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Kultur Elvis Costello nach der Rockmusik – „Look Now“
Nachrichten Kultur Elvis Costello nach der Rockmusik – „Look Now“
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18:00 11.10.2018
Die Leute sagen, Rock sei tot: Elvis Costello fände das gar nicht so schlimm. Quelle: James O'Mara/Concord Records
Hannover

Elvis Costello ist zurück. „Look now (Schau jetzt)“ heißt seine neue Platte. Zehn Jahre sind seit „Momofuku“ vergangen, seinem vorhergehenden Album mit seiner Band, den Imposters. Das neue Werk klingt anders, entrockt – ist eine Begleitmusik für Weingläser, nicht für Bierbecher. Elvis Costello goes Lied.

Das ist prinzipiell nichts Neues, derlei Ausflüge hat der 64-jährige Meister des Genrespringens schon in den Neunzigerjahren unternommen, mit Anne Sofie von Otter, dem Brodsky Quartet und vor allem mit Burt Bacharach, dem Godfather des Easy Listening. Alles mit dem Prädikat „besonders wertvoll“. Aber wenn er mit seinen Bands, den Attractions oder den Imposters (zwei Drittel der Attractions), zusammenging, rockten die Platten doch. Diesmal nicht. „Die Leute sagen, Rock sei tot“, sagte Costello vor zwei Wochen in einem Interview der britischen Wochenzeitung „The Telegraph“. „Hoffen wir, dass es so ist.“

Elvis Costello brachte die Energie des Punk in den New Wave

Ein abgeschlossenes Kapitel also. Dabei steht der gebürtige Londoner für den Neubeginn des Rock’n’Roll. Mit den Attractions und dem Debüt „My Aim is True“ führte Costello die Energie des Punk 1977 in das melodischere Terrain des New Wave über. Der „andere Elvis“ sah dabei eher aus wie Buddy Holly oder wie Woody Allen. Und seine schlitternde Stimme entzweit die Gemüter bis heute, sie ist brüchig, spröde, stets scheint da ein Weinen unter dem Singen zu sein.

Und doch verfügt sie über eine Behutsamkeit, Seele und Andacht, die ihresgleichen sucht, die seine oft dramatischen Short Storys, Charakterskizzen, Innenansichten tief auslotet. Zuletzt war es ruhiger geworden. Ein Album mit den Hip-Hoppern The Roots war 2013 das letzte musikalische Lebenszeichen.

Eine Tour mit den Imposters sagte Costello im Juli nach nur ein paar Konzerten ab. Und verriet, dass er sich sechs Wochen zuvor einen „kleinen, extrem bösartigen Tumor“ hatte entfernen lassen und sich mit dem früh darauffolgenden Tourstart übernommen hatte. Er kündigte dann das Erscheinen von „Look Now“ an.

Costello ist ein Meister der vertonten Kurzgeschichte

Dessen erster Song, „Under Lime“, täuscht noch Rock vor, beginnt mit stampfenden Drums wie ELOs „Don’t Bring Me Down“ und mit einem E-Street-Band- Piano. Aber schon bald erheben sich im Song eine Bläsergruppe, später ein Männerchor, und brechen das Stück auf, machen es beatlesk und verspielt.

Der Song ist ein Sequel von „Jimmie Standing in the Rain“ vom Album „National Ransom“ (2010). Jimmie ist ein Sänger, der „auf dem hohen Ross“ saß und sich jetzt vergeblich abstrampelt, ein Comeback hinzulegen. Die Zyniker wissen, dass er erledigt ist, eine Produktionsassistentin wird in der Künstlergarderobe abgestellt, sich um Jimmie zu kümmern und ihn unter allen Umständen vom Alkohol fernzuhalten. Ein Fünfminuten-Melodram. Pop noir.

Costello ist auch ein Meister der vertonten Kurzgeschichten, und „Look Now“ ist eine Versammlung der Verletzungen, des Scheiterns und des Hoffens. In dem melancholischen „Stripping Papers“ ist eine Ehe kaputt. Die Frau reißt die Tapete in Streifen und begegnet anhand eines Bleistiftstrichs, der die einstige Größe ihres Töchterchens markierte, ihren schöneren Erinnerungen.

Empathisch: Costello kann sich in seine Figuren hineinversetzen

Manche Songs sind schon alt. „Burnt Sugar is So Bitter“ schrieb Costello in den Neunzigern mit Carole King. Heldin ist eine Geschiedene, die einen Ausweg sucht, eine neue Hoffnung, um im Leben bleiben zu können. Die Traurigkeit hier ist fast zum Anfassen. „Man muss das nicht selbst erlebt haben, um sich in diese Situationen hineinversetzen zu können“, sagte Costello Anfang Oktober dem „Billboard Magazine“.

Schöne Zeilen, schlichte Worte, dabei schimmert auch mal ein zarter Silberstreif. „Dishonor The Stars“ ist ein Liebeslied zum Klavier. Wenn Costello von den „Sternen“ schwärmt, das Wort „stars“ bis auf drei Silben zieht und das Klavier dazu glitzert wie einer der Himmelskarfunkel, dann ist das reine, kitschfreie Romantik.

Burt Bacharach war wieder dabei – als Komponist und Musiker

Costello und seine ImpostersSteve Nieve am Piano, Pete Thomas am Schlagzeug und Davey Faragher am Bass – erschaffen eine jazzangehauchte, sehr soulige, ziemlich ausgeklügelte Version von Pop. Es gibt auf „Look now“ mehr Orchesterparts als Gitarren, der Geist von Philly-Sound und Bacharach schweben über diesem Album. Bacharach war sogar wieder mit Costello im Studio hat bei drei Songs mitgemischt – als Komponist und Musiker.

Die meisten der zwölf komplexen Songs brauchen freilich eine Weile, um zu wirken, aber dass sie über ihre feinen Melodien zünden werden, ist garantiert. Wobei es eigentlich 16 Stücke sind. Die Deluxe-Edition enthält die EP. „Regarde Maintenant“. Bei „Adieu Paris“ versucht sich Costello auf Französisch, was in etwa so ulkig ist wie Peter Gabriels Deutsch-Versuche. „You Shouldn’t Look at Me that Way“ der letzte Song, der den Albumtitel nicht wirklich relativiert. Und wer Costellos Neuer einen Blick schenkt, besser ihr sein Ohr leiht, wird mit erlesener Schönheit belohnt.

Elvis Costello & The Imposters: „Look Now“ (Concord Records), erscheint am 12. Oktober

Von Matthias Halbig / RND

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