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Die Poesie der 140 Zeichen

Literarischer Salon Die Poesie der 140 Zeichen

Eigentlich kann man aufhören zu twittern. Denn der beste Tweet aller Zeiten sei schon geschrieben worden, sagt @NeinQuaterly. Er stamme von Mozart. Eric Jarosinski und Kathrin Passig erklären beim Symposiums „Kurz & Knapp. Erzählen und Wissen in kleinen Formen“, was sie an Twitter fasziniert.

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Große Bühne für die kleine Form: Kathrin Passig und Eric Jarosinski im Literarischen Salon Foto: Michael Wallmüller

Quelle: Michael Wallmueller

Hannover. Der hatte 1770 in seinem Tagebuch notiert: „Gar nichts erlebt. Auch schön.“

Mit über hunderttausend Followern ist @NeinQuarterly, der eigentlich ein US-amerikanischer Germanist namens Eric Jarosinski ist, ein echtes Twitter-Schwergewicht.

Kathrin Passig, die neben ihm auf dem Podium des Literarischen Salons im 14. Stock des Conti-Hochhauses sitzt, kommt nicht ganz auf diese Zahl, aber auch ihre dreißigtausend können sich sehen lassen. Im Rahmen des Symposiums „Kurz & Knapp. Erzählen und Wissen in kleinen Formen“, das von der Leibniz Universität organisiert wird, sollen die beiden erklären, was sie an Twitter fasziniert.

Dunkle Aphorismen

Jarosinskis Tweets lassen sich am ehesten als dunkle Aphorismen bezeichnen, die zwischen intellektuellem Sprachwitz und plattem Wortspiel angesiedelt sind. Ihn interessiert hauptsächlich die Kürze der Form. Die entlaste den Verfasser, auch mit der größten Schreibblockade seien die 140 Zeichen machbar, auf die der Kurznachrichtendienst einen Tweet beschränkt.

Andererseits, sagt er, sei „die größte Herausforderung, etwas exakt zu reduzieren.“ Immer noch sei er auf der Suche nach neuen Arten, die Form zu nutzen. Bis jetzt mit Erfolg: Seine Sprachspiele haben ihm eine Kolumne in der „Zeit“ eingebracht. Demnächst soll auch ein Buch mit Tweets von ihm erscheinen. Der Fischer Verlag wird es herausbringen. Der Titel: „Nein. Ein Manifest“.

„Wem Twitter zu langweilig ist, der folgt den falschen Leuten“

Der Journalistin und Autorin Kathrin Passig geht es bei Twitter gar nicht um die Kürze - sie interessiert eher das Zusammenspiel der User und die „halb-öffentliche Privatheit“, die eine neue Art der Kommunikation ermögliche. Sie vergleicht den Kurznachrichtendienst mit einem Bienenstock, in dem die einzelne Biene auch nicht wichtig sei, sondern nur die Masse an Tieren, die sich zu einem intelligenten System organisieren. „Wem Twitter zu langweilig ist, der folgt den falschen Leuten“, sagt sie.

Jarosinski und Passig haben sichtlich Spaß dabei, ihre jeweiligen Arten, Twitter zu nutzen auf der Bühne zu erklären und auseinanderzunehmen. Passig ist dabei angenehm trocken und lakonisch, Jarosinski enthusiastisch und ausschweifend. Beide beklagen, dass es keine weiterführende Forschung zu der kurzen Form gibt. „Jetzt müssen wir das wieder selbst machen“, sagt Passig.

Wissen und Poesie in 140 Zeichen

Das ist auch genau das, was „Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit für eine kurze Durchsage“ zeigt. Denn entgegen all der Kritik, die immer wieder über die Oberflächlichkeit der kurzen Form Tweet geäußert wird, zeigen Passig und Jarosinski auch anhand ihrer eigenen Tweets, das in den 140 Zeichen viel Wissen und Poesie Platz haben können.

Die beiden skizzieren ihre jeweiligen Arten Twitter zu nutzen, zwar nur grob. Aber schon diese grobe Skizze zeigt, dass es lohnenswert sein kann, einmal genauer hinzuschauen - auch wissenschaftlich. Denn das Symposium „Kurz & Knapp“ beschäftigt sich zwar ausschließlich mit kurzen Formen, meist allerdings mit historischem Fokus.

„Wechselwirkungen zwischen Erzählen und Wissen in literarischen Kleinformaten der Frühen Neuzeit“ ist da etwa der Titel eines Vortrags, oder „Kurznachrichten in wissenschaftlichen Zeitschriften, 1850-1930“. Tweets, als wichtigste kurzen Formen der Gegenwart, die sowohl der Kommunikation im Internet wie auch dem Journalismus neue Möglichkeiten eröffnet hat, tauchen hier nur am Rande auf. Was zum Einen daran liegt, dass die Forschung auf dem Gebiet noch in den Kinderschuhen steckt. Zum Anderen ist es auch, wie Passig mit dem Medienwissenschafter McLuhan sagt, „schwer, über eine Medienrevolution zu sprechen, während man noch mitten drin steckt.“

So zerfasert leider auch der Abend stellenweise. Das liegt an der fehlenden Moderation, aber auch daran, dass die beiden Twitter-Experten - wie sie auch immer wieder betonen - sich erst selbst vorsichtig in das weitgehend unbeforschte Gebiet vortasten müssen, so dass jeder Satz, jede These zunächst einmal eher experimentell geäußert wird.

Aber trotzdem scheinen hin und wieder kleine Wissensperlen auf, für dich sich das Folgen lohnt. Wie auf Twitter, eben.

Von Jan Fischer

Kurz und Knapp

„Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit für eine kurze Durchsage“ fand im Rahmen des Symposiums „Kurz & Knapp. Erzählen und Wissen in kleinen Formen“ der Leibniz Uni statt.

Am Sonnabend spricht Lisa Gotto im Schloss Herrenhausen über „Micro-Movies. Zur medialen Miniatur des Smartphone Films“. Mehr:  www.engsem.uni-hannover.de

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