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„Engel des Vergessens“ – eine große Entdeckung

Auszeichnung mit Bachmann-Preis „Engel des Vergessens“ – eine große Entdeckung

„Ich bin übervoll von Sprache“: Maja Haderlaps Roman „Engel des Vergessens“ ist mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Ihre Sprache ist so einfach wie poetisch.

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Die österreichische Autorin Maja Haderlap.

Quelle: dpa

Den Geruch des Bauernhofs hat man sofort in der Nase: „Es riecht nach Geselchtem und frisch gebackenem Brot. Ein saurer Dunst hängt über den Futterkübeln, in den Essensabfälle für die Schweine gesammelt werden  …“ Das Haus, in dem die Icherzählerin aus Maja Haderlaps Roman „Engel des Vergessens“ aufwächst, wirkt wie aus der Zeit gefallen. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts setzt die Geschichte ein, aber die abgearbeiteten Menschen, das karge Haus im Wald, die archaischen Verhältnisse scheinen viel weiter von unserer Gegenwart weit entfernt, fast wie aus dem 19.  Jahrhundert.

Doch die Familie der Icherzählerin ist vom 20. Jahrhundert und dessen Schrecken geprägt. Nach und nach stößt der Leser auf immer mehr Hinweise darauf, worum es in diesem autobiografischen Roman geht. Etwa wenn es über Haderlaps Großmutter heißt: „So wenig Brot gab es zu essen im Lager, so wenig, deutete sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger die Größe der Brotstücke an, die den Häftlingen zugeteilt wurde.“ „Engel des Vergessens“, der am Sonntag mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Roman, erzählt von slowenischen Kärntnern, von ihren Partisanenkämpfen gegen die Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, von Vergeltungsmaßnahmen der SS – und vor allem davon, welche Verluste und Wunden das alles in den Familien hinterlassen hat.

Haderlaps Muttersprache ist Slowenisch

Maja Haderlap, 1961 in Bad Eisenkappel geboren, gehört zur slowenischen Minderheit Kärntens; heute lebt sie in Klagenfurt, der Kärntner Landeshauptstadt. Haderlaps Muttersprache ist Slowenisch, erst in der Schule, sagt die Autorin, habe sie Deutsch gelernt. Seit den achtziger Jahren veröffentlichte sie Gedichtbände – auf Slowenisch. Doch diesen Roman hat sie in ihrer „zweiten Sprache“ geschrieben: Das Deutsche habe ihr eine Distanz zu den Erinnerungen und zum Text über ihre Familiengeschichte ermöglicht, die sie gebraucht habe.

Erzählt ist der erste Teil des Romans aus der Perspektive des kleinen Mädchens. Erst schnappt das Kind, dessen Namen nicht genannt wird, ab und an Begriffe auf, von Dachau, Ravensbrück und Mauthausen hört es, von Liquida­tion und unendlichem Hunger. Später spricht erst die Großmutter, dann auch der Vater von den Erlebnissen während des Krieges. Die Großmutter überlebte Ravensbrück, der Vater galt als „der jüngste Partisan“. Zahlreiche Nachbarn und Verwandte jedoch sind im Lager oder bei Kämpfen getötet worden, und der Vater bleibt von den Erlebnissen während des Krieges gezeichnet: Er trinkt, ist mehrmals dem Selbstmord nah, kann weder zu seiner Ehefrau noch zu den Kindern eine innige Beziehung aufbauen – „Er trinkt über die Maßen, weil er, seit er denken kann, nur mit Übertretungen, Übertreibungen und Maßlosigkeiten des Lebens zu tun hat.“

In einer Sprache, die so einfach wie poetisch ist, hat Maja Haderlap ihre Geschichte geschrieben. Man spürt beim Lesen, dass diese Autorin als Lyrikerin begonnen hat – so verdichtet sind die Sätze, so genau die vielen Naturbeschreibungen, besonders die Bilder, die sie für den Wald findet, der das Bauernhaus der Familie umgibt. Und auch um Suche nach Sprache geht es in dem Buch. „Ich bin übervoll von Sprache, von den slowenischen Wortgebilden, die ich von mir abgebe ins Leere, weil ich nichts mit ihnen anzufangen weiß“, heißt es an einer Stelle.

Als Erwachsene den Platz in der Welt suchen

Im zweiten, etwas schwächeren Teil des Romans erzählt Haderlap vor allem davon, wie sie als Erwachsene ihren Platz in der Welt sucht. Sie studiert Theaterwissenschaft, weil die Katastrophen auf der Bühne begrenzt seien, „alle Protagonisten überleben, auch wenn sie noch so oft zu Tode gebracht werden“. Doch passt sie als promovierte Wissenschaftlerin noch in die dörfliche Welt ihrer Eltern? Ist sie mehr slowenisch oder mehr österreichisch? Anfang der neunziger Jahre, als Jugoslawien zu zerfallen beginnt, zieht Maja Haderlap ins slowenische Ljubljana, das nicht allzu weit von Klagenfurt entfernt liegt. Doch dort spürt sie eine Fremdheit und Befremdung – bei aller Sympathie für die Bestrebungen, Slowenien aus der Jugoslawischen Föderation zu lösen. Sie erlebt zu der Zeit auch, wie die Rolle der Partisanen und der Befreiungsfront – der zentrale Gründungsmythos des kommunistischen Vielvölkerstaats Jugoslawiens – sich auflöst. Für viele ehemalige Partisanen, auch die in Kärnten, eine schmerzhafte Zeit.

In Kärnten schwelt der Konflikt um die slowenische Minderheit noch heute. Erst vor wenigen Tagen gab es wieder heftige Proteste gegen die Verordnung, dass Ortsschilder in einigen Gebieten eine deutsche und slowenische Beschriftung tragen sollen. In Deutschland weiß man nicht allzu viel über die slowenische Minderheit Österreichs. Maja Haderlap füllt diese Lücke mit einem ebenso ernsten wie schönen Buch, erzählt in einer unverwechselbaren Sprache.

Maja Haderlap: „Engel des Vergessens“. Wallstein. 288 Seiten, 18,90 Euro.

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