Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Nachteile von Liegeballett
Nachrichten Kultur Die Nachteile von Liegeballett
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 07.07.2015
Vladislavs Nastasvševs . Teater NO99 . Die Wahrheit, nach der ich mich gesehnt habe.  Quelle: Tiit Ojasoo
Anzeige
Hannover

Kaum ein Thema ist für Künstler interessanter als ihre letzte Produktion. „Haben Sie es gesehen?“ Und: „Was ist ihnen davon in Erinnerung geblieben?“, so fragen sie gern. Der Theatermacher Xavier Le Roy, der einen gewissen Nimbus hat, weil er vor Beginn seiner künstlerischen Arbeit als Molekularbiologe tätig war (was eigentlich immer erwähnt wird, wen von ihm die Rede ist), beginnt seine Produktion „Untiteld“, die er bei den Theaterformen präsentiert, mit einem Publikumsgespräch. Thema: Seine letzte Arbeit. Zwei Zuschauer meldeten sich auf die Frage, ob jemand das Stück in Berlin oder sonstwo gesehen habe, zu Wort und erzählten wie es war: dunkel. Und irgendwelche Schnüre am Boden soll zu sehen gewesen sein.

Zur Galerie
Das Festival Theaterformen wird 25 Jahre alt. Vom 2. bis 12. Juli 2015 feiert das Festival im Jubiläumsjahr in rund 130 Veranstaltungen die Vielfalt zeitgenössischer Theaterkunst in Hannover – erstmalig unter der künstlerischen Leiterin Martine Dennewald.

Das Publikum folgt der Nabelschau und dem vermeintlichen Erinnerungsverlust des Künstlers, der sich alles genau erklären lassen muss, mit Andacht. Die Zuschauer wissen, mit wem sie es zu tun haben: Xavier Le Roy ist dafür bekannt, die Konventionen des Theaters in Frage zu stellen und mit Zuschauererwartungen zu spielen. Also erwartet man am besten gleich etwas ganz anders.

Dann wird es tatsächlich dunkel und dann sind tatsächlich Schnüre zu sehen. Sie verlaufen am Boden und verbinden anscheinend die Extremitäten einer grau gekleideten Figur mit denen einer Marionette. Bis sich die menschengroße und ebenfalls grau gekleidete Marionette in Bewegung setzt, dauert es ziemlich lange. Die menschengleiche Marionette kann sich aufrichten und ein paar Schritte andeuten und schaukeln und schweben. Der Choreograf liegt derweil am Boden und zieht an den Schnüren. Derartiges Bodenballett (das konzeptionell wohl etwas Besonders , tänzerisch hingegen eher unbequem ist) gibt es auch im dritten Teil. Da liegt Le Roy am Boden, bewegt die Hand, den Fuß, das Bein. Nachdem er aufgestanden ist, ist das Stück zu Ende. Einige Zuschauer sind sehr begeistert. Andere denken wohl auch über die Nachteile von Liegeballett nach.

Bandbreite internationaler Theaterformen

Sicher, ein Theaterfestival darf nicht Theater präsentieren, dass es jeden Tag gibt, es ist für das Neue, für das Herausfordernde da. Davon gab es am Eröffnungswochenende reichlich. Die Gruppe Mundo Perfeito des portugiesischen Regisseurs Tiago Rodrigues zeigte im Ballhof Zwei eine erstaunliche Version von „António e Cleópatra“. Es ist reines Sprechtheater. Sofia Dias und Vítor Roriz beschwören eine Liebe rein in Worten. Beide sind Erzähler der großen Liebesgeschichte. Ihre Sprache kommt uns ganz nah (was auch daran liegt, dass auf der kleinen Ballhofbühne mit elektronischer Sprachverstärkung gearbeitet wird). Selbstverständlichkeiten werden erwähnt: Kleopatra atmet aus, Antonio atmet ein immerwiederimmerwieder, viele, viele Male. Diese Wortwiederholungen verstören zuerst, entwickeln dann aber doch einen ganz eigenen Reiz, denn die beiden Schauspieler kommen uns mit Sprache ganz nah. Das ist schön. (Und am Ende hat man sogar das Gefühl, jetzt ein bisschen Portugiesisch zu verstehen).

Estnisch ist viel schwieriger. Aber in „Die Wahrheit, nach der ich mich gesehnt habe“ gibt es eben auch keine Wortwiederholungen, die das Verstehen leichter und den Blick auf die Obertitel verzichtbar machen. Stattdessen gibt es Geschichten. Viele Geschichten. Die estnische Gruppe Teater NO99 des lettischen Regisseurs Vladislavs Nastavsevs spielt eine Art choreographisches Theater nach Texten des estnischen Schriftstellers Mats Traat. Es sind Geschichten von merkwürdigen Todesfällen, Verbrannte, Erschossene, Zerquetschte, Ertrunkene erzählen, wie sie zu Tode kamen. Die Bühne wirkt folklorisitsch: fünf Darsteler gruppieren fünf kalte Bürostühle immer wieder neu. Der Boden ist mit altem Laub bedeckt. Jeder Schritt wird so von Knistern begleitet und es riecht nach Herbst. Das Theater der Untoten ist auch ein Christoph-Marthaler-Gedächtnistheater. Die Akteure tragen braune Kunststoffpullover, fiese Strickjacken, Kassenbrillen. Aber anders als bei Marthaler singen sie nicht. Was schade ist ist.

Ansonsten ist das estnische Stuhltheater reichlich aufgedreht und lärmend.

Etwas ganz Ähnliches hat die Gruppe auch bei den Theaterformen im vergangenen Jahr in Braunschweig präsentiert. Man kann das Stil nennen. Oder auch: Masche.

Theaterformen am Montag: „By Heart“ von Tiago Rodrigues, „Joseph Kids“ von Alessandro Sciarroni und „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll. Weitere Infos gibt es unter www.theaterformen.de

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Die Puhdys auf der Gilde-Parkbühne - "Es ist Zeit zu gehen"

Die Puhdys, 1969 gegründet, sind auf Abschiedstour. Auf der Gilde Parkbühne feierten gut 2000 Besucher ein letztes Mal Dieter „Maschine“ Birr, Dieter „Quaster“ Hertrampf, Peter „Eingehängt“ Meyer, Klaus Scharfschwerdt und Peter „Bimbo“ Rasym.

06.07.2015
Kultur 45. Roskilde Festival - Friede, Freude, Fegefeuer

Die 45. Auflage des Roskilde Festival geht am Sonnabend zu Ende. 170 Bands treten dabei auf acht Bühnen auf.Rock, Pop, Indie, Reggae, Funk, Electro, Metal: Alles ist vertreten, für jeden ist etwas dabei. 30.000 freiwillige Helfer halten das Geschehen am Laufen.

06.07.2015
Kultur Eröffnung der Theaterformen - Warten Sie mal ...

Martine Dennewald hat am Donnerstag mit der Performance "Still" die 25. Theaterformen eröffnet. Und was für ein Auftakt das war: Ein Containerdorf lädt zum Warten ein. Das ist alles andere als langweilig.

Ronald Meyer-Arlt 06.07.2015
Anzeige