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Die neue Queen des Rock'n'Roll

Elle King Die neue Queen des Rock'n'Roll

Eine junge Frau soll den Rock ’n’ Roll retten. Es könnte klappen. Die 26-jährige Elle King aus Ohio singt wie Janis Joplin. Die meisten Geschichten in ihren Songs hat sie selbst erlebt.

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Wenn Elle King auftritt, fliegen schon mal die Cowboyhüte in die Höhe, und es gibt viel Yee-haw, Gejohle und Bohei,

Quelle: Getty

Hannover. Ein warmer Julitag in München. Am Viktualienmarkt flanieren die Menschen, sie sind gut gelaunt, als hätte der liebe Gott den Bayern spontan einen Extrafeiertag ausgeschenkt. Jeder auf dem Markt hat am Mittag schon ein Bierglas in der Hand, frisch, herb, aus eisumschütteten Fässern. "Bier", sagt Elle King auf die Frage, was sie schon alles von München gesehen hat.

Sie sagt das auf Deutsch. Starkbier würde die blonde 26-Jährige noch gern probieren bevor sie zurück in die USA reist. Touristisch hat die Sängerin sich die Stadt schon vor zwölf Jahren erschlossen, als sie "eine Zeit lang in Amsterdam lebte" und für ein Wochenende mit einem Cousin an die Isar kam, um Deutschland kennenzulernen. Und nun also soll Deutschland sie kennenlernen.

Auftritt in Dasing

Sony America will aus Elle King einen internationalen Rock-’n’Roll-Star machen. Deshalb wird sie an diesem Tag in der Westernstadt Dasing bei Augsburg auftreten, wo sonst Winnetou und Old Shatterhand ihre Bühne haben. Hier, zwischen muckeligem Drugstore und Mexiko-Café, bekommt jeder der 150 Gäste einen eigenen Cowboyhut aufgesetzt und einen Begrüßungswhiskey gereicht. Karl-May-Bier und Barbecue werden aufgetischt, auf einem elektrischen Bullen kann man sein Glück versuchen.

Erschienen ist Elle Kings Album "Love Stuff" schon früher im Jahr. Ein Achtungserfolg bei der Kritik, eine Fehlzündung – zunächst – in Plattenläden und Musikportalen. Zwölf mitreißende Soundmixturen aus Blues, Country, Folk und Rock, gesungen von einer Frau, deren Desperadostimme klingt, als sei sie doppelt so alt und als habe sie von klein auf mit Kieseln gegurgelt.

Wilde Songs

Das Banjo spielt sie wie ein Rockinstrument, und langsam hat sich ihre Single "Ex’s & Oh’s" in die Ohren der Welt gekämpft. Somit bekommt ihr "Liebeskram" eine zweite Chance. Und die Songs der Elle King hat durchaus das Zeug, den Rock ’n’ Roll mit einem Schlag wieder zum Leben zu erwecken. Der Durchbruch könnte klappen, wenn das in Quotenangst erstarrte deutsche Radio mutig genug wäre, ihre Songs zu spielen.

Als es dunkel ist, tritt Elle King in der Westernstadt ans Mikrofon. Sie sieht verwegen aus in ihrem eng geschnürten Dirndl ohne Bluse drunter und dem Rodeo-Sweetheart-Fransenjöppchen darüber. „Bis zum Oktoberfest“, verspricht sie, "habe ich mein Outfit in Ordnung gebracht."

Dann lacht sie heiser, zählt an und stürzt sich mit ihrem britischen Schlagzeuger Jackson Ellis Leach und ihrem "Begleiter von Anfang an", dem Bassisten Paul DeVincenzo, in ihre schönen, wilden Songs.

Viel Gejohle und Bohei

Man hat sie zuletzt öfter mit Janis Joplin verglichen, der großen, tragischen Bluesröhre der Sechzigerjahre, was sie als "Ehre" ansieht. Menschen, die in den Achtzigerjahren groß wurden, entdecken Ähnlichkeiten mit Cyndi Laupers girligem Krähgesang. King kann mädchenhaft gurren, aber wenn die Liebe sich im Song in die Krisenkurve legt, dann klingt ihre Stimme, als würde ein rostiges Schwert über einen Schleifstein gezogen.

In Elle Kings Liedern geht es mit Vorliebe ums Heimzahlen und Spießumdrehen. Als sie nach 45 Minuten schweißnass zu "My Neck, my Back" anhebt, fliegen die Cowboyhüte in die Höhe, es gibt viel Yee-haw, Gejohle und Bohei, und Elle ist hier und heute in Dasing King und Queen of Rock ’n’ Roll in einem.

"Nie mormal drauf"

Die Texte ihrer Lieder sind oft direkt und exzessiv, hinter den Worten aber scheinen dunkle Geschichten vorbeizuschweben. "Als ich mit dem Liederschreiben anfing, fanden sich alle blöden Situationen, in die ich mal geraten war, alle Beziehungen, die schlecht liefen, in meiner Musik wieder", erklärt King. "Diese Erlebnisse waren das, was mich überhaupt erst zum Musikmachen brachte. Und so stürzte ich mich in Schlamassel, weil ich wusste: Hey, daraus wird ja ein Song, das macht dich kreativ."

Sie holt tief Luft. "Inzwischen habe ich gelernt, nicht mehr so masochistisch zu sein. Butch Walker, ein sehr talentierter Songwriter, sagte mir: Du hast diese Erfahrungen einmal gemacht, du hast das gelebt. Du kannst es jederzeit wieder benutzen, diese Gefühle wachrufen. Aber du musst es nicht jedes Mal neu erleben." Da sei der Knoten geplatzt. "Seither bin ich normal drauf, nein" – sie lacht – "ich werde nie normal drauf sein, aber ich bin definitiv etwas weniger verrückt. Und glücklicher."

Glücklich ist sie, als sie am Ende des Konzertes und allen Jubels herüber geht zu dem elektrischen Bullen. Natürlich muss sie da raufklettern und ihr Glück versuchen. Sie reitet eine ganze Weile. Dann fällt sie runter. "Zu viel Bier", sagt sie. Als gäbe es für Elle King so etwas wie zu viel.

Von Matthias Halbig

Zur Person

Eigentlich heißt Elle King Tanner Elle Schneider. Sie hat – ungewöhnlich für Ohio – einen Jungenvornamen und – normal für Ohio – einen deutschen Nachnamen – 27,4 Prozent der Einwohner Ohios haben deutsche Vorfahren. Ihr Großvater väterlicherseits war Deutscher, viel mehr weiß sie indes über ihre deutschen Wurzeln nicht. Mit ihrem Vater, dem "Saturday Night Live"-Komiker Rob Schneider, ist der Kontakt spärlich. Er verließ die Familie früh, Elle blieb bei ihrer Mutter, dem Model London King. Musik macht die 26-Jährige, seit sie denken kann. Zum Rock ’n’ Roll brachte sie der Stiefvater, ein Musiker, der Elle das Debütalbum der Punkrock-Mädchenband The Donnas schenkte. Mit elf zog sie nach New York. "Erst nach New York zu kommen", sagt sie, "hat mich als Musikerin geformt".

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