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11:26 04.09.2010
Von Simon Benne
„Münzen können lügen“: Numismatiker Reiner Cunz und Kulturministerin Johanna Wanka bei der Eröffnung des Münzkabinetts, in dem auch exotische Zahlungsmittel zu sehen sind. Quelle: Martin Steiner
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Seine Majestät hatte an diesem Tag Glück im Unglück, oder besser: Unglück im Glück. Mitten in der Schlacht bei Dettingen ging Georg II. im Jahr 1743 das königliche Pferd durch. Der Monarch, so heißt es, fiel aus dem Sattel, und bis König und Pferd wieder zueinandergefunden hatten, war die Schlacht gelaufen: Britische und hannoversche Truppen hatten die französischen besiegt. Prompt komponierte Händel ein „Dettinger Te Deum“, und silberne Gedenkmedaillen verherrlichten den Sieg. Sie zeigen allerdings, wie Georg II. auf seinem Ross ziemlich glorreich übers Schlachtfeld sprengt.

„Man darf nicht alles glauben, was auf Münzen zu sehen ist – die können lügen“, sagt Reiner Cunz. Der Numismatiker betreut seit Jahren die königliche Münzsammlung, die eben jener Georg II. einst anlegen ließ. Erst 1983 verkauften die Welfen die Kollektion, insgesamt 43.000 Stücke, an die Deutsche Bank. Im Dezember erwarb dann das Land die Sammlung für fünf Millionen Euro. Ausgerechnet die Bankenkrise hatte dafür gesorgt, dass das Land in Gestalt des Konjunktur­pakets die Möglichkeit bekam, der Bank (altes) Geld abzukaufen, das diese loswerden wollte.

Eine königliche Sammlung: Im Landesmuseum in Hannover sind seit Freitag die ersten wertvollen Ausstellungsstücke aus dem niedersächsischen Münzkabinett zu sehen.

Jetzt sind rund 150 Glanzstücke aus der Sammlung dauerhaft im Landesmuseum zu sehen, in einem neuen Kabinett in der Landesgalerie. Numismatiker hatten befürchtet, dass Deutschlands letzte große fürstliche Münzsammlung, die noch in Privatbesitz war, beim Verkauf zerschlagen werden könnte. Dabei war die Deutsche Bank, wie jetzt bekannt wurde, laut Vertrag von 1983 ohnehin verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Sammlung im Land und auch im Ganzen erhalten bleibt. Immerhin weiß das Museum mit Sicherheit, woher die Münzen stammen – anders als beim Tiepolo-Gemälde.

Das neue Münzkabinett ermöglicht eine numismatische Entdeckungsreise durch mehrere Jahrhunderte und um die halbe Welt: Schließlich herrschten die Welfen über das britische Riesenreich, und so kamen in ihre Sammlung auch Prägungen aus Indien oder der durchlöcherte „Holey Dollar“ aus Australien. Ein Gouverneur ließ dort im 19. Jahrhundert wegen Münzgeldmangels kurzerhand aus 40 000 Geldstücken Scheiben ausstanzen und verdoppelte so kurzerhand die Zahl der Münzen.

Kurios mutet auch eine „Biermünze“ aus dem 17. Jahrhundert an. Durch Steuererhöhungen war damals der Bierpreis im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel auf viereinhalb Pfennige gestiegen. Da es keine halben Pfennige gab, prägte man Münzen zu viereinhalb Pfennigen – ein eigens für Zechtouren portioniertes Geldstück. Andere Münzen künden von historischen Umwälzungen, von Machtverhältnissen, wirtschaftlicher Not oder von der Propaganda der Herrschenden. Denn Geld war seit jeher nicht nur das „Brecheisen der Macht“, wie der Soziologe Helmuth Pleßner befand. Münzen waren auch die „Massenmedien vergangener Zeiten“, sagt Numismatiker Cunz. Sie sind wie Spiegel, die das ganz Große im ganz Kleinen zeigen. Um das zu entdecken, braucht man freilich einen Blick für das ganz Kleine. Denn der Schauwert von Münzen ist oft gering.

Das neue Münzkabinett behilft sich da mit einem interdisziplinären Kniff: Teils originelle Exponate aus den Museumsabteilungen für Völker- oder Naturkunde flankieren die ausgestellten Münzen. Etwa ein ausgestopfter Biber. Die Trapper Kanadas, deren Landesherren die Welfen waren, nutzten die Tierfelle einst als Währung: Für drei Pelze gab es eine Axt. Noch heute zieren Biber kanadische Münzen – die Nachwehen des Übergangs von der Tausch- zur Geldwirtschaft. Perlen aus Westafrika oder ein Pottwalzahn von den Fidschi-Inseln werden als Zahlungsmittel präsentiert, die bei Licht besehen auch nicht viel exotischer sind als unsere Plastikkarten. Und eine Lindenholzbüste erinnert daran, dass Tilman Riemenschneider im niedersächsischen Osterode aufwuchs – als Sohn eines Münzmeisters.

Multimedial inszeniert das Münzkabinett seine Schätze: Bildschirme neben den Vitrinen zeigen Vergrößerungen der ausgestellten Münzen und geben Besuchern Informationen an die Hand, dazu erklingen besagtes „Dettinger Te Deum“ oder Pink Floyds „Money“. Das alles wird in einem stimmungsvoll abgedunkelten Raum präsentiert, in dem dezentes Licht alle Aufmerksamkeit auf die Münzen lenkt (was das Lesen der Texttafeln allerdings nicht erleichtert).

Ein Wermutstropfen trübte freilich bei der gestrigen Eröffnung des Münzkabinetts die Freude der Numismatiker: Das Museum August Kestner wird sein Münzkabinett wohl noch in diesem Jahr als eigenständige Einheit auflösen. Die Münzen sollen im Haus künftig dezentral gezeigt werden, begleitend zu anderen Exponaten im ganzen Museum. An ihrem angestammten Platz sollen Büros entstehen.

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