Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Warum die neue Conti-Zentrale gut für Hannover ist

Architekturentwurf Warum die neue Conti-Zentrale gut für Hannover ist

Die Continental AG hat beschlossen, ihren neuen Firmensitz am Pferdeturm zu bauen. Bis zum Jahr 2021 soll das Gebäudeensemble, das Platz für 1200 Mitarbeiter bietet, bezogen werden. Das ist eine gute Nachricht für die Stadt Hannover.

Voriger Artikel
„Getestet und für geil befunden“
Nächster Artikel
Klassik in der Stahlhalle

Hannovers neuer Eingang Ost – die künftige Zentrale von Continental.

Quelle: Continental / Körner

Hannover. Stadtbahnquietschen. Indians. Eilenriede. Bundeswehr. Brachen. Tanke. Autohauslangeweile. Staus. Grünstreifen, grau unter Staub und Abgasen. Bürohauslangeweile. Die Ausfallstraße als Spur nach innen.

Manchmal weiß man gar nicht mehr, dass man eine Frage hatte, bis man die Antwort bekommt. Die Frage, verschüttgegangen unter dem täglichen Gleich-ist-Bürobeginn und Warum-fährt-der-nicht-schneller (Autoperspektive) oder All-die-müden-Gesichter (Straßenbahnperspektive) war, wieso eigentlich die östliche Zufahrt zum Zentrum so zerfasert sein muss. Warum man, wenn man die Pferdeturmkreuzung passiert, gar nicht das Gefühl hat, in die Stadt zu fahren. Sondern in ein Konglomerat aus zusammengewürfelten Zwecken. Die Frage war: Warum bekomme ich hier kein Gefühl dafür, wo ich bin. Die Antwort ist: Weil dort Conti gefehlt hat.

Die Continental AG, 1871 gegründet, hervorgegangen aus den Resten einer pleitegegangenen kleinen Gummifirma an der Vahrenwalder Straße, ist heute ein Weltunternehmen, Marktführer in Sachen Reifen, aber längst auch globaler Autozulieferer. Elektronik, Steuerung, Sensoren - vieles davon, womit moderne Autos denken, stammt von Conti. Und diese Continental AG hat nun beschlossen, ihren neuen Firmensitz 2021 beiderseits der Hans-Böckler-Allee zu beziehen, ein Gebäudeensemble mit Platz für mehr als 1200 Mitarbeiter, verbunden über die Straße mit einer 45 Meter langen, gläsernen Brücke.

Das ist gut für die Stadt

Das ist gut. Gut für die Stadt. Eine Verlagerung des Firmensitzes hätte einen riesigen Verlust an Kreativität, Ansehen, Kinderlachen, Steuern, Intelligenz, Kaufkraft und Lebendigkeit zur Folge gehabt. Es ist auch gut für die Stadt, weil die neue Firmenzentrale dem Eingang Ost endlich eine Form gibt.

Die hatte er schon mal, mit dem Pferdeturm, der im 14. Jahrhundert als Teil der Landwehr errichtet wurde. Aber seine Bedeutung ist im Laufe der Zeit zerbröselt. Jetzt übernimmt (endlich) das neue Conti-Gebäude.

Die Frage ist bloß, wie. Man darf über Architektur nicht nur nach Reißbrettzeichnungen und Computeranimationen richten. Aber man darf die Anmutungen, die die Computeranimationen transportieren, beurteilen.

Der Gewinner des Architektenwettbewerbs ist Gunter Henn, Prof. Dr.-Ing. und Leiter eines international renommierten Münchener Büros. Auf der Internetseite dieses Büros wird einem schwindelig vor lauter Glas und Stahl, zu seinen Werken gehören die Autostadt Wolfsburg und die Gläserne Manufaktur von VW in Dresden. Gunter Henn ist eine Marke. Damit passt er zu Conti.

doc6v9pqiqj0wgh7emp5e4

Fotostrecke Hannover Aus der Stadt: So soll die neue Conti-Zentrale aussehen

Zur Bildergalerie

Sympathisch ist, dass Henn die mögliche sechsstöckige Bebauung am Pferdeturm nicht ausgenutzt, sondern nur vier Stockwerke geplant hat. Ein Hochhaus, erzählt er, habe Conti-Chef Elmar Degenhart ausgeschlossen, Hochhaus stehe für Macht, Degenhart habe Hierarchiefreiheit gewollt. Sympathisch ist die geplante Ziegelfassade im Erdgeschoss, eine Reminiszenz an die Vahrenwalder Straße. Sympathisch ist auch, dass Henn nicht nur Großraumbüros (der Alptraum der Denkenden) und nicht nur Einzelbüros (der Alptraum der Kommunikativen) schaffen wird, sondern beides - weil Menschen eben manchmal Austausch und manchmal Ruhe brauchen.

Sehr schön ist Henns Idee einer sich im zweiten Stock durch alle sechs Einzelbauten ziehenden Laufzone für Gespräche, zum Rausgucken, Kaffeetrinken, Träumen, Telefonieren, spontan Konferieren. Die Conti-Antwort auf die Teeküche. Henn nennt das „Knowledge Track“, in bestem Konzern-Textbaustein-Deutsch. Der von außen sichtbare Teil des Tracks ist die gläserne Brücke über die Hans-Böckler-Allee. Witzig, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, ist dabei, dass die Conti-Mitarbeiter dort aus acht Metern Höhe auf das herabschauen werden, was sie herstellen: „Motion“, wie Conti sagen würde. Aber eben auch: Blechlawinen. Staus. Langsamweg statt Schnellweg.

Weltarchitektur wird das nicht

Und ein paar Dinge sind diskussionswürdig. Die Brücke ist eine Brücke, kein Stadttor. Henn selbst spricht von einer „High Line“ wie der in New York stillgelegten und zum Park umfunktionierten Hochbahngüterstrecke. Aber auch der Vergleich klingt eher gewagt: Das da wird eine Bürolaufbahn, kein Garten. Die von Conti formulierte Vorgabe, einen Campus zu schaffen, war zudem gar nicht umsetzbar. Ein Campus muss luftig und durchlässig sein, aber auch einen gewissen Schutz bieten. Das geht nicht mit einer achtspurigen Straße plus Stadtbahngleisen plus Rad- und Fußwegen mittendurch. Der Haupteingangsplatz von Conti wird zur Straße hin verglast, also verschlossen sein, sonst würde der Lärm die Leute verrückt machen.

Und nicht zuletzt: Der Einfallswinkel des Siegerentwurfs (wenn man das so formulieren darf) war vielleicht nicht allzu steil. Henn hat schon spannendere Gebäude entworfen. Im Wettbewerb gab es elegantere und mutigere Ideen. Conti ist ein Weltkonzern, aber Weltarchitektur wird die neue Firmenzentrale so nicht werden. Kein Hingucker. Obere Mittelklasse.

Aber vielleicht reicht das ja. In jedem Fall wird endlich die Kriechspur am Pferdeturm Richtung Stadt vernünftig eingefasst.

Bert Strebe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Knust, Kanten, Scherzel: Was sagt man wo zum Anfang und Ende vom Brot?

Knust oder Kanten, Knäppchen oder Knietzchen, Kruste oder Scherzel: Was sagt man wo zum Anfang und Ende vom Brot? Sprachwissenschaftler haben einige interessante Begriffe zusammengetragen.