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Warten Sie mal ...

Eröffnung der Theaterformen Warten Sie mal ...

Martine Dennewald hat am Donnerstag mit der Performance "Still" die 25. Theaterformen eröffnet. Und was für ein Auftakt das war: Ein Containerdorf lädt zum Warten ein. Das ist alles andere als langweilig.

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Nur Geduld, auch um 15.05 Uhr bei 32 Grad: „Still“, eine Installation von Julian Hetzel. Foto: Petrow

Quelle: Florian Petrow

Hannover. Was für ein Auftakt! Was für ein berührendes, fesselndes Spiel! Und was für ein Thema: Warten! Der Regisseur und Musiker Julian Hetzel hat für das Festival Theaterformen auf dem Opernplatz ein kleines Containerdorf aufbauen lassen. In den Containern zeigt er „Still“, eine Performance, bei der es um Aspekte des Wartens geht. Natürlich muss der Zuschauer hier auch selber warten. Aber nie war Warten spannender, tiefer, berührender.

Das mag auch daran liegen, dass man hier zwar auch allein wartet, aber dass das Warten vor allem ein sozialer Akt ist. Der Zuschauer lernt Warteexperten kennen, wie einen Herrn vom Sicherheitsdienst oder eine Frau, die obdachlos ist. Sie werden nicht von Schauspielern dargestellt, sondern stellen sich selber vor. Kein Zuschauer ist gezwungen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, aber man kann sie fragen, dann antworten sie. Die Obdachlose wird Muttchen genannt. Sie ist mit einem Rollator, ein paar Koffern und einer großen Ikea-Tüte unterwegs. Normalerweise. Jetzt steht das alles hinter ihr und sie erzählt, wie das so ist, draußen auf der Straße. Wie das so ist mit den Stammplätzen und dass man sich an Tagen wie diesen vor der Sonne in Acht nehmen müsse. Und manchmal erzählen die Zuschauer auch etwas von sich.

„Es gibt aber auch viele, die schweigen“, sagt Muttchen.

„Und, was gefällt Ihnen besser, Reden oder Schweigen?“

„Reden“, sagt sie.

In einem anderen Raum ist eine See-installation aufgebaut. Ein Mann steht im Wasser. Man sieht ihn von hinten. Er bewegt sich nicht. Es dauert etwas, bis man feststellt, dass das keine Puppe, sondern ein lebendiger Mensch ist. Er steht da und schaut auf den weißen Horizont. Grillen zirpen, Nebel wallt; da, ein Blitz. Der Mann bewegt sich so gut wie nicht. Die Sache wird zum Aushaltespiel. Wer schafft es länger? Zuschauer oder Darsteller? Unversehens gerät man dabei ins Nachdenken über das Verrinnen der Zeit. Über das Leben und auch über den Tod. Und dann verlässt man den Raum. Der Mann bleibt stehen und wartet auf den nächsten Besucher. So eine Warteperformance ist ein Wagnis. Und dieses hier ist auf grandiose Weise geglückt.

Wagnisse sind wichtig bei einem Theaterfestival - und es dürfte davon bis zum 12. Juli noch einige geben. Gestern Abend wurde die 25. Ausgabe der Theaterformen eröffnet. Martine Dennewald, die neue Leiterin, dankte ihrem Team, den Künstlern und den Unterstützern (dem Land Niedersachsen, der Stadt Hannover, der Stiftung Niedersachsen, der Stiftung Nord/LB und der Bundeszentrale für politische Bildung und einigen anderen). Die Festrede hielt die Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin Annemarie Matzke. Sie erinnerte an vergangene Folgen des Festivals - und an die vielen Momente, in denen bei diesem Festival das Publikum herausgefordert und zum Mitspieler wurde. Die Erfahrung mit Julian Hetzels Wartetheater könnte sie dann vielleicht in ihrer Rede zum 50. Geburtstag der Theaterformen unterbringen.

„Still“ läuft bis Sonntag, 12. Juli, auf dem Opernplatz. Karten gibt es unter der Nummer (05 11) 99 99 11 11 oder vor Ort an einer Abendkasse.

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