schaden konnte, wenn einer hin und wieder auf ihre Konventionen pfiff. Gleichzeitig schimmerte gelegentlich durch, dass der Sozialarbeiter Willie auf seine Art auch ein Held war, einer des Alltags jedenfalls.

Sicher, es hat mich auch Geistreicheres geprägt in den Achtzigern und Neunzigern. Reinhard Mey und Jurek Becker zum Beispiel. Aber sind wir mal ehrlich, wie wäre die Welt gewesen ohne Buddy und Schimmi und Alf?
Sicher scheiße.

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