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00:23 16.07.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
In Kostümen aus den vierziger, fünfziger Jahren bewegen sich die Darsteller weitgehend tanzend über die große Bühne. Quelle: Hillbrecht
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Bad Gandersheim

Ob María Eva Duarte de Perón, genannt Evita, eine große Frau oder nicht, ist nicht die Frage. Wichtig ist, dass sie auf der Bühne groß erscheint. Und da hat der Regisseur ein Problem, wenn die Darstellerin der Evita von den meisten anderen Sängerinnen und Tänzerinnen des Ensembles deutlich überragt wird. Auf der Freilichtbühne von Bad Gandersheim, wo Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ jetzt als zweite Produktion der Festspiele Premiere hatte, löst man die Sache ganz pragmatisch. Immer wenn Franziska Schuster in der Rolle der Evita etwas Wichtiges zu verkünden hat, wird ein Podestchen herbeigeschafft, von dem aus sie dann die Einigkeit des argentinisches Volkes oder ihr reines Herz besingen kann. Für das berühmte „Don’t Cry for Me Argentina“ (hier auf Deutsch gesungen), dem Schlüssellied und der Erkennungsmelodie des Musicals, muss sie dann aber noch ein bisschen höher hinaus. Dafür wird eine balkonhohe Rednertribüne vors Domportal gesetzt. Unten stehen zehn Darsteller und spielen Volk. Sie himmeln Evita an – und Evita strahlt von oben auf sie herab. Geht doch.

„Evita“, geschrieben von Tim Rice, komponiert von Andrew Lloyd Webber (die zuvor, Anfang der siebziger Jahre, bereits bei „Jesus Christ Superstar“ zusammengearbeitet haben), ist ein unverwüstliches Musical, dessen Hits bei keiner Musicalgala fehlen dürfen. Es passt gut auf große Bühnen – kaum ein Open-Air-Theaterfestival hat nicht irgendwann „Evita“ auf dem Spielplan. In Bad Gandersheim steht die aufstrebende Evita bereits zum zweiten Mal vor dem Dom. 1998 wurde hier zum ersten Mal „Evita“ gespielt. Der Erfolg des Musicals hat weniger mit der Handlung (zielstrebiges Mädchen aus dem Dorf steigt zur First Lady auf, wird dann von der Krankheit niedergestreckt) als mit der Musik zu tun. Das, was Lloyd Webber komponiert hat, ist wie Sprühsahne: druckvoll, süß und sehr sättigend. Man hat recht lange etwas davon.

Rice bindet die Geschichte vom Aufstieg der zielstrebigen Evita in eine Rahmenhandlung ein: In einer argentinischen Tangobar erfahren die Gäste vom Tod der First Lady und sind schockiert. Einer aber zweifelt die Herzensgüte der Präsidentengattin an und erzählt ihre Lebensgeschichte. Dieser Che genannte Gast führt uns durch Evitas Leben. Patrick Stamme singt klar, geradlinig, angenehm. Man hört ihm gern zu. Anders ist das bei Franziska Schuster in der Titelrolle. Sie singt sehr forciert (was zur Rolle passen mag) und klingt oft schrill (was stört). Der Klang aus den Lautsprechern ist merkwürdig blechern, wie aus dem Dosentelefon. An der musikalischen Leitung liegt das aber nicht: Heiko Lippmann führt sein neunköpfiges Orchester souverän und mit großer Präzision.

Regisseur Craig Simmons verzichtet auf augenzwinkernde Beigaben zum deutsch-argentinischen Verhältnis, das am Premierenwochenende ja eine gewissen Bedeutung hatte (Ministerpräsident Stephan Weil, der Schirmherr der Festspiele ist, wies in seiner kurzen, witzigen Eröffnungsansprache darauf hin). In Kostümen aus den vierziger, fünfziger Jahren bewegen sich die Darsteller weitgehend tanzend über die große Bühne. Alles passt ganz schön zusammen, aber nichts fällt aus dem Rahmen. Augenzwinkern? Ironie? Nichts da. Der Stoff wird gründlich abgearbeitet. Die Balletteinlagen (Choreografie: Hardy Rudolz, der auch als Perón auf der Bühne steht) sind manchmal etwas überinszeniert. Wenn die Generalität vom angedeuteten Stepptanz zum Schuhplattler wechselt, sieht das nach Sieben-Zwerge-Tanz aus.
Dem Publikum gefiel’s zwar recht gut, zum Applaus im Stehen mochten sich viele Zuschauer aber doch nicht aufraffen.

Das Musical wird noch bis Freitag, 22. August, aufgeführt.

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