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Kultur Erasure: Elektropop mit Wohlstandsbauch
Nachrichten Kultur Erasure: Elektropop mit Wohlstandsbauch
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01:34 10.03.2018
Erasure-Konzert im Capitol in Hannover. Quelle: Frank Wilde
Hannover

 Ein Stuhl, ein Mikrofon und eine Stimme mehr braucht Andy Bell nicht, um die Fans zu begeistern. Mit den ersten Tönen von „Oh L’Amour“ auf der dunklen Bühne hat er das ausverkaufte Capitol bereits auf seiner Seite. Den Hit aus den Achtzigerjahren können alle im Schlaf mitsingen. Mit ihm auf Dauerschleife hatte seinerzeit schon Radio ffn für seinen Sendestart geworben. Nun steht er aber auch gleich für das, was die Fans an diesem Abend erwartet: Erasure, das britische Musikerduo, lädt ein zu einer Retroshow des guten alten Elektropops.

Selbst die Bühne ist retro: Ein paar bunte aber nüchterne Neonröhren im rechten Winkel unrahmen das Podest, auf dem sich Vince Clarke im Halbdunklen hinter seinen Synthesizern versteckt und gleichzeitig optisch über Sänger Andy Bell und die beiden Backgroundtänzerinnen erhebt. Er spielt mit dem Image des Genies im Verborgenen, lässt aber auch keinen Zweifel daran, wer der Kopf dieser Gruppe ist. Vince Clarke war einst ein Mastermind des Elektropop und Mitbegründer von Depeche Mode, die er allerdings früh verließ. Ein Intermezzo mit Yazoo, bei dem die fast stimmgleiche Alison Moyet den Part von Andy Bell spielte, war ähnlich erfolgreich wie die Anfangsjahre von Erasure

Die stimmlichen Künste von damals sind Andy Bell geblieben, auch die schrillen Outfits, die im Capitol während der Show Stück für Stück fallen, bis nur noch ein Catsuit mit Fake-Tattoo-Muster übrigbleibt. Auf der „World be gone“-Tour, mit der das Duo sein neues Studioalbum bewerben will, sind es aber genauso immer noch die alten Songs aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, die das Set tragen. Wegweisende Sounds suchen die Fans bei Vince Clarke inzwischen vergebens – genau wie die heißen Tanzschritte, mit denen Andy Bell die Stimmung vor der Bühne früher anheizte. 2018 schlendert der 52-Jährige wie einst Bernd Klüver in der ZDF-Hitparade vor dem Publikum hin und her, seinen kleinen Wohlstandsbauch vor sich herschiebend. „Meine Dancing Days sind vorbei“, räumte der Andy Bell jüngst selbst ein – und auch deshalb reagiert das Publikum auf jeden seiner seltenen Tanzschritte mit euphorischen Jubelstürmen.

Konzert von Erasure im Capitol in Hannover.

Die Fans feiern ihre Ikone trotz des bröckelnden Glamours. Was kümmert es, das viele Songs schon um die 30 Jahre alt sind, wenn man die Hits wie „Sometimes“ und „Ship of fools“ oder „Stop!“ deshalb umso leichter mitsingen kann. Es wirkt wie eine Wiedersehensfeier nach vielen Jahren: Alles ist wie immer, nur sind alle älter geworden. Am Ende kommt Vince Clarke für die Zugabe von seinem Podest herunter und spielt „A little respect“ auf der Gitarre. Es wirkt wie die Bitte um Wertschätzung für sein beachtliches Gesamtwerk als Musiker und Produzent und das, was das Duo noch im Stande ist zu leisten. Das Publikum im Capitol ist bereit zur Huldigung. 

Von Uwe Kranz

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