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Warum der anthrazitfarbene Anbau Angst macht

Erweiterung des Sprengel Museums Warum der anthrazitfarbene Anbau Angst macht

Am 18. September wird der Sprengel-Anbau offiziell eröffnet. Der Anbau für 35 Millionen Euro hat es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht leicht gehabt. Warum aber wurde die Diskussion um den Betonquader mit solcher Wut geführt? Eine Vermutung von Bert Strebe.

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Die Künstlerin, die sprüht

Wenn man dieses Empfinden von Hässlichkeit wie ein Paket aufschnürt und das Packpapier zur Seite schiebt, dann liegt da wahrscheinlich: Angst. Der Sprengel-Anbau.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Tod, Trauer, Einsamkeit. Die dunkle, dunkle Nacht. Und: das Böse. Das ist es, was uns zu der Farbe Schwarz einfällt. Schon klar, Schwarz ist keine Farbe, Schwarz ist das Fehlen von Licht. Eben.

Brikett, Bunker, der schwarze Block. Krematorium. Und: Sarkophag. Das ist es, was uns zum Erweiterungsbau des Sprengel-Museums einfällt. Da fehlt doch jede Menge Licht, oder? Da denkt man doch den halben Tag an den Keller und wie man als kleines Kind nicht die Treppe runterwollte. Und eine kleine, leise Stimme in uns sagt: Düsternis, Bedrohung – Angst.

Die neue Fassade ist enthüllt – und die hannoverschen Bürger sind nicht gerade begeistert. Der Sprengel-Anbau hat sorgt für viel Gesprächsstoff in der Stadt und im Netz.

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Angst?, denken wir sofort. Wir haben doch keine Angst. Wir finden den Klotz bloß hässlich.
Sicher. Aber wenn man dieses Empfinden von Hässlichkeit wie ein Paket aufschnürt und das Packpapier zur Seite schiebt, dann liegt da wahrscheinlich: Angst.
Angst vor Veränderung. Alles ist unsicher, der Job, die Beziehung, die Kinder tun, was sie wollen, jetzt müssen wir die Eltern wahrscheinlich ins Heim stecken, das ganze Leben knallt auseinander, einfach so. Und dann verbaut diese blöde Stadt auch noch die Aussicht am Maschsee.

Angst vor dem Unbekannten. Da kann man ja gar nicht reingucken! Was, zur Hölle, machen die eigentlich ständig mit unseren Steuergeldern? Die müssen doch was zu verbergen haben, wenn sie nicht mal Fenster reinbauen.

Die Politiker, Museumsleute, Architekten reden von Bruttogeschossfläche und Traufhöhe und Eleganz und Tollklasseprima. Sie sagen, dass der Bau doch gar nicht schwarz ist, sondern anthrazitfarben. Die Politiker, Museumsleute, Architekten sagen: Nun wartet doch mal, bis alles fertig ist. Bis die Bilder hängen.

Warum regen wir uns eigentlich so auf?

Da wird uns etwas vor die Nase geklatscht, das im Wortsinn undurchschaubar ist. Und wir sollen warten?
Schulterzucken. Resignation. Was soll man tun, denken wir.

Da meldet sich wieder die kleine, leise Stimme in uns. Sie fragt: Warum regen wir uns eigentlich so auf? Warum wird diese Diskussion mit solcher Verve, solcher Wut geführt? Was stört uns an Unsicherheit, am Unbekannten? An Tod, Trauer, der Nacht und dem Bösen? Stört uns vielleicht, dass das alles auch in uns selbst steckt?
Stille. Ziemlich lange Stille.

Dann sagt die kleine, leise Stimme in uns: Noch mal genau hinschauen.
Also schauen wir noch mal genau hin.

Brikett, Bunker, der schwarze Block. Der Sprengel-Anbau in der Nahaufnahme

Brikett, Bunker, der schwarze Block. Der Sprengel-Anbau in der Nahaufnahme.

Quelle:

Wir gehen dafür zuerst gar nicht zum Sprengel-Museum, sondern auf die andere Seite des Maschsees, ans Westufer, und gucken über das Wasser. Wir sehen den weißen, blendenden Sichtbeton vom ersten Bauabschnitt aus den Siebzigerjahren. Wir sehen die weiße, blendende Blechkiste des zweiten Bauabschnitts. Und der Anbau? Ach da. Rechts. Kaum zu sehen. Ragt nicht mal über die Bäume. Von hier aus wirkt er, na ja, fast bescheiden. Komisch, bei dem Riesenkasten.

Dann gehen wir wieder näher. Nah ran. Blick in den Himmel, die Wolken ziehen. Blick die Fassade hoch – tatsächlich! Das Licht, sogar die Bewegung der Wolken, spiegelt sich in diesem geschliffenen Grau. Gut, ist es eben nicht schwarz. Und da, an manchen Stellen, glänzt der Beton, an manchen ist er matt. Teils glatt, teils rau. Überhaupt verändert sich die Oberfläche offenbar je nach Tageszeit und Temperatur und dem Winkel der Sonnenstrahlen, und wenn die Luft feucht wird und wieder trocken.
Okay. Nicht so langweilig, wie es auf den ersten Blick aussah.

Zurück auf die andere Seite der Straße. Da, der Sockel. Der ganze Schuhkarton steht auf einem Fuß aus Glas. Das ist jetzt aber wirklich schwarz. Und weil es wirklich schwarz ist, spiegelt sich das Seeufer darin. Die Autos, die Bäume, der Kiosk. Sogar das Wasser.
Sogar wir.
Wir sind da drin.

Der Bau muss sich verschließen

Wir? Da drin? In dieser Betontruhe? In einem Bau, der sich uns so offenkundig verschließt?
In diesem Moment meldet sich die leise Stimme wieder, sie ist noch leiser als sonst. Sie sagt, dass er das tun muss, der Bau. Dass er sich verschließen muss. Nicht, weil er abweisend daherkommen will. Sondern weil er ein Geheimnis in sich trägt. Und weil er dieses Geheimnis schützen muss. Dieses Geheimnis ist die Kunst.

Klammer auf: Klar, es geht um tausend weitere Aspekte. Das Architektenbüro Meili + Peter ist stolz, dass es sein glänzendes, mit dem Licht spielendes Betonstreifenrelief an die matte Fassade geklebt hat, was die Hälfte der sonstigen Architektenschaft schauderhaft findet, denn das Relief ist nur schön und hat sonst keinen Nutzen – so was mögen Architekturpuristen nicht. Stadt und Land und Museumsdirektor Reinhard Spieler sind stolz darauf, dass das Museum Weltniveau erreicht, auch mit seiner perfekten Steuerung aus Kunstlicht und abgeschirmtem Tageslicht, stolz darauf, dass ganze Transporter in den Bauch des Gebäudes hineinfahren können, dass es im Keller einfamilienhausgroße Kühlschränke für empfindliche Objekte und dass es endlich Platzplatzplatz gibt. Die Ingenieure sind stolz auf ihr Können, das sich in jedem Fassadenquadratzentimeter und in der Einhaltung unzähliger Vorschriften manifestiert. Und in dem atemberaubenden Calder-Saal am Übergang von Alt- und Neubau mit seiner riesenhaften, schweren, aber federleicht wirkenden weißen Treppenrampe. Und alle Beteiligten sind hoffentlich nicht so stolz auf die Kostenüberschreitung. Aber wenn man alles bedenkt, dann wundert man sich, dass all das für knapp 36 Millionen Euro zu haben ist. Klammer zu.

Es geht nur um die Kunst

Im Kern geht es nur um die Kunst. Das Gebäude ist die Hülle, die sich wie ein dunkler, warmer Mantel schützend um alles legt. Drinnen können wir die Kunst betrachten, trocken, behütet, geborgen.
Und darum wiederum geht es im Kern des Kerns: um das Anschauen. Kunst als Kunst ist ja völlig egal. Ihre Wirkung entfaltet sie erst, wenn wir sie sehen. Dann tut sie was: Sie leuchtet in unser Innerstes hinein. Das merkt man oft gar nicht sofort. Deswegen sind die ganz leicht gegeneinander verschobenen Räume im Anbau, die der Architekt „tanzende Räume“ nennt, auch so wunderbar: Man sieht gar nicht richtig, dass die Wände nicht völlig gerade sind. Man spürt nur diese winzige Irritation. Genauso wie beim Betrachten eines Bildes, das vorgibt, bloß irgendeine Blume oder ein monochromes Quadrat zu zeigen. Und in Wirklichkeit berührt es etwas in uns.

Die Fassade wirkt dunkel und fremd, aber sie verweist nur auf das Innere des Baus, das wiederum unser Inneres spiegelt, in dem es manchmal eine Düsternis gibt, an die uns die Fassade erinnert.
Wir haben gar keine Angst vor dem Sprengel-Anbau. Und wir müssen keine Angst vor der Finsternis in uns haben. Da drin ist es nicht dunkel und böse und traurig. Es ist hell. Und schön. Wir müssen bloß das Licht hineinlassen.     

Von Bert Strebe

Die Eröffnung des Sprengel-Anbaus

Die neuen Räume stehen im Mittelpunkt der ersten Ausstellung im Erweiterungsbau. Zwölf Künstler wurden eingeladen, mit jeweils einer Installation den Dialog mit der Architektur zu suchen. Am Sonnabend, 19., und am Sonntag, 20. September, sind das Sprengel-Museum und sein Erweiterungsbau für alle Besucher geöffnet – der Eintritt ist frei. Am 18. September findet die Eröffnungsfeier mit geladenen Gästen statt. Die Eröffnungsausstellung ist bis zum 10. Januar zu sehen.

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HAZ-Verlosung

Am 18. September soll der Erweiterungsbau des Sprengel-Museums offiziell eröffnet werden. Etwa 20 HAZ-Leser konnten sich den umstrittenen Bau schon am Mittwoch ansehen. Sie hatten die Verlosung gewonnen und wurden nun von Museumsdirektor Reinhard Spieler persönlich durch die Räume geführt.

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